R-Pharm Germany vor dem Aus: 280 Beschäftigte betroffen

Ein multikulturelles Restaurant an der Wolbecker Straße in Münster schließt nach acht Jahren. Warum das Konzept endet – und wie es am Standort weitergeht.
Symbolbild: Evan Wise

Teilen:

Die deutsche Tochter des russischen Pharmakonzerns R-Pharm wird nach einem monatelangen Insolvenzverfahren abgewickelt. Für den Arzneimittelhersteller R-Pharm Germany mit Sitz im bayerischen Illertissen konnte kein Investor gefunden werden, der die erforderliche Finanzierung für eine Übernahme nachweisen konnte. Nach Angaben des Insolvenzverwalters sind 280 Beschäftigte von der Stilllegung betroffen. Etwa 50 bis 60 Mitarbeiter sollen noch befristet weiterarbeiten, um die Abwicklung des Unternehmens zu begleiten.

Anzeige

Die Insolvenz von R-Pharm Germany hatte sich bereits im März abgezeichnet. Der Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens ging nach den veröffentlichten Verfahrensdaten am 12. März 2026 beim Amtsgericht Neu-Ulm ein. Das Gericht ordnete noch am selben Tag die vorläufige Insolvenzverwaltung an und bestellte Rechtsanwalt Markus Fröhlich zum vorläufigen Insolvenzverwalter. Das reguläre Insolvenzverfahren wurde schließlich am 1. Mai 2026 wegen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung eröffnet. Das Aktenzeichen lautet IN 100/26.

Investorensuche endet ohne Übernahme

Zu Beginn des Verfahrens bestand noch die Hoffnung, den Pharmastandort durch einen Verkauf zu erhalten. Im März beschäftigte R-Pharm Germany rund 300 Menschen. Die Produktion wurde zunächst eingeschränkt fortgeführt. Nach der Verfahrenseröffnung im Mai lief der Geschäftsbetrieb weiter, während mehrere potenzielle Käufer das Unternehmen prüften. Zu diesem Zeitpunkt lagen nach Angaben des Insolvenzverwalters bereits erste Angebote vor.

Ende Juli gelang es noch einmal, eine Zwischenfinanzierung für den gesamten August sicherzustellen. Damit gewann der Insolvenzverwalter zusätzliche Zeit für Gespräche mit Interessenten. Am Ende blieben zwei mögliche Käufer übrig. Beide konnten nach Angaben des Insolvenzverwalters jedoch keine gesicherte Finanzierung für die Übernahme vorlegen. Ein Erwerber hätte neben dem eigentlichen Kaufpreis zusätzlich erhebliche Mittel benötigt, um den Produktionsbetrieb wieder hochzufahren und neue Kunden zu gewinnen.

Anzeige

Damit wird der laufende Betrieb nun kurzfristig eingestellt. Für die Belegschaft wurde nach Angaben des Insolvenzverwalters gemeinsam mit dem Betriebsrat ein Sozialplan vereinbart. Von den derzeit 280 Beschäftigten sollen lediglich 50 bis 60 für einen begrenzten Zeitraum im Unternehmen bleiben, um notwendige Arbeiten während der Abwicklung zu übernehmen.

Sanktionen belasteten Geschäft mit russischer Konzernstruktur

Als wesentlichen Grund für die wirtschaftlichen Schwierigkeiten nannte der Insolvenzverwalter die Auswirkungen der internationalen Russland-Sanktionen und russischer Gegenmaßnahmen seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Entscheidend war dabei nach den Angaben aus dem Insolvenzverfahren vor allem die Einbindung von R-Pharm Germany in einen russischen Gesellschafterkreis. Die Sanktionen hätten bei Kunden und Geschäftspartnern zunehmend für Unsicherheit gesorgt und dadurch die Geschäftsentwicklung belastet.

Die zuständige Industriegewerkschaft IGBCE verwies im März außerdem auf erhebliche Schwierigkeiten beim Geldfluss aus Russland. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass der Handel mit Arzneimitteln zwischen Russland und der Europäischen Union grundsätzlich verboten gewesen wäre. Die Belastungen entstanden vielmehr durch die Kombination aus Sanktionen, russischen Gegenmaßnahmen, erschwerten Geschäftsbeziehungen und der Eigentümerstruktur des Unternehmens.

R-Pharm Germany gehörte seit 2014 zum russischen R-Pharm-Konzern. Der Produktionsstandort selbst ist deutlich älter. Seine industrielle Geschichte reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. In den 1970er Jahren wurde das Werk vom US-Pharmakonzern Pfizer übernommen, bevor R-Pharm den Standort Jahrzehnte später erwarb. Zuletzt entwickelte, produzierte und verpackte das Unternehmen Arzneimittel für internationale Märkte. Nach Angaben aus dem Insolvenzverfahren wurden Kunden in rund 150 Ländern beliefert.

Für den deutschen Pharmastandort bedeutet die Stilllegung damit den Verlust eines langjährig etablierten Produktionsbetriebs mit internationaler Ausrichtung. Das Unternehmen verfügte nach eigenen Angaben über Anlagen zur Herstellung verschiedener fester Arzneiformen wie Tabletten, Kapseln, Pulver, Granulate und Pellets. Die ausgewiesene Kapazität lag bei bis zu vier Milliarden Einheiten.

Sputnik V sollte in Bayern produziert werden

Besondere Aufmerksamkeit hatte R-Pharm Germany während der Corona-Pandemie erhalten. Im Frühjahr 2021 plante das Unternehmen, am Standort Illertissen Produktionskapazitäten für den russischen Corona-Impfstoff Sputnik V aufzubauen. Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA begann am 4. März 2021 mit einer fortlaufenden Prüfung des Impfstoffs. Als Antragsteller in der Europäischen Union wurde dabei R-Pharm Germany genannt.

Der Freistaat Bayern unterzeichnete am 7. April 2021 eine Absichtserklärung mit R-Pharm Germany. Sie sah vor, im Fall einer europäischen Zulassung bis zu 2,5 Millionen Dosen Sputnik V zu erwerben. Vorgesehen war, den Impfstoff möglichst am Standort Illertissen herzustellen. Falls dort noch keine Produktionskapazitäten bereitgestanden hätten, wäre nach den damaligen Planungen auch ein Import aus Russland möglich gewesen.

Zu einer regulären EU-Zulassung für Sputnik V kam es jedoch nicht. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine erklärte der damalige bayerische Ministerpräsident Markus Söder im Februar 2022, das Sputnik-Projekt in Bayern werde nicht mehr weiterverfolgt. Damit verlor ein Vorhaben an Bedeutung, das zeitweise als möglicher zusätzlicher Baustein der europäischen Impfstoffversorgung vorgesehen war.

Mit der nun angekündigten Abwicklung von R-Pharm Germany endet auch die Perspektive auf eine Fortführung des bestehenden Produktionsbetriebs unter einem neuen Investor. Offiziell bestätigt war am 26. August zunächst, dass die Produktion eingestellt und das Unternehmen abgewickelt werden soll. 280 Beschäftigte sind betroffen, während eine kleinere Gruppe vorübergehend für die Abwicklung weiterarbeiten soll.

Teilen:

Münster Map
Zum Aktivieren tippen
Route anzeigen

Mehr Beiträge:

Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu