
Mehr als vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine bestehen zahlreiche Städtepartnerschaften mit Russland formal weiter. Von einer normalen Zusammenarbeit kann allerdings keine Rede sein. Viele deutsche Kommunen haben ihre offiziellen Kontakte bereits 2022 eingefroren, Partnerschaftsverträge aber bewusst nicht gekündigt. Diese Trennung zwischen formaler Verbindung und tatsächlicher Zusammenarbeit gerät angesichts der weiter verschärften Beziehungen zwischen Deutschland und Russland erneut in die politische Debatte.
Zusätzlichen Druck erzeugt die Sicherheitslage in Europa. Anfang September machte die Bundesregierung Russland für einen hybriden Angriff am Flughafen Leipzig/Halle verantwortlich. Moskau dementierte die Vorwürfe, bestreitet eine Verantwortung und kündigte seinerseits Konsequenzen an. Damit stellt sich auch auf kommunaler Ebene verstärkt die Frage, welchen Zweck bestehende Verbindungen zu russischen Städten unter den heutigen Bedingungen noch erfüllen können.
In Deutschland gibt es rund 90 formelle deutsch-russische Städtepartnerschaften. Hinzu kommen weitere kommunale Freundschaften und Kooperationen. Nach einer 2024 veröffentlichten Bestandsaufnahme des Deutsch-Russischen Forums ließen die erfassten deutschen Kommunen ihre offiziellen Partnerschaften mit russischen Städten ruhen. Vereine und private Initiativen hielten teilweise weiterhin Kontakte auf zwischenmenschlicher Ebene.
Dieses Modell findet sich auch bei mehreren großen Städten. Berlin führt Moskau weiterhin als Partnerstadt, bezeichnet die Verbindung aber als ruhend. Düsseldorf hat seine Partnerschaft mit Moskau seit dem russischen Angriff am 24. Februar 2022 auf Eis gelegt und stuft sie als inaktiv ein. Chemnitz lässt die Kontakte zur russischen Partnerstadt Wolgograd seit Februar 2022 ruhen. Auch zwischen Hamburg und Sankt Petersburg bestehen derzeit keine offiziellen Kontakte. Die bereits 1957 begründete Partnerschaft wurde jedoch ebenfalls nicht gekündigt.
Das Festhalten an den Verträgen ist politisch nicht unumstritten. In Hamburg forderte die CDU Anfang 2026 die formelle Beendigung der Partnerschaft mit Sankt Petersburg. Die Regierungsfraktionen lehnten diesen Schritt ab. In Düsseldorf beantragte die FDP im Frühjahr die Beendigung der ruhenden Partnerschaft mit Moskau. Die Stadt führt Moskau weiterhin als inaktive Partnerstadt.
Auch in Celle wurde darüber gestritten, ob die Verbindung zur sibirischen Stadt Tjumen endgültig beendet werden soll. Die seit 1994 bestehende Partnerschaft liegt bereits seit Jahren auf Eis. Ein Antrag der SPD-Fraktion auf Kündigung wurde 2025 nicht weiterverfolgt. Noch 2026 zählt die Stadt Tjumen offiziell zu ihren Partnerkommunen.
Damit zeigt sich ein Muster: Die politische und administrative Zusammenarbeit ist weitgehend eingestellt, der juristische oder formale Partnerschaftsstatus bleibt aber häufig bestehen. Eine Wiederaufnahme regulärer Beziehungen ist damit weder beschlossen noch automatisch vorgesehen.
Die Zurückhaltung bei endgültigen Kündigungen hat historische Gründe. Internationale Städtepartnerschaften entstanden in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem als Instrument der Verständigung zwischen Gesellschaften. Auch viele Verbindungen in die damalige Sowjetunion wurden ausdrücklich mit dem Ziel geschaffen, Kontakte jenseits der Regierungsebene zu ermöglichen.
Der Deutsche Städtetag hatte unmittelbar nach Beginn der russischen Invasion 2022 davon abgeraten, Partnerschaften vorschnell aufzulösen. Der damalige Städtetagspräsident Markus Lewe argumentierte, dass kommunale Verbindungen vor allem Beziehungen zwischen Menschen seien und nicht mit staatlicher Diplomatie gleichgesetzt werden sollten. Diese Haltung prägt bis heute Entscheidungen einzelner Kommunen.
Allerdings sind die Möglichkeiten eines freien zivilgesellschaftlichen Austauschs mit Russland inzwischen stark eingeschränkt. Offizielle Delegationsreisen, gemeinsame Verwaltungsprojekte, Veranstaltungen und andere früher übliche Formen der Zusammenarbeit finden bei den ruhenden Partnerschaften nicht mehr oder nur in Ausnahmefällen statt. Ob und unter welchen politischen Voraussetzungen solche Beziehungen eines Tages wieder aktiviert werden könnten, entscheiden die jeweiligen Kommunen selbst.
Während zahlreiche Russland-Partnerschaften eingefroren bleiben, haben deutsche Städte ihre Verbindungen zur Ukraine erheblich ausgebaut. Seit Beginn des russischen Großangriffs entstanden zahlreiche neue Partnerschaften und Solidaritätsvereinbarungen. Kommunen liefern Fahrzeuge, medizinisches Material und technische Ausrüstung, unterstützen Wiederaufbauprojekte und arbeiten direkt mit ukrainischen Stadtverwaltungen zusammen.
Einige Städte unterhalten inzwischen gleichzeitig eine ruhende russische und eine aktive ukrainische Partnerschaft. Berlin etwa hält die Verbindung zu Moskau eingefroren und ist seit 2023 mit Kyjiw partnerschaftlich verbunden. Düsseldorf setzte die Kontakte zu Moskau aus und schloss 2022 eine Städtepartnerschaft mit Czernowitz.
Die kommunale Zurückhaltung steht inzwischen in einem deutlich schärferen außenpolitischen Umfeld. Nach dem von der Bundesregierung Russland zugeschriebenen hybriden Angriff am Flughafen Leipzig/Halle kündigte Berlin Anfang September weitere Maßnahmen gegen russische Einrichtungen in Deutschland an. Russland reagierte unter anderem mit der Schließung des deutschen Generalkonsulats in Sankt Petersburg.
Gerade vor diesem Hintergrund dürfte die Frage nach den russischen Partnerstädten weiter diskutiert werden. Der derzeit verbreitete Kurs deutscher Kommunen ist jedoch klar erkennbar: Die Zusammenarbeit mit russischen Stadtverwaltungen bleibt überwiegend eingefroren, die historischen Partnerschaftsverträge werden trotzdem häufig nicht aufgehoben. Damit bleiben formale Verbindungen bestehen, ohne dass daraus derzeit normale politische Beziehungen entstehen.
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