
Die Rückversicherungsbranche in Monte Carlo 2026 startet in die entscheidenden Gespräche über die nächste Vertragssaison mit gegenläufigen Signalen. Während die Hannover Rück für wichtige Erneuerungen im Schaden- und Unfallgeschäft mit weiter leicht sinkenden Preisen rechnet, verweist Swiss Re auf langfristig steigende Schäden durch Naturkatastrophen. Besonders Waldbrände entwickeln sich nach Berechnungen des Schweizer Rückversicherers zu einem immer bedeutenderen Risiko.
Die Aussagen fallen in die 68. Ausgabe des Rendez-Vous de Septembre in Monte Carlo. Das Branchentreffen läuft vom 5. bis 9. September 2026 und zählt zu den wichtigsten Zusammenkünften der internationalen Versicherungs- und Rückversicherungswirtschaft. Seit 1957 dient das Treffen vor allem dazu, die Bedingungen für die anstehenden Vertragserneuerungen vorzubereiten.
Die Hannover Rück rechnet bei den Vertragserneuerungen zum 1. Januar 2027 mit leicht rückläufigen Preisen in der Schaden-Rückversicherung. Gleichzeitig sollen die Vertragsbedingungen nach Einschätzung des Unternehmens überwiegend stabil bleiben. Voraussetzung für die Bereitstellung von mindestens gleichbleibender Rückversicherungskapazität seien aus Sicht des Konzerns weiterhin risikogerechte Preise.
Der Preisdruck ist bereits im laufenden Jahr sichtbar. Bei den Erneuerungen zum 1. Juni und 1. Juli 2026 gingen die Preise des erneuerten Geschäfts bei Hannover Rück inflations- und risikobereinigt im Durchschnitt um 4,5 Prozent zurück. Gleichzeitig erhöhte sich das erneuerte Volumen um 12,3 Prozent. Schon zum Jahreswechsel 2025/2026 hatte das Unternehmen einen durchschnittlichen risikoadjustierten Preisrückgang von 3,2 Prozent gemeldet.
Als einen Grund für den zunehmenden Wettbewerb nennt Hannover Rück die gute Kapitalausstattung des Rückversicherungsmarktes. Dadurch stehe mehr Kapazität zur Verfügung. Das Unternehmen erwartet deshalb für die kommende Erneuerungsrunde eine stärkere Differenzierung zwischen Verträgen mit günstiger Schadenentwicklung und bereits belasteten Programmen. Auch die jeweilige Schadenhistorie und die Qualität des zugrunde liegenden Geschäfts sollen stärker in die Preisgestaltung einfließen.
Die Entwicklung zeigt einen typischen Versicherungsmarktzyklus. Steht viel Kapital zur Absicherung von Risiken bereit, steigt der Wettbewerb zwischen Rückversicherern. Erstversicherer können dadurch häufig günstigere Konditionen aushandeln. Für Rückversicherer wächst zugleich der Druck, nur solche Risiken zu übernehmen, deren erwartete Prämien ausreichen, um mögliche Schäden und Kapitalkosten langfristig zu decken.
Hannover Rück betont deshalb einen selektiven Ansatz. Trotz des Wettbewerbs sieht der Konzern weiterhin Möglichkeiten für profitables Wachstum, insbesondere in Märkten mit steigender Versicherungsdurchdringung und Wirtschaftswachstum. Im ersten Halbjahr 2026 hatte das Unternehmen einen Nettokonzerngewinn von rund 1,4 Milliarden Euro ausgewiesen und sein Jahresziel von mindestens 2,7 Milliarden Euro bestätigt. Die Belastung aus Großschäden lag in diesem Zeitraum unter dem kalkulierten Budget.
Das vergleichsweise moderate Schadenjahr bis zur Jahresmitte bedeutet allerdings nicht, dass sich die strukturellen Risiken verringert haben. Genau darauf verweist auch Swiss Re.
