
Nach mehreren Angriffen und Sabotageversuchen auf die Stromversorgung in verschiedenen Teilen Deutschlands hat die Polizei einen seit Tagen gesuchten 48-Jährigen festgenommen. Einsatzkräfte stellten den Beschuldigten am Dienstagvormittag, 8. September, im Umfeld des Kraftwerks Weisweiler bei Eschweiler. Gegen ihn lag bereits ein Haftbefehl vor.
Nach Angaben von Staatsanwaltschaft und Polizei hatte der Mann bei seiner Festnahme Sprengmittel bei sich. Widerstand habe er nicht geleistet. In unmittelbarer Nähe fanden Einsatzkräfte zudem ein Zelt im Unterholz, in dem sich weitere Sprengladungen befanden. Spezialisten des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen begannen mit der Untersuchung der Gegenstände. Zugleich suchte die Polizei das Umfeld nach möglicherweise weiteren bislang unentdeckten Vorrichtungen ab.
Die Festnahme nach Stromnetz-Sabotage beendet die öffentliche Fahndung nach dem 48-Jährigen, nicht jedoch die Ermittlungen zu den verschiedenen Vorfällen. Noch offen ist insbesondere, welche der entdeckten oder ausgelösten Vorrichtungen dem Beschuldigten strafrechtlich zugerechnet werden können und ob weitere Personen beteiligt waren.
Der Beschuldigte war nicht erreichbar. Eine Stellungnahme des 48-Jährigen zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen lag zunächst nicht vor.
Ausgangspunkt des von der Staatsanwaltschaft Cottbus geführten Verfahrens ist ein Vorfall vom 1. September in Turnow-Preilack in Brandenburg. Der Ort liegt unweit des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde. Dort wurden Oberleitungen an einem Umspannwerk angegriffen.
Ermittler entdeckten am Tatort eine niedrige zweistellige Zahl sogenannter unkonventioneller Spreng- und Brandvorrichtungen. Ein Teil davon hatte nicht funktioniert. Die Entschärfung verbliebener Vorrichtungen, die Durchsuchung des Geländes und die Spurensicherung dauerten mehrere Tage.
Am selben Tag wurde auch in Nordrhein-Westfalen ein ähnlicher Vorgang bekannt. Am Umspannwerk Bergheim kam es zu einer Störung. In der Nähe der Anlagen in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen wurden Abschussvorrichtungen und pyrotechnische Gegenstände entdeckt. In Bergheim mussten nach damaligen Angaben mehrere Braunkohleblöcke vorübergehend abgeschaltet werden. Eine Unterbrechung der allgemeinen Stromversorgung wurde nicht gemeldet.
Später wurden auch bei Dormagen und im Bereich Weisweiler verdächtige Vorrichtungen entdeckt, die offenbar darauf ausgerichtet waren, Kurzschlüsse an Hochspannungsleitungen herbeizuführen.
Am 3. September wurde die Polizei in Brandenburg über ein Bekennerschreiben informiert. Daraus war nach Angaben der Behörden auch ein Absender ersichtlich. Die Echtheit des Schreibens wurde daraufhin geprüft.
Der Verfasser wandte sich darin gegen die Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen. Diese Darstellung ist Teil der laufenden Ermittlungen und erlaubt noch keine abschließende Bewertung des Tatmotivs. Auch die Frage, ob sämtliche genannten Vorfälle tatsächlich von derselben Person verursacht wurden, ist Gegenstand der Verfahren.
Nach Eingang des Schreibens arbeiteten Ermittlungsbehörden aus Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen enger zusammen. Das Amtsgericht Cottbus ordnete eine Durchsuchung der Wohnanschrift des Beschuldigten in Nordrhein-Westfalen an. Die Maßnahme wurde am 4. September umgesetzt.
Kurz darauf fanden Ermittler ein Fahrzeug, das dem Gesuchten zugerechnet wurde, in der Region Düren beim Hambacher Forst. Der 48-Jährige befand sich jedoch nicht darin. Das Amtsgericht Cottbus erließ noch am 4. September einen Haftbefehl. Einen Tag später begann die öffentliche Fahndung.
Besonders umfangreich waren die Funde in Sachsen. Dort führen die Zentralstelle Extremismus Sachsen bei der Generalstaatsanwaltschaft Dresden und das Landeskriminalamt Ermittlungen zu Angriffen auf die Stromversorgung.
Im Bereich von Hochspannungstrassen bei Lippen im Landkreis Bautzen und bei Schleife im Landkreis Görlitz entdeckten Einsatzkräfte zunächst zwölf selbst hergestellte Sprengvorrichtungen. Nach Angaben der Ermittler sollten diese Kurzschlüsse an Hochspannungsleitungen verursachen.
Bei weiteren Suchmaßnahmen kamen neun zusätzliche Vorrichtungen im Bereich südlich des Umspannwerks Graustein hinzu. Damit erhöhte sich die Gesamtzahl der in Sachsen gefundenen Sprengvorrichtungen auf 21. Spezialkräfte entschärften die Gegenstände. Ein Schaden am Stromnetz oder eine Beeinträchtigung der Stromversorgung entstand dort nach Angaben der sächsischen Ermittlungsbehörden nicht.
Eine Verbindung zwischen den sächsischen Funden und den Verfahren in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen wird geprüft. Die Behörden haben eine solche Zuordnung bislang nicht für sämtliche Fälle abschließend festgestellt.
Mit der Festnahme am Dienstagvormittag endete die mehrtägige Suche nach dem Beschuldigten. Die Polizei Brandenburg stellte daraufhin ihre Öffentlichkeitsfahndung ein und bat darum, veröffentlichte Fahndungsbilder nicht weiterzuverbreiten.
Der Haftbefehl steht im Zusammenhang mit dem Verfahren der Staatsanwaltschaft Cottbus. Dort wird derzeit wegen des Verdachts der Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion und der Störung öffentlicher Betriebe ermittelt. Weitere mögliche Straftatbestände werden geprüft.
Eine Verurteilung gibt es nicht. Für den Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
Die Vorfälle betreffen einen Bereich, dessen Funktionsfähigkeit für Haushalte, Unternehmen, Verkehrsnetze und öffentliche Einrichtungen von zentraler Bedeutung ist. Hochspannungsleitungen und Umspannwerke verbinden Kraftwerke, Übertragungsnetze und regionale Verteilnetze miteinander. Störungen an einzelnen Knotenpunkten können deshalb über den unmittelbar betroffenen Standort hinaus Auswirkungen haben.
Die Serie beschäftigt mehrere Landeskriminalämter, Staatsanwaltschaften und Polizeibehörden. Wegen der räumlich weit auseinanderliegenden Fundorte müssen Spuren aus mehreren Bundesländern miteinander abgeglichen werden.
Welche Vorfälle dem 48-Jährigen letztlich zur Last gelegt werden, welche Rolle die Bekennerschreiben im Strafverfahren spielen und ob die Ermittler von einem allein handelnden Beschuldigten ausgehen können, war am Dienstag noch nicht abschließend geklärt. Gesichert ist bislang vor allem, dass ein Tatverdächtiger festgenommen wurde, gegen ihn ein Haftbefehl besteht und an mehreren Orten in Deutschland Vorrichtungen entdeckt wurden, die auf die elektrische Infrastruktur ausgerichtet waren.
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