
Das deutsche Raumfahrtunternehmen Isar Aerospace hat mit seiner Trägerrakete Spectrum erstmals eine Erdumlaufbahn erreicht. Die Rakete startete am Samstagabend, 5. September 2026, um 22.12 Uhr MESZ vom Weltraumbahnhof Andøya im Norden Norwegens. Die Europäische Weltraumorganisation ESA bestätigte anschließend, dass Spectrum den Orbit erreicht und die mitgeführten Nutzlasten in eine niedrige Erdumlaufbahn gebracht hat. Für das Unternehmen war es erst der zweite Flug seiner selbst entwickelten Rakete.
Damit ist Isar Aerospace beim zweiten Versuch mit Spectrum ein entscheidender Entwicklungsschritt gelungen. Zugleich handelt es sich nach Angaben der ESA um den ersten erfolgreichen Orbitalstart von Kontinentaleuropa aus. Reuters bezeichnete die Mission als ersten kommerziellen Flug in eine Erdumlaufbahn von Kontinentaleuropa. Die häufig verwendete verkürzte Bezeichnung als erster Orbitalstart überhaupt von europäischem Boden ist dagegen zu ungenau.
Die Mission trug den Namen „Onward and Upward“ und diente zugleich als Qualifikationsflug für Spectrum. Anders als beim ersten Test im März 2025 befanden sich diesmal erstmals Kundennutzlasten an Bord. Isar Aerospace führte fünf CubeSats sowie ein nicht abtrennbares Technologieexperiment mit. Dazu gehörten CyBEEsat der Technischen Universität Berlin, TriSat-S der Universität Maribor, Platform 6 von EnduroSat, FramSat-1 aus dem Umfeld der norwegischen NTNU sowie SpaceTeamSat1 des TU Wien Space Teams. Hinzu kam das Experiment „Let It Go“ des deutschen Raumfahrtunternehmens Dcubed.
Die ESA erklärte nach dem Flug, die Nutzlasten seien in eine niedrige Erdumlaufbahn gebracht worden. Isar Aerospace teilte ebenfalls mit, die Satelliten seien ausgesetzt worden. Das Unternehmen arbeitete nach eigenen Angaben anschließend mit den jeweiligen Kunden daran, den Status der einzelnen Satelliten zu bestätigen. Damit war zunächst nicht für jede einzelne Nutzlast abschließend bestätigt, dass sie nach der Aussetzung vollständig betriebsbereit war.
Unter den Satelliten befindet sich FramSat-1, der von der studentischen Organisation Orbit NTNU gemeinsam mit Partnern aus der norwegischen Wirtschaft entwickelt wurde. Die norwegische Regierung hob hervor, dass damit erstmals ein norwegischer Satellit von norwegischem Boden aus gestartet wurde.
Der Orbitalerfolg folgt rund anderthalb Jahre nach dem ersten Spectrum-Flug. Am 30. März 2025 hatte die Rakete ebenfalls von Andøya abgehoben. Der damalige Test dauerte etwa 30 Sekunden. Anschließend wurde der Flug beendet und die Rakete stürzte kontrolliert ins Meer. Eine spätere Untersuchung von Isar Aerospace führte den Fehlschlag unter anderem auf das unbeabsichtigte Öffnen eines Ventils und einen daraus folgenden Verlust der Lagekontrolle zu Beginn eines Rollmanövers zurück. Die Untersuchung wurde nach Angaben des Unternehmens mit der norwegischen Luftfahrtbehörde ausgewertet.
Der zweite Flug ging damit erheblich über den ersten Test hinaus. Spectrum erreichte nicht nur den Weltraum, sondern die für Satellitenstarts entscheidende Erdumlaufbahn. Die ESA wertet den Flug zudem als Erfüllung eines zentralen Meilensteins ihres European Launcher Challenge. Dabei sollen neue europäische Anbieter kommerzieller Startdienste aufgebaut und Europas Möglichkeiten für eigenständige Satellitenstarts erweitert werden.
Spectrum ist eine zweistufige Flüssigtreibstoffrakete mit einer Höhe von rund 28 Metern und einem Durchmesser von zwei Metern. Neun Triebwerke arbeiten in der ersten Stufe, ein weiteres in der zweiten. Als Treibstoffe verwendet die Rakete flüssigen Sauerstoff und Propan. Nach Angaben von Isar Aerospace ist Spectrum für Nutzlasten von bis zu 1.000 Kilogramm in niedrige Erdumlaufbahnen ausgelegt.
Das Unternehmen mit Sitz in Deutschland entwickelt und produziert wesentliche Komponenten der Rakete selbst. Isar Aerospace gehört zu mehreren europäischen Firmen, die einen Markt für kleinere und flexiblere Trägerraketen aufbauen wollen. Die ESA unterstützt die Entwicklung über ihr Boost!-Programm. Zusätzlich gehört das Unternehmen zu den Teilnehmern des European Launcher Challenge, mit dem die europäische Raumfahrtorganisation neue kommerzielle Startanbieter fördern will.
Der Erfolg von Andøya hat über die einzelne Mission hinaus Bedeutung. Europa verfügt zwar mit Ariane 6 über eine eigene große Trägerrakete, deren Starts erfolgen jedoch vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana in Südamerika. Unternehmen wie Isar Aerospace zielen dagegen auf einen kommerziellen Markt für kleinere Satelliten und Missionen, die direkt von europäischen Standorten gestartet werden können.
Neben Andøya entstehen oder entwickeln sich weitere Startplätze, unter anderem im schwedischen Esrange und auf den schottischen Shetlandinseln. Ein britischer Versuch, im Januar 2023 von Cornwall aus Satelliten mit einer aus einem Flugzeug gestarteten Rakete in den Orbit zu bringen, scheiterte. Andøya ist damit der erste Standort dieser neuen Generation europäischer Raumhäfen, von dem ein kommerzieller Träger erfolgreich eine Erdumlaufbahn erreicht hat.
Die norwegische Regierung sieht die Startkapazität zugleich als Bestandteil einer eigenständigeren europäischen Raumfahrtinfrastruktur. Satelliten spielen unter anderem bei Kommunikation, Erdbeobachtung und sicherheitsrelevanten Anwendungen eine wichtige Rolle. Andøya Spaceport verfügt nach Angaben der norwegischen Regierung über Infrastruktur für bis zu 30 Starts pro Jahr. Wie schnell sich daraus ein regelmäßiger kommerzieller Betrieb entwickelt, hängt nun unter anderem von weiteren Spectrum-Flügen und den gebuchten Missionen ab.
Für Isar Aerospace bedeutet der Flug vom 5. September vor allem den Nachweis einer Fähigkeit, die beim ersten Versuch noch nicht erreicht worden war: Eine selbst entwickelte Spectrum-Rakete hat eine Erdumlaufbahn erreicht und Nutzlasten dorthin transportiert. Aus einem Entwicklungsprogramm ist damit erstmals ein tatsächlich orbital eingesetztes Trägersystem geworden.
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