Warum Strom in Deutschland im G20-Vergleich so teuer ist

Aktienhandel: Kurstafel mit Kursverläufen an der Börse
Quelle: Pixabay, sergeitokmakov

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Deutschland hat im internationalen Vergleich weiterhin außergewöhnlich hohe Strompreise. Eine aktuelle Auswertung für das zweite Quartal 2026 sieht die Bundesrepublik bei den Haushaltsstrompreisen an der Spitze der G20-Staaten. Gleichzeitig warnen Wirtschaftsverbände vor Nachteilen für den Industriestandort. Die Bundesregierung hat zwar mehrere Entlastungen eingeführt, doch bei Haushalten und vielen Unternehmen bleibt Strom teuer.

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Nach einer Analyse des Vergleichsportals Verivox auf Grundlage von Daten des Energiedienstes Global Petrol Prices kostete eine Kilowattstunde Haushaltsstrom in Deutschland im zweiten Quartal 2026 durchschnittlich 35,6 Cent. Damit lag Deutschland innerhalb der G20 vor Italien mit 34,5 Cent und Großbritannien mit 32,4 Cent. Der Durchschnitt der G20-Staaten lag bei rund 16,3 Cent je Kilowattstunde.

Damit waren die Strompreise in Deutschland für private Verbraucher nominal mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt der großen Industrie- und Schwellenländer.

Abstand zu USA, China und Frankreich bleibt groß

Besonders deutlich wird der Unterschied im Vergleich mit einigen der wichtigsten Wettbewerbsstaaten. In Frankreich wurden für Haushaltsstrom 23,3 Cent je Kilowattstunde ermittelt, in den USA 18,3 Cent. Kanada kam auf 10,6 Cent, China auf 6,7 Cent und Indien auf 6,3 Cent.

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Der G20-Vergleich beschreibt allerdings nicht sämtliche Stromkosten eines Landes. Er bezieht sich auf Haushaltskunden und auf nominale Preise. Wechselkurse, staatliche Subventionen, regulierte Tarife und die Kaufkraft der Bevölkerung unterscheiden sich erheblich.

Auch eine Kaufkraftbereinigung verändert deshalb das Bild. Deutschland bleibt dabei teuer, fällt im weltweiten Vergleich aber deutlich zurück. Verivox kommt auf einen kaufkraftbereinigten Wert von 50,1 International-Dollar-Cent je Kilowattstunde. Im Ranking der 144 untersuchten Länder liegt Deutschland damit nicht mehr auf einem der ersten Plätze.

Auch der weltweite Vergleich zeigt, dass der deutsche G20-Spitzenplatz nicht mit dem höchsten Haushaltsstrompreis aller Länder gleichzusetzen ist. Im zweiten Quartal 2026 lagen Irland, Bermuda und Belgien nominal noch über Deutschland.

Amtliche Daten bestätigen hohes Preisniveau

Die Größenordnung wird durch amtliche Statistiken gestützt, auch wenn sich Methodik und Erhebungszeitraum unterscheiden. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes zahlten private Haushalte in Deutschland im zweiten Halbjahr 2025 durchschnittlich 40,55 Cent je Kilowattstunde einschließlich Steuern, Abgaben und Umlagen.

Eurostat ermittelte für denselben Zeitraum einen durchschnittlichen Haushaltsstrompreis von 38,69 Euro je 100 Kilowattstunden. Innerhalb der Europäischen Union lag Deutschland damit hinter Irland auf Platz zwei.

Dass einzelne Statistiken unterschiedliche Werte ausweisen, ist kein Widerspruch. Verbrauchsklassen, Gewichtungen, Erhebungsmethoden und Zeiträume unterscheiden sich. Gemeinsam ist den Daten jedoch, dass Deutschland für private Stromkunden weiterhin zu den teuersten großen Volkswirtschaften gehört.

Die Bundesnetzagentur meldete für Juli 2026 einen modellierten Preis von 35,94 Cent je Kilowattstunde für Bestandskunden. Neukunden zahlten demnach im Durchschnitt 36,52 Cent. Damit bewegen sich aktuelle deutsche Marktpreise in einer ähnlichen Größenordnung wie der internationale Vergleich.

Industrie zahlt andere Preise als private Haushalte

Auf Unternehmen lässt sich der G20-Wert von 35,6 Cent nicht übertragen. Industrieunternehmen beziehen Strom zu anderen Konditionen. Preise unterscheiden sich je nach Verbrauch, Beschaffungsstrategie, Netznutzung und staatlichen Vergünstigungen erheblich.

