
Der Personalmangel im öffentlichen Dienst hat sich nach Einschätzung des dbb beamtenbund und tarifunion weiter verschärft. Nach einer aktuellen Abfrage unter den 41 Mitgliedsgewerkschaften des Verbandes fehlen Bund, Ländern, Kommunen und weiteren öffentlichen Arbeitgebern zusammen rund 631.000 Beschäftigte. Der dbb veröffentlichte die Zahl am Donnerstag, 27. August 2026. Sie beschreibt allerdings nicht die Zahl amtlich registrierter offener Planstellen, sondern den von den Gewerkschaften ermittelten zusätzlichen Personalbedarf, um die bestehenden staatlichen Aufgaben aus ihrer Sicht angemessen erfüllen zu können.
Damit liegt die jüngste dbb-Schätzung deutlich über früheren Angaben. Der im Januar veröffentlichte Monitor öffentlicher Dienst 2026 ging noch von rund 600.000 fehlenden Beschäftigten aus. Ein Jahr zuvor hatte der Verband den Fehlbestand mit rund 570.000 beziffert. Die unterschiedlichen Werte zeigen einen steigenden, vom dbb ermittelten Personalbedarf. Sie dürfen jedoch nicht mit einer amtlichen Statistik über ausgeschriebene und unbesetzte Stellen gleichgesetzt werden.
Nach der aktuellen Gewerkschaftsabfrage sieht der dbb die größten personellen Lücken in mehreren Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge. Für die Kranken- und Altenpflege beziffert der Verband den zusätzlichen Bedarf auf 125.200 Beschäftigte. An Schulen seien rund 120.000 Kräfte erforderlich, in den Kommunalverwaltungen rund 112.000 und in Kindertageseinrichtungen etwa 97.000. Für die Finanzverwaltung nennt der dbb zusätzlich eine Lücke von rund 50.000 Beschäftigten.
Diese Zahlen beruhen auf Angaben und Einschätzungen der Mitgliedsgewerkschaften des dbb. Eine unabhängig erhobene amtliche Statistik, die den Gesamtwert von 631.000 fehlenden Beschäftigten bestätigt, lag zunächst nicht vor. Das Statistische Bundesamt erfasst dagegen, wie viele Menschen tatsächlich im öffentlichen Dienst beschäftigt sind und wie sich dieser Personalbestand entwickelt.
Nach den bislang veröffentlichten vollständigen Daten von Destatis arbeiteten zum Stichtag 30. Juni 2024 rund 5,38 Millionen Menschen im öffentlichen Dienst. Das waren etwa 110.000 mehr als ein Jahr zuvor. Rund 2,67 Millionen Beschäftigte entfielen auf die Länder, knapp 1,8 Millionen auf die kommunale Ebene, rund 527.000 auf den Bundesbereich und etwa 381.000 auf die Sozialversicherung einschließlich der Bundesagentur für Arbeit.
Auf den ersten Blick scheint der steigende Personalbestand der Diagnose eines zunehmenden Mangels zu widersprechen. Die beiden Entwicklungen schließen sich jedoch nicht aus. Das Statistische Bundesamt meldete für 2024 einen Beschäftigungszuwachs von 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Besonders stark wurde zusätzliches Personal in Schulen, Hochschulen und kommunalen Kindertageseinrichtungen eingestellt. Allein an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen waren Mitte 2024 knapp 1,05 Millionen Menschen beschäftigt, 19.500 mehr als ein Jahr zuvor. In kommunalen Kitas arbeiteten 289.900 Beschäftigte, ein Plus von 11.000 innerhalb eines Jahres.
Der tatsächliche Personalbedarf hängt jedoch nicht allein von der Zahl der Beschäftigten ab. Neue oder ausgeweitete staatliche Aufgaben können dazu führen, dass trotz wachsender Belegschaften zusätzliche Kräfte benötigt werden. Hinzu kommen regionale Unterschiede sowie Engpässe in einzelnen Berufsgruppen und Qualifikationen.
Der dbb führt die Entwicklung unter anderem auf den demografischen Wandel und zusätzliche Anforderungen an den Staat zurück. Verbandschef Volker Geyer verwies bei der Vorstellung der aktuellen Zahlen darauf, dass geburtenstarke Jahrgänge schrittweise aus dem öffentlichen Dienst ausscheiden. Zugleich hätten sich unter anderem die Anforderungen in Sicherheitsbehörden erhöht. Diese Bewertung stammt vom dbb und ist von den amtlichen Beschäftigtenzahlen zu unterscheiden.
