
Die erneuten Kämpfe im Jemen haben binnen weniger Tage Zehntausende Menschen aus ihren Wohnorten vertrieben und die Sorge um eine weitere Destabilisierung des Roten Meeres verstärkt. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration, IOM, lag die Zahl der innerhalb des Landes neu Vertriebenen innerhalb von rund zwei Wochen bei mindestens 112.000. Fast 3.000 weitere Menschen flohen demnach über das Meer nach Djibouti.
Im Zentrum der jüngsten Eskalation steht der Vormarsch der Huthi an der jemenitischen Westküste. Die auch als Ansar Allah bekannte und mit Iran verbündete Bewegung hat ihre Stellungen in Richtung der Meerenge Bab al-Mandab ausgeweitet. Damit rückt der Konflikt erneut unmittelbar an einen der wichtigsten Seewege zwischen Asien, dem Nahen Osten und Europa.
Besonders betroffen sind Gebiete entlang der Westküste. Die IOM hatte allein vom 1. bis 15. September mehr als 101.000 Vertreibungen registriert. Seit Beginn der jüngsten Eskalation im Juni lag die von der Organisation erfasste Gesamtzahl zu diesem Zeitpunkt bereits bei mehr als 104.000 Menschen. Bis Freitag stieg die Schätzung weiter auf mindestens 112.000.
Ein großer Teil der Vertriebenen suchte Schutz in der Provinz Taiz. Weitere Menschen flohen nach Lahj, Hodeidah, Aden und in andere Landesteile. Die Zahlen verändern sich rasch, weil die IOM ihre Daten zunächst über ein System zur schnellen Erfassung von Fluchtbewegungen sammelt und anschließend weiter überprüft.
Die neue Fluchtbewegung trifft ein Land, das bereits seit Jahren mit einer schweren humanitären Krise konfrontiert ist. Nach dem humanitären Bedarfsplan der Vereinten Nationen benötigen 2026 rund 22,3 Millionen Menschen im Jemen humanitäre Hilfe oder Schutz. Die Zahl der Menschen mit akuter Ernährungsunsicherheit lag bei rund 18,3 Millionen.
Ein entscheidender Schritt der jüngsten Entwicklung war die Einnahme der Hafenstadt Mokha. UN-Sondergesandter Hans Grundberg erklärte am 10. September vor dem Sicherheitsrat, Ansar Allah habe die Stadt unter seine Kontrolle gebracht. Mokha liegt rund 75 Kilometer von der Meerenge Bab al-Mandab entfernt.
Am 15. September teilten die Vereinten Nationen mit, die Kämpfe an der Westküste hätten sich weiter verschärft. Die Huthi seien weiter in Richtung Bab al-Mandab vorgedrungen. Zugleich gab es Berichte über die Einnahme mehrerer Inseln im südlichen Roten Meer. Diese Angaben wurden von den UN zu diesem Zeitpunkt als Berichte wiedergegeben und nicht als vollständig unabhängig bestätigte Tatsachen dargestellt.
Die Huthi im Jemen kontrollieren bereits seit 2014 die Hauptstadt Sanaa und weite Teile des Nordens und Westens des Landes. 2015 griff eine von Saudi-Arabien geführte Koalition zugunsten der international anerkannten Regierung militärisch in den Konflikt ein. Eine 2022 unter Vermittlung der Vereinten Nationen vereinbarte Waffenruhe reduzierte die großflächigen Kämpfe deutlich, obwohl anschließend keine umfassende Friedensregelung zustande kam.
Parallel zu den Kämpfen innerhalb des Jemen haben sich die Spannungen mit Saudi-Arabien wieder verschärft. Der saudische Zivilschutz meldete am Donnerstag, 17. September, dass Trümmer einer abgefangenen Drohne in der Provinz Taif einen aus dem Jemen stammenden Bewohner getötet hätten. Eine Saudi-Araberin und ein pakistanischer Bewohner wurden verletzt. Der pakistanische Staatsangehörige befand sich nach saudischen Angaben in kritischem Zustand.
Saudi-Arabien bezeichnete die Drohne als Huthi-Drohne. Die Huthi haben in den vergangenen Tagen ihrerseits Angriffe auf saudische militärische und wirtschaftliche Ziele für sich reklamiert.
