Siemens-Chef Busch erklärt, warum zentrale KI-Entwicklung in die USA geht

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Quelle: Pixabay, sergeitokmakov

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Siemens-Vorstandschef Roland Busch hat die europäischen Rahmenbedingungen für Künstliche Intelligenz scharf kritisiert und damit eine wichtige Standortentscheidung des Technologiekonzerns begründet. Siemens entwickelt den Kern seiner industriellen KI-Grundmodelle vor allem an der Westküste der USA und in geringerem Umfang in China. Anwendungen und die konkrete Umsetzung industrieller KI werden dagegen weiterhin auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern entwickelt. Busch nennt vor allem das höhere Entwicklungstempo, verfügbare Fachkräfte und eine aus seiner Sicht geringere regulatorische Belastung als Gründe.

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Die Aussagen stammen aus einem Interview, das WELT AM SONNTAG gemeinsam mit weiteren Zeitungen der Leading European Newspaper Alliance, kurz LENA, führte. Busch kritisierte darin insbesondere die Geschwindigkeit europäischer Gesetzgebung bei neuen Technologien. Bis Regeln wie der AI Act oder der Data Act beschlossen und wirksam seien, könnten sich KI-Modelle bereits mehrfach weiterentwickelt haben. Sein knappes Fazit lautete: Wir hinken stets hinterher.

Siemens konzentriert Kernentwicklung industrieller KI in den USA

Die Standortentscheidung bedeutet keinen vollständigen Abzug der KI-Entwicklung aus Deutschland. Busch unterscheidet zwischen der grundlegenden Arbeit an industriellen KI-Modellen und deren Anwendung in Maschinen, Fabriken und Infrastruktur. Der Kern der sogenannten Foundation Models werde hauptsächlich an der US-Westküste entwickelt, während praktische Anwendungen und Implementierungen weiterhin in Europa und Deutschland entstehen. Als Gründe nannte Busch neben der Regulierung das dortige Technologieökosystem und den Zugang zu spezialisierten Fachkräften.

Die Entscheidung ist nicht völlig neu. Bereits im Mai hatte Busch bei einer Veranstaltung des CDU-Wirtschaftsrats erklärt, warum Siemens KI-Modelle in den USA und China entwickelt. Das Ökosystem marschiere dort in unglaublicher Geschwindigkeit, sagte er über diese Märkte und stellte dem das langsamere Tempo in Europa gegenüber. Schon im November 2025 hatte Busch Investitionen in KI in den USA und China mit weniger einschränkenden und widersprüchlichen Vorschriften begründet.

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Im aktuellen Interview richtet sich seine Kritik besonders gegen europäische Regeln zum Umgang mit Daten. Busch argumentiert, dass Industrieunternehmen bei einer zu weit gefassten Pflicht zur Weitergabe von Maschinendaten Gefahr liefen, technisches Wissen offenzulegen. Aus seiner Sicht müsse bei solchen Vorschriften stärker zwischen personenbezogenen Daten und industriellen Maschinendaten unterschieden werden.

Siemens investiert gleichzeitig hunderte Millionen in Deutschland

Von einem generellen Rückzug des Konzerns aus Deutschland kann dennoch keine Rede sein. Der Siemens Standort Deutschland bleibt für Produktion, Entwicklung und Beschäftigung von großer Bedeutung. Nach Unternehmensangaben arbeiten rund 86.000 Menschen für Siemens in Deutschland. Der Konzern hatte außerdem angekündigt, dass der deutsche Personalbestand trotz Umstrukturierungen insgesamt tendenziell stabil bleiben solle.

Allein im Juli kündigte Siemens Investitionen von 300 Millionen Euro in Frankfurt und Offenbach an. Die Produktion von Anlagen zur Stromverteilung für Rechenzentren, Industrie und Elektromobilität soll ausgebaut werden. Bis 2030 sollen dabei bis zu 700 neue Arbeitsplätze entstehen. In Frankfurt betreibt Siemens bereits zwei Werke. Zusätzlich entsteht im benachbarten Offenbach ein Zulieferstandort.