Die Bundesnetzagentur errechnete für Industriekunden im Juli 2026 einen Strompreis von 11,45 Cent je Kilowattstunde, wenn sämtliche möglichen Vergünstigungen berücksichtigt werden. Ohne Vergünstigungen lag der modellierte Preis bei 17,22 Cent.

Das Statistische Bundesamt ermittelte für Nicht-Haushalte im zweiten Halbjahr 2025 durchschnittlich 19,22 Cent je Kilowattstunde ohne Mehrwertsteuer und andere abzugsfähige Steuern. Gegenüber dem ersten Halbjahr war das ein Rückgang um 0,6 Prozent. Im Vergleich zum zweiten Halbjahr 2021 lag der Preis allerdings noch 15,4 Prozent höher.

Auch innerhalb Europas gehört Deutschland bei Unternehmensstrom zu den teureren Standorten. Eurostat weist für Unternehmen mit einem Jahresverbrauch zwischen 500 und 2.000 Megawattstunden im zweiten Halbjahr 2025 einen Preis von 22,64 Cent je Kilowattstunde aus. Höher lagen in dieser Verbrauchsgruppe nur Irland und Zypern.

Wirtschaftsverbände sehen Standortnachteil

Die hohen Energiepreise bleiben deshalb ein zentrales Thema der deutschen Wirtschaftspolitik. Der Bundesverband der Deutschen Industrie verweist darauf, dass deutsche Industriestrompreise je nach Abnahmefall bis zu zweieinhalbmal so hoch wie bei wichtigen internationalen Wettbewerbern sein können. Besonders betroffen sind stromintensive Branchen wie Chemie, Stahl, Papier, Glas, Keramik und die Nichteisenmetallindustrie.

Auch die Deutsche Industrie- und Handelskammer sieht die Energiekosten zunehmend als Standortproblem. An ihrem Energiewende-Barometer 2026 beteiligten sich rund 3.100 Unternehmen. 49 Prozent gaben an, dass Strom für sie innerhalb der vergangenen zwölf Monate teurer geworden sei. Industrie und Handel bewerteten die Auswirkungen der energiepolitischen Rahmenbedingungen auf ihre Wettbewerbsfähigkeit besonders kritisch.

Die Verbände fordern deshalb nicht nur kurzfristige Zuschüsse, sondern langfristig international wettbewerbsfähige Stromkosten und verlässlichere Rahmenbedingungen für Investitionen.

Bund bezuschusst Netzentgelte mit 6,5 Milliarden Euro

Die Bundesregierung versucht seit Anfang 2026, einen Teil der Belastung zu senken. Der Bund stellt in diesem Jahr 6,5 Milliarden Euro aus dem Klima- und Transformationsfonds für die Übertragungsnetzkosten bereit. Dadurch sollen die Netzentgelte für private Haushalte und Unternehmen sinken.

Nach Berechnungen der Bundesregierung kann die Entlastung bei einem Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 3.500 Kilowattstunden rechnerisch rund 100 Euro ausmachen. Die tatsächliche Wirkung unterscheidet sich regional.

Für rund 600.000 Unternehmen des produzierenden Gewerbes sowie der Land- und Forstwirtschaft wurde zudem die abgesenkte Stromsteuer dauerhaft festgeschrieben. Sie liegt für diese Betriebe auf dem europäischen Mindestniveau. Die Entlastung kostet den Bund nach eigenen Angaben rund drei Milliarden Euro jährlich.

Eine entsprechende Senkung der Stromsteuer für sämtliche privaten Haushalte und alle Unternehmensbranchen gilt dagegen nicht.

Industriestrompreis hilft nur einem begrenzten Kreis

Für besonders energieintensive Unternehmen kommt zusätzlich der Industriestrompreis hinzu. Das Instrument ist für die Jahre 2026 bis 2028 vorgesehen und unterliegt den europäischen Beihilferegeln.

Dabei kann nur ein Teil des Stromverbrauchs eines anspruchsberechtigten Unternehmens gefördert werden. Zudem sind Investitionsauflagen vorgesehen. Der von der Politik genannte Wert von fünf Cent je Kilowattstunde bedeutet daher nicht, dass künftig die gesamte deutsche Industrie ihren vollständigen Strombedarf zu diesem Preis beziehen kann.

Genau darin liegt der Kern der aktuellen Debatte. Deutschland hat erste Schritte zur Senkung staatlich beeinflusster Stromkosten unternommen. Gleichzeitig zeigen sowohl internationale Haushaltsdaten als auch europäische Unternehmensvergleiche weiterhin ein hohes Preisniveau. Für private Verbraucher ist Deutschland unter den G20 derzeit nominal der teuerste Strommarkt. Für die Industrie bleibt die Lage differenzierter, doch auch dort gehören Energiekosten weiterhin zu den wichtigsten Standortfaktoren.

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