Polysius baut 430 Stellen ab und stellt Neubeckum neu auf

Ein multikulturelles Restaurant an der Wolbecker Straße in Münster schließt nach acht Jahren. Warum das Konzept endet – und wie es am Standort weitergeht.
Symbolbild: Evan Wise

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Thyssenkrupp Polysius will am Standort Neubeckum 430 weitere Stellen abbauen und die dortige Organisation deutlich verkleinern. Langfristig soll die Zahl der Beschäftigten auf weniger als 200 sinken. Der Stellenabbau bei Thyssenkrupp Polysius ist Teil einer strategischen Neuausrichtung, mit der sich der Anlagenbauer stärker auf Technologie, Service, Modernisierung und sogenannte Lifecycle-Lösungen konzentrieren will.

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Die Größenordnung wurde Mitte Juli konkretisiert. Unternehmen und Arbeitnehmervertretungen haben einen Interessenausgleich und Sozialplan vereinbart. Eine exakte aktuelle Beschäftigtenzahl für Neubeckum nannte Polysius dabei nicht. Klar ist jedoch, dass der Standort nach den bereits 2024 eingeleiteten Einschnitten erneut erheblich kleiner werden soll.

430 Stellen sollen in Neubeckum wegfallen

Die jetzt vereinbarte Maßnahme bezieht sich auf den Standort Neubeckum. Dort sollen 430 weitere Positionen entfallen. Bereits 2024 hatte Polysius zunächst den Abbau von 150 Stellen und wenige Wochen später von weiteren 150 Stellen angekündigt. Insgesamt waren damals damit 300 Arbeitsplätze betroffen.

Für den neuen Abbau gibt es bislang keinen öffentlich genannten festen Endtermin. Das Unternehmen will die Reduzierung schrittweise über einen längeren Zeitraum umsetzen. Dabei sollen nach Unternehmensangaben vor allem einvernehmliche Lösungen wie Aufhebungsverträge sowie die natürliche Fluktuation genutzt werden. Ein ausdrücklicher Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen wurde nicht erklärt.

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Welche einzelnen Abteilungen in welchem Umfang betroffen sind, ist ebenfalls nicht abschließend aufgeschlüsselt. Polysius beschrieb die Maßnahme als umfassende Anpassung der Struktur, die grundsätzlich alle Bereiche des Standorts einbezieht. Die Zahl von 430 Stellen bezieht sich ausdrücklich auf Neubeckum. Für andere Polysius-Standorte ist im Zusammenhang mit diesem Programm kein entsprechender Stellenabbau bestätigt.

Unternehmen setzt stärker auf Service und Modernisierung

Polysius begründet die Neuaufstellung mit veränderten Anforderungen seiner Industriekunden. Das Geschäft soll stärker auf Technologie- und Prozesskompetenz, operative Leistungsfähigkeit sowie Lösungen für den gesamten Lebenszyklus bestehender Anlagen ausgerichtet werden.

Damit rücken Modernisierungen, Umbauten, Ersatzteile und Dienstleistungen an bestehenden Anlagen stärker in den Mittelpunkt. Thyssenkrupp hatte bereits im Mai erklärt, Polysius solle sein Profil als Anbieter von Service- und Modernisierungslösungen zur Verlängerung von Anlagenlebenszyklen und zur Effizienzsteigerung schärfen.

Parallel hat Polysius Teile des Geschäfts mit nachhaltigen Prozesstechnologien in die thyssenkrupp Calvion GmbH ausgegliedert. Nach Angaben des Unternehmens steht der Stellenabbau in Neubeckum unabhängig von der Gründung dieser Gesellschaft. Calvion soll unter anderem Dekarbonisierungstechnologien bis zur industriellen Anwendung weiterentwickeln.

Betriebsrat und IG Metall hatten die Pläne abgelehnt

Die Arbeitnehmerseite hatte die angekündigte Verkleinerung deutlich kritisiert. Nach Darstellung der IG Metall hatte die Geschäftsleitung der Belegschaft zunächst mitgeteilt, dass künftig nur noch ein deutlich verkleinerter Servicebereich mit weniger als 200 Beschäftigten bestehen bleiben solle.

