
Schwere Stichverletzungen im Zusammenhang mit gewalttätigen Auseinandersetzungen werden in deutschen Traumazentren häufiger behandelt als noch vor gut einem Jahrzehnt. Das zeigt eine neue Zwölf-Jahres-Analyse des TraumaRegisters der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie. Zwischen 2013 und 2024 stieg die Zahl der erfassten schweren Fälle von 212 auf 336. Den höchsten Stand innerhalb des Untersuchungszeitraums gab es allerdings bereits 2023 mit 382 Fällen.
Die Untersuchung erlaubt damit erstmals einen längerfristigen Blick auf besonders schwere Stichverletzungen in Deutschland. Sie bildet jedoch weder sämtliche Messerangriffe noch die gesamte Gewaltkriminalität ab. Die Daten betreffen ausschließlich schwer verletzte Patientinnen und Patienten, die nach einem mutmaßlichen Gewaltdelikt in einem deutschen Traumazentrum behandelt wurden.
Für die Studie wurden Daten aus den Jahren 2013 bis 2024 ausgewertet. Insgesamt umfasste das TraumaRegister in diesem Zeitraum 291.752 schwer verletzte Patientinnen und Patienten. Bei 3.664 Fällen waren sowohl eine Stichverletzung als auch ein mutmaßliches Gewaltdelikt dokumentiert. Das entsprach rund 1,26 Prozent der untersuchten Schwerverletzten.
Die Zahl stieg von 212 Fällen im Jahr 2013 auf den Höchstwert von 382 im Jahr 2023. Im Jahr 2024 ging sie anschließend auf 336 zurück. Verglichen mit dem Ausgangsjahr 2013 lag die Fallzahl damit dennoch um knapp 59 Prozent höher.
In die Untersuchung flossen Daten aus jährlich etwa 600 bis 633 deutschen Krankenhäusern ein. Erfasst wurden schwerwiegende Verletzungen nach festgelegten medizinischen Kriterien. Leichtere Stichverletzungen tauchen deshalb ebenso wenig in der Untersuchung auf wie Fälle, bei denen Betroffene bereits vor dem Erreichen eines Krankenhauses starben.
Damit beschreibt die Studie einen eng begrenzten Bereich der Stichverletzungen in Deutschland und kann nicht mit der Gesamtzahl polizeilich erfasster Messerangriffe gleichgesetzt werden.
Die untersuchten Patientinnen und Patienten waren im Durchschnitt 34,2 Jahre alt. 85,6 Prozent waren Männer. Besonders häufig waren Verletzungen des Oberkörpers. Bei 61,5 Prozent der Fälle war der Brustkorb betroffen, bei 39,8 Prozent der Bauchraum. Mehrere verletzte Körperregionen konnten dabei gleichzeitig vorkommen.
Bei 73,3 Prozent der Patientinnen und Patienten wurde eine Operation notwendig. Insgesamt 299 Menschen starben während ihres Krankenhausaufenthalts, was einer Krankenhaussterblichkeit von 8,2 Prozent entspricht.
Die Untersuchung gibt dagegen keine Auskunft darüber, wer die Verletzungen verursacht hat oder welche Motive hinter den jeweiligen Auseinandersetzungen standen. Auch Herkunft oder sozialer Hintergrund der Beteiligten lassen sich daraus nicht ableiten. Zudem unterscheidet das Register nicht zuverlässig zwischen unterschiedlichen Stichwaffen. Neben Messern können beispielsweise auch andere spitze Gegenstände erfasst worden sein.
Die Wissenschaftler betrachteten zusätzlich die regionale Verteilung. Für die Jahre 2019 bis 2023 entfielen 37 Prozent der untersuchten Fälle auf den Westen Deutschlands, 27 Prozent auf den Süden, 20 Prozent auf den Osten und 15,9 Prozent auf den Norden.
Gemessen an der Bevölkerung errechnete die Untersuchung für den Westen mit 2,21 schwer verletzten Personen je 100.000 Einwohner im betrachteten Fünfjahreszeitraum die höchste Rate. Im Süden lag sie mit 1,57 je 100.000 Einwohner am niedrigsten. Zugleich zeigten sich steigende Fallzahlen vor allem im Süden und Westen.
Die Autoren weisen darauf hin, dass regionale Werte vom Standort der behandelnden Traumazentren und von der Struktur des Registers beeinflusst werden können. Die Ergebnisse lassen deshalb keine unmittelbaren Rückschlüsse auf einzelne Städte oder Landkreise zu.
Von der medizinischen Untersuchung zu unterscheiden ist die Polizeiliche Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts. Dort gilt als Messerangriff eine Tat, bei der ein Messer unmittelbar gegen einen Menschen eingesetzt oder ein solcher Einsatz angedroht wird. Das bloße Mitführen eines Messers wird nicht gezählt.
Für 2024 registrierte die Polizei bundesweit 29.014 Straftaten mit dem Merkmal Messerangriff. Im Jahr 2025 waren es 29.243 und damit 0,8 Prozent mehr. Der deutliche Unterschied zu den wenigen hundert Fällen aus dem TraumaRegister erklärt sich vor allem aus den unterschiedlichen Definitionen: Die Polizeistatistik umfasst auch Drohungen sowie Fälle ohne schwere Verletzungen.
Von den 29.243 polizeilich registrierten Messerangriffen des Jahres 2025 entfielen 50,6 Prozent auf die Gewaltkriminalität, 47 Prozent auf Bedrohungsdelikte und 2,4 Prozent auf sonstige Straftaten. Innerhalb der Gewaltkriminalität wurden 14.787 Messerangriffe erfasst. Das waren 6,1 Prozent weniger als 2024.
Eine lange Zeitreihe lässt sich aus der Polizeilichen Kriminalstatistik bislang nicht zuverlässig bilden. Messerangriffe werden bundesweit erst seit 2020 als eigenes Phänomen erfasst. Für die ersten Jahre bezeichnete das Bundeskriminalamt die Daten zudem als nur eingeschränkt valide. Erst seit dem Berichtsjahr 2024 wird die Gesamtzahl der Messerangriffe in dieser Form ausgewiesen.
Die medizinische Registerstudie reicht dagegen bis 2013 zurück und zeigt über zwölf Jahre einen Anstieg besonders schwerer Verletzungen nach mutmaßlichen Gewalttaten. Zugleich lag ihr Anteil an allen registrierten Schwerverletzten weiterhin bei etwas mehr als einem Prozent.
Beide Datensätze beschreiben deshalb unterschiedliche Ausschnitte desselben Themenfelds. Die Krankenhausdaten zeigen, wie sich besonders schwere Stichverletzungen entwickelt haben. Die Kriminalstatistik erfasst das wesentlich breitere polizeiliche Hellfeld einschließlich Drohungen und Angriffen ohne schwere körperliche Folgen.
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