
Der dänische Dämmstoffkonzern Rockwool steht Monate nach dem Verlust der Kontrolle über seine russischen Fabriken vor einem weiteren juristischen Konflikt. Die russische Gesellschaft LLC Rockwool fordert von der dänischen Muttergesellschaft rund 8,6 Milliarden Rubel. Parallel ist ein Dokument über ein nicht bindendes Kaufangebot für die vier russischen Werke bekannt geworden. Rockwool lehnt einen Verkauf weiterhin ab.
Die Klage wurde am 11. August beim Schiedsgericht der Region Moskau eingereicht. Das geht aus Angaben der russischen Gerichtsdatenbank hervor. Rockwool bestätigte gegenüber dem dänischen Rundfunk DR, dass das Verfahren existiert, weist die Forderung jedoch zurück.
Im Mittelpunkt des Rechtsstreits steht ein konzerninterner Kredit aus dem Jahr 2020. Nach Angaben der russischen Gesellschaft stellte sie Rockwool A/S damals insgesamt fünf Milliarden Rubel zur Verfügung. Die Forderung von etwa 8,6 Milliarden Rubel setzt sich nach ihrer Darstellung aus dem ursprünglichen Kreditbetrag, rund 3,04 Milliarden Rubel an Zinsen und etwa 557 Millionen Rubel Vertragsstrafe zusammen.
Auch Rockwool selbst weist den Kredit in seinen Finanzunterlagen aus. Im Geschäftsbericht für 2025 bezifferte der Konzern die entsprechende Verpflichtung gegenüber LLC Rockwool auf 83 Millionen Euro. Das Unternehmen erklärte zugleich, nach seiner Bewertung verhinderten derzeit geltende EU-Sanktionen eine Rückzahlung, solange Rockwool die Kontrolle über das russische Geschäft verloren habe.
Die russische Gesellschaft vertritt eine andere Position. Sie verlangt die Rückzahlung nun gerichtlich. Über die Berechtigung der einzelnen Forderungsbestandteile ist damit noch nicht entschieden.
Der Konflikt steht im Zusammenhang mit einem weitreichenden Eingriff des russischen Staates. Ein von Präsident Wladimir Putin Ende Dezember 2025 unterzeichneter und am 13. Januar 2026 veröffentlichter Erlass stellte die russischen Rockwool-Gesellschaften unter externe Verwaltung.
Die Verwaltung von 100 Prozent der Anteile an LLC Rockwool sowie von 68 Prozent der Anteile an LLC Rockwool-Volga wurde der Moskauer Aktiengesellschaft Razvitiye Stroitelnykh Aktivov übertragen. Rockwool blieb nach eigenen Angaben rechtlicher Eigentümer der Beteiligungen, verlor aber die Kontrolle und den Einfluss auf die Unternehmensführung.
Betroffen sind insgesamt vier Produktionsstandorte in Russland. Rockwool bewertete das Eigenkapital des russischen Geschäfts Ende 2025 zunächst mit 469 Millionen Euro. Im Jahresabschluss schrieb der Konzern die russischen Nettovermögenswerte anschließend vollständig ab. Seit dem 13. Januar wird das Russlandgeschäft nicht mehr in den Konzernabschluss einbezogen.
Rockwool bezeichnete die Übernahme der Verwaltung durch die russischen Behörden als rechtswidrig und kündigte an, seine Eigentumsrechte mit juristischen Mitteln zu verteidigen.
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhält der Fall durch ein Kaufangebot für die vier Werke. Nach einem Bericht des dänischen Rundfunks DR ging bei Rockwool am 3. März 2026 eine E-Mail mit einem nicht bindenden Angebot ein. Ein weiterer dänischer Branchenbericht bestätigte unter Berufung auf diese Unterlagen Datum und Charakter des Angebots.
Der öffentlich bekannt gewordene Teil des Dokuments enthält weder den Namen des Käufers noch den Kaufpreis. DR wurde nach eigenen Angaben mitgeteilt, dass hinter dem Angebot ein privater Investmentfonds stehe. Eine unabhängige Bestätigung der Identität lag zunächst nicht vor. Auch der konkrete Angebotspreis war nicht öffentlich nachvollziehbar.
Rockwool reagierte nach Darstellung des Unternehmens nicht auf das Angebot. Der Konzern erklärte, nicht an einem Verkauf interessiert zu sein. Rechtlich hält Rockwool weiterhin die Anteile an den Gesellschaften, kann deren operative Führung aufgrund der russischen Fremdverwaltung jedoch nicht mehr kontrollieren.
Der Fall steht nicht isoliert. Russland hat seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine wiederholt Vermögenswerte ausländischer Unternehmen unter zeitweilige oder externe Verwaltung gestellt. Im Juli 2026 wurden beispielsweise Teile des Russlandgeschäfts des niederländischen Farbenherstellers Akzo Nobel ebenfalls unter Verwaltung der Gesellschaft Razvitiye Stroitelnykh Aktivov gestellt.
Diese Gesellschaft war erst im Herbst 2025 in Moskau registriert worden. Angaben zu ihren Gründern und zur Unternehmensführung waren in den öffentlich zugänglichen russischen Registerinformationen zunächst nicht offengelegt.
Rockwool hatte sich nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 für einen anderen Weg als einen unmittelbaren Verkauf entschieden. Nach Konzernangaben wurden die russischen Werke seitdem ohne technische Unterstützung, Investitionen oder Lieferungen aus der übrigen Rockwool-Gruppe betrieben. Die Strategie bezeichnete der Konzern als passive Eigentümerschaft. Bis zum staatlichen Eingriff im Januar 2026 konnte Rockwool dennoch Dividenden aus Russland beziehen.
Mit der Fremdverwaltung hat sich die Lage grundlegend verändert. Rockwool besitzt die Beteiligungen formal weiterhin, hat aber keinen Zugriff mehr auf die Führung der Gesellschaften. Gleichzeitig verlangt eine dieser Gesellschaften nun Milliarden aus einem früheren konzerninternen Kredit. Das bekannt gewordene Kaufangebot eröffnet zusätzlich die Möglichkeit eines Eigentümerwechsels, ohne dass bislang ein Verkauf vereinbart wurde.
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