Umstritten blieb dagegen ein weiterer Vorfall. Saudi-Arabien erklärte, am 15. September eine von den Huthi gestartete Drohne südlich von Mekka abgefangen zu haben, bevor sie den gesperrten Luftraum der Stadt erreichte. Die Huthi bestritten, Mekka zum Ziel genommen zu haben. Eine unabhängige Bestätigung dafür, welches konkrete Ziel die Drohne hatte, lag zunächst nicht vor.
Die Geländegewinne an der Westküste sind auch deshalb international von Bedeutung, weil der Bab al-Mandab das Rote Meer mit dem Golf von Aden verbindet. Schiffe auf der Route zwischen dem Indischen Ozean und dem Suezkanal müssen die Meerenge passieren.
Bislang gibt es allerdings keine Hinweise auf einen vollständigen Zusammenbruch des Schiffsverkehrs. Die Vereinten Nationen erklärten noch am 15. September, die kommerziellen Verkehrsströme durch das Rote Meer wirkten zu diesem Zeitpunkt weitgehend unbeeinträchtigt.
Vorläufige Schiffsdaten für Donnerstag, 17. September, zeigten 23 Durchfahrten von Rohstoffschiffen durch den Bab al-Mandab. Der Durchschnitt der vorherigen zehn Tage lag bei etwa 26. Solche Daten sind mit Unsicherheiten verbunden, weil einzelne Schiffe in Konfliktgebieten ihre Ortungssysteme zeitweise abschalten können.
Die Bedeutung der Route für die Energieversorgung bleibt erheblich. Nach Daten der US-Energiebehörde EIA lag die Menge von Rohöl und Erdölprodukten, die im zweiten Quartal 2026 den Bab al-Mandab passierte, durchschnittlich bei rund 8,1 Millionen Barrel pro Tag. Die Verkehrsströme haben sich dabei auch wegen der Schwierigkeiten auf anderen Routen im Nahen Osten mehrfach verlagert.
Die Unsicherheit für Reedereien ist nicht neu. Seit Ende 2023 haben Angriffe der Huthi und die dadurch ausgelösten Sicherheitsmaßnahmen zahlreiche Unternehmen dazu gebracht, Schiffe zeitweise über das Kap der Guten Hoffnung umzuleiten.
Auch 2026 kam es erneut zu Angriffen. Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation IMO bestätigte im August, dass das Frachtschiff Tihamah vor der Küste von Mokha von einem Geschoss getroffen wurde und mehrere Seeleute ums Leben kamen. Die IMO verurteilte Angriffe auf die internationale Schifffahrt und warnte vor Folgen für Besatzungen und globale Lieferketten.
Der UN-Sicherheitsrat verlängerte im Juli 2026 das Mandat zur regelmäßigen Berichterstattung über Huthi-Angriffe auf Handels- und Frachtschiffe im Roten Meer bis Januar 2027.
Die Europäische Union setzt ihre Marineoperation Aspides fort. Das Mandat der defensiv ausgerichteten Mission wurde bis zum 28. Februar 2027 verlängert. Die EU-Schiffe sollen Handelsschiffe begleiten, die maritime Lage beobachten und Schiffe im Rahmen des Mandats schützen. Angriffe an Land gehören nicht zum Auftrag.
Am Freitag forderte Italiens Verteidigungsminister Guido Crosetto angesichts der jüngsten Entwicklung eine stärkere Marinepräsenz im Roten Meer. Italien bereitet zudem Maßnahmen zum Schutz seiner Handelsschifffahrt vor.
Die internationale Sorge richtet sich damit nicht nur auf mögliche direkte Angriffe auf Schiffe. Schon ein erhöhtes Sicherheitsrisiko kann Versicherungsprämien, Transportzeiten und Frachtkosten beeinflussen, wenn Reedereien ihre Routen ändern.
Für den Jemen selbst steht zugleich weit mehr auf dem Spiel als die Sicherheit eines internationalen Handelswegs. Nach mehr als einem Jahrzehnt Konflikt sind staatliche Strukturen, Gesundheitsversorgung und Wirtschaft schwer geschwächt. Millionen Menschen sind bereits auf Hilfe angewiesen. Die erneuten Kämpfe an der Westküste verschärfen diese Krise und erhöhen zugleich das Risiko, dass der jemenitische Konflikt stärker mit den regionalen Auseinandersetzungen rund um das Rote Meer verknüpft wird.
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