Stahl wird in Europa teurer, obwohl die Nachfrage schwach bleibt

Aktienhandel: Kurstafel mit Kursverläufen an der Börse
Quelle: Pixabay, sergeitokmakov

Teilen:

Die Stahlpreise in Europa haben seit der Verschärfung der EU-Importregeln im Juli 2026 zugelegt. Besonders bei Warmband, einem wichtigen Ausgangsmaterial für zahlreiche Industrieprodukte, zeigt sich die Verteuerung. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage vieler Abnehmer schwach. Die Entwicklung verdeutlicht, wie stark die europäischen Stahlmärkte inzwischen von handelspolitischen Entscheidungen beeinflusst werden.

Anzeige

Warmband kostet inzwischen rund 747 Euro pro Tonne

Nach Berechnungen des Branchendienstes Fastmarkets lag der Preis für warmgewalzten Stahl in Nordeuropa am 20. Oktober bei 747,50 Euro je Tonne ab Werk. Am 8. Juli hatte derselbe Preisindex noch 701,25 Euro ausgewiesen. Innerhalb von gut drei Monaten ergibt sich damit eine Verteuerung um rund 46 Euro je Tonne beziehungsweise etwa 6,6 Prozent.

Allerdings verlief die Preisentwicklung keineswegs gleichmäßig. Zuletzt bewegten sich die Notierungen überwiegend seitwärts. Gegenüber dem Vortag gab der nordeuropäische Index am 20. Oktober sogar leicht nach. Auch in Italien zeigte sich ein ähnliches Bild. Dort erreichte der entsprechende Index zuletzt 740,83 Euro je Tonne.

EU reduziert zollfreie Stahlimporte um 47 Prozent

Eine wesentliche Veränderung für den europäischen Stahlmarkt trat am 1. Juli 2026 in Kraft. Seitdem gelten deutlich strengere Bedingungen für Stahlimporte aus Ländern außerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums.

Anzeige

Die Europäische Union reduzierte die jährlichen zollfreien Importkontingente gegenüber den Schutzkontingenten von 2024 um rund 47 Prozent auf etwa 18,3 Millionen Tonnen. Für Einfuhren, die diese Mengen überschreiten, gilt ein zusätzlicher Zollsatz von 50 Prozent. Zuvor lag dieser bei 25 Prozent.

Ein vollständiges Importverbot besteht damit nicht. Ausländischer Stahl kann weiterhin eingeführt werden, allerdings wird der Import oberhalb der festgelegten Mengen erheblich teurer. Die Kontingente sind nach Produktgruppen und Handelspartnern aufgeteilt.

Die EU begründet ihre Maßnahmen mit weltweit hohen Überkapazitäten. Nach Angaben der Europäischen Kommission übersteigen die ungenutzten Produktionskapazitäten im globalen Stahlsektor inzwischen 620 Millionen Tonnen. Dadurch entsteht insbesondere für europäische Hersteller ein erheblicher Wettbewerbsdruck.

Importkontingente teilweise schon Anfang Oktober ausgeschöpft

Die Folgen der verschärften Handelsregeln zeigen sich inzwischen auch bei der Verfügbarkeit von Importstahl. Bereits wenige Tage nach Beginn des vierten Quartals waren mehrere Zollkontingente vollständig ausgeschöpft.

Betroffen war unter anderem Warmband aus der Türkei. Auch bei bestimmten anderen Herkunftsländern und Stahlprodukten waren die verfügbaren Mengen Anfang Oktober weitgehend oder vollständig vergeben.

Für europäische Stahlhändler und industrielle Abnehmer verändert sich dadurch die Beschaffung. Importware kann durch zusätzliche Zölle erheblich an Attraktivität verlieren. Zugleich entstehen Unsicherheiten bei Lieferterminen und der zollrechtlichen Abfertigung.

Davon können europäische Stahlhersteller profitieren, weil ausländische Anbieter unter den neuen Bedingungen weniger preislichen Druck ausüben können. Für Unternehmen, die Stahl weiterverarbeiten, bedeuten höhere Materialpreise dagegen zusätzliche Kosten.

Schwache Nachfrage verhindert stärkere Preisanstiege

Trotz der neuen Importbeschränkungen können europäische Stahlproduzenten höhere Verkaufspreise nicht uneingeschränkt durchsetzen. Viele Händler verfügen weiterhin über größere Lagerbestände und bestellen nur zurückhaltend nach.

Auch die gestiegenen Energiekosten und Produktionsprobleme einzelner Stahlwerke beeinflussen die Preisentwicklung. Dadurch treffen mehrere Faktoren aufeinander, die teilweise unterschiedliche Auswirkungen haben.

Wie angespannt die wirtschaftliche Situation bleibt, verdeutlichen aktuelle Zahlen des europäischen Stahlverbands EUROFER. Für 2026 erwartet der Verband lediglich einen Anstieg des rechnerischen Stahlverbrauchs um 0,1 Prozent. Zugleich gingen die europäischen Stahlexporte in Drittstaaten im ersten Halbjahr 2026 um 20 Prozent zurück.

Die Branche leidet damit weiterhin unter einer schwachen Industriekonjunktur. Besonders die Automobilindustrie bleibt ein belastender Faktor, während Bauwirtschaft und Maschinenbau eine moderate Erholung unterstützen.

Europas Stahlindustrie steht vor einem schwierigen Ausgleich

Mit ihren neuen Handelsregeln versucht die Europäische Union, die heimische Produktion zu stabilisieren. Der Stahlsektor ist für zahlreiche Industriezweige von Bedeutung und beschäftigt nach Angaben des EU-Rates rund 300.000 Menschen direkt.

Die Ausgangslage bleibt allerdings schwierig. EUROFER bezifferte die europäische Rohstahlproduktion für 2025 auf 125,8 Millionen Tonnen. Damit wurde ein historischer Tiefstand erreicht. Die Auslastung der Produktionskapazitäten lag zuletzt bei etwa 67 Prozent.

Für die europäischen Stahlproduzenten eröffnen die geringeren Importkontingente neue Absatzmöglichkeiten. Gleichzeitig wächst für stahlverarbeitende Unternehmen die Bedeutung stabiler und bezahlbarer Lieferketten.

Die bisherigen Marktbewegungen zeigen, dass die Importregeln die Stahlpreise stützen können. Wie stark sich dies langfristig auswirkt, hängt jedoch auch von der industriellen Nachfrage, den Energiekosten und der verfügbaren Produktion ab.

Mit MS-Aktuell immer ohne Paywall lesen
Bei Google bevorzugen

Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu