
Die deutsche Raumfahrtfirma Isar Aerospace hat mit ihrer Trägerrakete Spectrum beim zweiten Testflug erstmals eine Erdumlaufbahn erreicht. Die zweistufige Rakete hob am Samstagabend, 5. September 2026, um 22.12 Uhr deutscher Zeit vom Weltraumbahnhof Andøya im Norden Norwegens ab. Gut sieben Minuten nach dem Start befand sich die Oberstufe auf einer elliptischen Umlaufbahn um die Erde.
Damit hat Isar Aerospace einen entscheidenden Schritt bei der Entwicklung seines kommerziellen Trägersystems geschafft. Der Flug mit dem Namen Onward and Upward war als Qualifikationsmission angelegt und zugleich der erste Spectrum-Flug mit Nutzlasten an Bord. Mitgeführt wurden fünf kleine CubeSats sowie ein nicht abtrennbares Technologieexperiment.
Noch nicht gleichbedeutend mit einem vollständigen Missionserfolg war zu diesem Zeitpunkt allerdings das Erreichen der ersten Umlaufbahn. Die Oberstufe sollte anschließend weitere Manöver durchführen und die Satelliten aussetzen. Eine abschließende Bestätigung, dass sämtliche vorgesehenen Missionsziele einschließlich der Nutzlastaussetzung erreicht wurden, lag zunächst nicht vor.
Der Start verlief deutlich länger und erfolgreicher als der erste Flug der Spectrum im März 2025. Während des Aufstiegs am Samstag war unter anderem die Trennung der ersten Raketenstufe zu beobachten. Nach rund vier Minuten hatte das Fahrzeug eine Höhe von ungefähr 100 Kilometern überschritten und damit den Bereich erreicht, der üblicherweise als Übergang zum Weltraum bezeichnet wird.
Entscheidend für die Qualifikation der Rakete war jedoch nicht allein diese Höhe. Für einen orbitalen Flug muss ein Raumfahrzeug zusätzlich ausreichend Geschwindigkeit aufbauen, um die Erde auf einer Umlaufbahn zu umkreisen. Dieses Ziel erreichte Spectrum bei ihrem zweiten Flug. Die Rakete gelangte zunächst auf eine elliptische Bahn.
Die Mission sollte danach noch fortgesetzt werden. Vorgesehen war ein weiteres Manöver der Oberstufe, um die Bahn zu verändern. Erst anschließend sollten die mitgeführten Satelliten freigesetzt werden. Deshalb war am späten Samstagabend zwar der erstmalige Orbit-Erfolg von Spectrum erreicht, die vollständige Abarbeitung aller Missionsziele aber noch nicht abschließend bestätigt.
An Bord befanden sich fünf CubeSats europäischer Einrichtungen und Unternehmen. Dazu gehören CyBEEsat der Technischen Universität Berlin, TriSat-S der Universität Maribor, Platform 6 von EnduroSat, FramSat-1 der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie sowie SpaceTeamSat1 des TU Wien Space Teams.
Zusätzlich transportierte Spectrum das Experiment Let It Go des deutschen Raumfahrtunternehmens Dcubed. Anders als die Satelliten ist dieses Experiment nicht für eine Abtrennung von der Raketenstufe vorgesehen.
Die Mission wird vom Boost!-Programm der Europäischen Weltraumorganisation ESA unterstützt. Mit diesem Programm fördert die ESA kommerzielle europäische Anbieter von Transportdiensten für den Weltraum. Spectrum ist 28 Meter hoch und hat einen Durchmesser von zwei Metern. Isar Aerospace gibt die maximale Nutzlastkapazität mit bis zu 1.000 Kilogramm für niedrige Erdumlaufbahnen und bis zu 700 Kilogramm für sonnensynchrone Umlaufbahnen an.
Für Isar Aerospace war der zweite Spectrum-Flug auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil der erste Test im März 2025 nach ungefähr 30 Sekunden geendet hatte. Die Rakete war damals ebenfalls von Andøya gestartet, verlor während des Fluges jedoch die stabile Lage und ging anschließend im Meer nieder.
Die spätere Untersuchung von Isar Aerospace führte den Ablauf nach Unternehmensangaben auf das unbeabsichtigte Öffnen eines Ventils und den anschließenden Verlust der Lagekontrolle zurück. Danach wurden Änderungen an der Rakete und ihrer Software vorgenommen.
Auch der zweite Testflug ließ länger auf sich warten als zunächst geplant. Ein Start war bereits für Januar 2026 vorgesehen. Danach kam es zu mehreren Verschiebungen und abgebrochenen Startversuchen, unter anderem wegen technischer Auffälligkeiten, Wetterbedingungen und Problemen mit der Freigabe des Gefahrenbereichs. Erst am Samstagabend konnte die Rakete schließlich abheben.
Der Flug hat Bedeutung über Isar Aerospace hinaus. Europas Raumfahrtindustrie versucht seit mehreren Jahren, neben den großen institutionellen Trägersystemen zusätzliche kommerzielle Anbieter für kleinere Satelliten aufzubauen. Gerade bei sogenannten Microlaunchern konkurrieren mehrere junge europäische Unternehmen um künftige staatliche und private Aufträge.
Isar Aerospace gehört zu den Unternehmen des European Launcher Challenge der ESA. Das Programm soll neue europäische Startdienste aufbauen und die Auswahl an verfügbaren Trägersystemen vergrößern. Ende August hatte die ESA für Isar Aerospace einen Vertrag im Umfang von 197,8 Millionen Euro bekanntgegeben. Die Finanzierung kommt überwiegend aus Deutschland, hinzu kommen Beiträge aus Österreich und Norwegen.
Spectrum ist auf kleine und mittelgroße Satelliten sowie Satellitenkonstellationen ausgerichtet. Die erste Stufe arbeitet mit neun Aquila-Triebwerken, die zweite Stufe mit einem weiteren Triebwerk. Als Treibstoffe werden flüssiger Sauerstoff und Propan verwendet.
Der Orbit-Erfolg vom 5. September verschiebt das Projekt nun in eine neue Entwicklungsphase. Während beim ersten Flug vor allem Start und erste Flugsekunden erprobt wurden, demonstrierte die zweite Spectrum erstmals den Betrieb beider Raketenstufen bis in eine Erdumlaufbahn.
Ob auch die geplanten Satellitenaussetzungen und sämtliche weiteren Missionsziele erfolgreich abgeschlossen wurden, war am späten Samstagabend zunächst noch nicht abschließend bestätigt.
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