Die Arbeitnehmervertreter stimmten den Plänen in einer Aufsichtsratssitzung zunächst nicht zu. Der Betriebsrat zog für die anschließenden Verhandlungen juristische und gutachterliche Unterstützung hinzu. Sein erklärtes Ziel war, möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten. Die IG Metall forderte einen transparenten Prozess und Lösungen zur Sicherung von Beschäftigung.

Später vereinbarten Unternehmen und Arbeitnehmervertretungen einen Interessenausgleich und Sozialplan. Damit sind die Folgen der Restrukturierung für die Beschäftigten konkretisiert worden. Die grundsätzliche Kritik der Arbeitnehmerseite an der Größenordnung des Abbaus blieb davon getrennt.

Umbau ist Teil der Thyssenkrupp-Neuausrichtung

Polysius gehört zum Thyssenkrupp-Segment Decarbon Technologies. Der Gesamtkonzern wird mit dem Strategieprogramm ACES 2030 umfassend umgebaut. Ziel ist eine Finanzholding, unter deren Dach stärker eigenverantwortlich geführte Unternehmen arbeiten.

Auch bei Decarbon Technologies steht die Verbesserung von Leistungsfähigkeit, Skalierbarkeit und Zukunftsfähigkeit im Mittelpunkt. Die jüngsten Konzernzahlen zeigen zugleich wirtschaftlichen Druck. Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2025/2026 führten Umsatzrückgänge und projektbezogene Mehrkosten im Zementanlagenbau bei Decarbon Technologies zu einem niedrigeren und negativen Ergebnis. Thyssenkrupp stellte dabei keinen direkten Zusammenhang zu den 430 Stellen in Neubeckum her.

Hinzu kommt ein Führungswechsel bei Polysius. CEO Christian Myland trat am 15. September mit sofortiger Wirkung zurück und verließ den Konzern im gegenseitigen Einvernehmen. Eine Nachfolge war zunächst nicht benannt. Das Unternehmen stellte keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen seinem Ausscheiden und dem Stellenabbau her.

Zementindustrie steht unter doppeltem Veränderungsdruck

Für Anlagenbauer wie Polysius ist die Lage der Zementindustrie widersprüchlich. Auf der einen Seite belasten schwache Baukonjunktur, hohe Energiepreise und zunehmender Wettbewerbsdruck Teile des europäischen Marktes. Die Europäische Kommission nennt für die Branche unter anderem hohe Energiekosten, strengere Umweltanforderungen und eine rückläufige Baunachfrage als zentrale Herausforderungen.

Auf der anderen Seite entsteht ein großer Investitionsbedarf durch die Dekarbonisierung. Nach einer Analyse der EU-Kommission liegt der Investitionsbedarf der europäischen Zementindustrie für den Weg zur Klimaneutralität bis 2050 bei rund 94,4 Milliarden Euro. Besonders wichtig sind Technologien zur CO2-Abscheidung, neue Brennstoffe, Elektrifizierung und klinkerärmere Produktionsverfahren.

Der europäische Branchenverband Cement Europe verweist zusätzlich auf strukturell hohe Energiekosten, steigende CO2-Kosten und deutlich gewachsene Zement- und Klinkerimporte. Diese Angaben spiegeln die Position der Industrie wider. Gleichzeitig zeigt der technologische Umbau neue Geschäftsfelder für Anlagenbauer. Polysius demonstrierte 2026 unter anderem seine Pure-Oxyfuel-Technologie zur CO2-Abscheidung in der Zementproduktion.

Damit trifft der Personalabbau in Neubeckum auf einen Markt, in dem klassisches Anlagenneubaugeschäft, Kostenkontrolle und neue Klimaschutztechnologien gleichzeitig neu austariert werden. Für den Standort selbst sind zwei Punkte weiterhin offen: Ein konkreter Zeitplan für den vollständigen Stellenabbau liegt nicht vor, und eine genaue künftige Beschäftigtenzahl unterhalb der Marke von 200 wurde bislang nicht genannt.

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