Hinzu kommt eine Investition von rund 200 Millionen Euro in eine neue, weitgehend digitalisierte Fabrik in Amberg. Sie soll bis 2030 entstehen und unter anderem industrielle KI, digitale Zwillinge und Automatisierung einsetzen. Siemens bezeichnete diese Investition ausdrücklich als Bekenntnis zum deutschen Standort.

Auf der anderen Seite läuft weiterhin ein Stellenumbau. Im Automatisierungsgeschäft sollen bis zum Ende des Geschäftsjahres 2027 weltweit etwa 5.600 Stellen wegfallen, davon rund 2.600 in Deutschland. Im Geschäft mit Ladelösungen für Elektrofahrzeuge sind weitere rund 250 deutsche Stellen betroffen. Betriebsbedingte Kündigungen wurden für Deutschland ausgeschlossen. Siemens begründete die Anpassungen unter anderem mit einer seit längerem schwachen Nachfrage im deutschen Automatisierungsmarkt.

Rekordzahlen zeigen die internationale Verschiebung des Geschäfts

Der Konzern selbst befindet sich zugleich in einer wirtschaftlich starken Phase. Im dritten Geschäftsquartal 2026 stieg der Auftragseingang auf vergleichbarer Basis um 14 Prozent auf den Rekordwert von 27,9 Milliarden Euro. Der Umsatz legte um acht Prozent auf 20,8 Milliarden Euro zu. Das Ergebnis des industriellen Geschäfts erreichte mit 3,5 Milliarden Euro ebenfalls einen Rekord. Der Auftragsbestand lag Ende Juni bei 132 Milliarden Euro.

Ein wesentlicher Wachstumstreiber sind Rechenzentren und die dafür benötigte Strom- und Automatisierungstechnik. Im Geschäft von Smart Infrastructure mit Rechenzentren verzeichnete Siemens in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres ein dreistelliges Auftragswachstum. Die Expansion findet deshalb auf beiden Seiten des Atlantiks statt. Anfang August kündigte Siemens zusätzlich Investitionen von mehr als 200 Millionen US-Dollar in zwei neue Produktionsstätten in Georgia und Texas an. Dort sollen mehr als 1.500 Arbeitsplätze entstehen.

Deutsche Industrie wächst wieder, bleibt aber unter EU-Durchschnitt

Buschs Kritik fällt in eine Phase, in der sich die deutsche Wirtschaft zwar erholt, im europäischen Vergleich aber weiterhin nur moderat wächst. Das Bruttoinlandsprodukt stieg im zweiten Quartal 2026 preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Gegenüber dem Vorjahresquartal lag das Wachstum bei 1,0 Prozent. In der gesamten EU lag das Quartalswachstum mit 0,5 Prozent höher. Spanien kam auf 0,7 Prozent.

Auch in der Industrie bleibt das Bild gemischt. Die Industrieproduktion lag im Juni 2026 kalenderbereinigt 0,8 Prozent unter dem Niveau des Vorjahresmonats. Besonders der Maschinenbau verzeichnete gegenüber Mai einen Produktionsrückgang von 3,9 Prozent. Gleichzeitig stiegen die Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe im Juni um 3,1 Prozent zum Vormonat, wobei Großaufträge einen erheblichen Einfluss hatten. Ohne sie ging der Auftragseingang um 0,5 Prozent zurück.

Zu den strukturellen Belastungen gehören weiterhin die Energiekosten. Nach Eurostat lagen die Strompreise für mittelgroße gewerbliche und industrielle Verbraucher in Deutschland in der zweiten Jahreshälfte 2025 bei 22,64 Euro je 100 Kilowattstunden. Das war der dritthöchste Wert in der Europäischen Union und deutlich mehr als der EU-Durchschnitt von 18,37 Euro.

Buschs Aussagen zeigen damit eine zweigeteilte Standortstrategie. Siemens baut Produktion und Beschäftigung in mehreren deutschen Zukunftsfeldern aus, verlagert jedoch einen besonders dynamischen Teil der grundlegenden KI-Entwicklung in Technologiezentren außerhalb Europas. Seine Kritik richtet sich vor allem gegen das Tempo und die Ausgestaltung europäischer Regulierung. Ob daraus weitere Standortverschiebungen folgen, hat Siemens nicht angekündigt.

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