Die Altersstruktur der Belegschaften zeigt, weshalb der demografische Wandel für öffentliche Arbeitgeber eine zentrale Herausforderung bleibt. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes waren Mitte 2024 rund 747.000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes zwischen 55 und unter 60 Jahre alt. Weitere rund 669.000 waren bereits 60 Jahre oder älter. Zusammen waren damit gut 1,4 Millionen der insgesamt 5,38 Millionen Beschäftigten mindestens 55 Jahre alt.
Das bedeutet nicht, dass diese Beschäftigten kurzfristig vollständig aus dem Berufsleben ausscheiden. Die Zahlen verdeutlichen aber, dass Bund, Länder und Kommunen in den kommenden Jahren einen erheblichen Ersatzbedarf bewältigen müssen. Gleichzeitig konkurrieren öffentliche Arbeitgeber bei IT-Fachkräften, Ingenieuren, medizinischem Personal und weiteren Berufsgruppen mit privaten Unternehmen.
Parallel zur Debatte über den Personalbedarf verfolgt die Bundesregierung für Teile der Bundesverwaltung einen Sparkurs. Nach ihrer Modernisierungsagenda soll der Personalbestand der Bundesverwaltung um insgesamt acht Prozent reduziert werden. Sicherheitsbehörden sind von den aktuellen Einsparvorgaben ausgenommen. Für 2027 sieht die Bundesregierung eine Einsparquote beim Personal von zwei Prozent vor, bis 2029 sollen insgesamt acht Prozent erreicht werden.
Die Regierung verbindet den Stellenabbau mit einer Neuorganisation staatlicher Aufgaben, weniger Bürokratie und einer stärkeren Digitalisierung. Verwaltungsabläufe sollen vereinfacht und Aufgaben stärker gebündelt werden, damit der Personalbedarf sinkt. Der dbb warnt dagegen vor pauschalen Kürzungen und fordert zunächst eine Überprüfung der Aufgaben sowie eine stärkere Digitalisierung. Damit treffen zwei unterschiedliche Ansätze aufeinander: Der Bund will insbesondere Verwaltungsstrukturen effizienter organisieren, während die Gewerkschaften auf zusätzliche Personalbedarfe in vielen staatlichen Aufgabenbereichen verweisen.
Die Größenordnungen lassen sich allerdings nicht unmittelbar miteinander verrechnen. Die von der Bundesregierung angekündigten Einsparungen beziehen sich auf die Bundesverwaltung und damit nur auf einen Teil des öffentlichen Dienstes. Die dbb-Zahl von 631.000 umfasst dagegen den von den Mitgliedsgewerkschaften angenommenen Personalbedarf bei unterschiedlichen öffentlichen Arbeitgebern und Berufsgruppen in ganz Deutschland.
Für die Einordnung der aktuellen Meldung ist deshalb entscheidend, was die Zahl aussagt und was nicht. Die 631.000 stehen nicht für 631.000 konkrete Stellenanzeigen, die derzeit bei Behörden veröffentlicht sind. Auch handelt es sich nicht um eine amtlich festgestellte Zahl unbesetzter Planstellen. Der Wert ist das Ergebnis einer Verbandsabfrage und beschreibt eine aus Gewerkschaftssicht bestehende Personallücke.
Der Personalmangel im öffentlichen Dienst ist dennoch anhand mehrerer amtlicher Entwicklungen nachvollziehbar: Der Personalbestand wächst zwar, gleichzeitig ist ein erheblicher Teil der Beschäftigten bereits über 55 Jahre alt. In personalintensiven Bereichen wie Bildung und Kinderbetreuung wurden in den vergangenen Jahren zusätzliche Kräfte eingestellt. Gleichzeitig sollen Verwaltungsprozesse stärker digitalisiert und Aufgaben neu geordnet werden.
Wie groß der zusätzliche Personalbedarf tatsächlich ist, hängt damit wesentlich davon ab, welche Leistungen Staat und Kommunen künftig übernehmen sollen, welche Prozesse automatisiert oder vereinfacht werden können und wie viele Beschäftigte in den kommenden Jahren altersbedingt ausscheiden. Die Zahl von 631.000 liefert dafür eine aktuelle Einschätzung des dbb, ist aber keine amtliche Feststellung über die Zahl tatsächlich unbesetzter Stellen.
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