Swiss Re bezeichnet Waldbrände als die weltweit am schnellsten wachsende wetterbedingte Naturgefahr gemessen an den versicherten Schäden. Für Europa errechnet der Konzern über die vergangenen Jahrzehnte einen durchschnittlichen Anstieg der versicherten Waldbrandschäden von etwa 8 bis 11 Prozent pro Jahr. Als Ursachen nennt Swiss Re unter anderem eine zunehmende Konzentration von Menschen und Sachwerten in gefährdeten Regionen sowie sich verändernde Gefahrenmuster.
Weltweit fällt der langfristige Anstieg noch stärker aus. Nach Analysen des Swiss Re Institute nahmen versicherte Waldbrandschäden seit 1970 im Durchschnitt um etwa 12 Prozent pro Jahr zu. In Nordamerika liegt die langfristige Wachstumsrate bei mehr als 14 Prozent jährlich. Dabei lässt sich ein erheblicher Teil der Entwicklung nicht allein durch wachsende Sachwerte erklären. Auch Veränderungen bei Gefährdung und Verwundbarkeit spielen nach der Analyse eine Rolle.
Ein besonders deutliches Beispiel waren die Brände im Raum Los Angeles im Januar 2025. Swiss Re beziffert die versicherten Schäden daraus auf rund 40 Milliarden US-Dollar. Damit waren sie nach Angaben des Instituts das bislang teuerste Waldbrandereignis für die Versicherungswirtschaft.
Auch Europa steht zunehmend im Blick der Rückversicherer. Das Swiss Re Institute stellte für das erste Halbjahr 2026 weltweit versicherte Naturkatastrophenschäden von geschätzt 42 Milliarden US-Dollar fest. Dieser Wert lag unter dem langfristigen Trend. Zugleich hatten Hitze und trockene Bedingungen die Waldbrandsaison in Teilen Europas bereits früh verschärft.
Für Versicherer ist dabei nicht allein entscheidend, wie groß eine abgebrannte Fläche ist. Besonders hohe Schäden entstehen, wenn Feuer dicht besiedelte Gebiete mit hohen versicherten Sachwerten erreichen. Deshalb gewinnen sogenannte Übergangszonen zwischen bebauten Flächen und Vegetationsgebieten an Bedeutung. Je stärker dort gebaut wird, desto größer kann im Schadensfall die finanzielle Belastung ausfallen.
Swiss Re erwartet bei den gesamten versicherten Naturkatastrophenschäden langfristig einen jährlichen Anstieg von etwa 5 bis 7 Prozent. Treiber seien unter anderem steigende Vermögenswerte, zunehmende Exponierung und veränderte Gefahrenmuster. Für ein außergewöhnlich schweres Katastrophenjahr 2026 zeigt ein Modellszenario des Unternehmens, dass versicherte Schäden weltweit rund 320 Milliarden US-Dollar erreichen könnten. Dabei handelt es sich ausdrücklich um ein Extremszenario und nicht um eine Prognose für das laufende Jahr.
Damit treffen beim Rendez-Vous de Septembre zwei Entwicklungen unmittelbar aufeinander. Zusätzliche Rückversicherungskapazität sorgt kurzfristig für Wettbewerb und niedrigere Preise. Gleichzeitig steigen zahlreiche langfristige Schadenrisiken weiter.
Für die anstehenden Vertragsverhandlungen dürfte deshalb weniger ein einheitlicher Markttrend entscheidend sein als die Bewertung einzelner Risiken. Schadenfreie Programme können stärker vom Wettbewerb profitieren. Geschäft mit hoher Naturkatastrophenexponierung oder ungünstiger Schadenhistorie dürfte dagegen stärker differenziert werden.
Das Branchentreffen in Monte Carlo bildet dafür traditionell den Auftakt. Die eigentlichen Verträge werden überwiegend erst in den folgenden Monaten abgeschlossen. Ein großer Teil des internationalen Schaden- und Unfallgeschäfts wird zum 1. Januar erneuert. Welche Preisbewegungen sich dann tatsächlich durchsetzen, hängt von Risikoart, Region, Schadenverlauf und verfügbarer Kapazität ab.
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