
Taiwanische Unternehmen wollen ihre Investitionen in den USA angesichts der starken Nachfrage nach künstlicher Intelligenz und Halbleitern deutlich ausweiten. Nach Angaben von Taiwans Wirtschaftsminister Kung Ming-hsin haben Unternehmen zusätzliche Investitionen von rund 20 Milliarden US-Dollar ins Auge gefasst. Der Minister nannte die Summe am Mittwoch bei der Eröffnung des US-Pavillons auf der Halbleitermesse SEMICON Taiwan in Taipeh.
Welche Unternehmen hinter den zusätzlichen Milliardenplänen stehen, wurde zunächst nicht bekannt. Kung verwies auf die hohe Nachfrage nach Anwendungen rund um künstliche Intelligenz sowie auf gut gefüllte Auftragsbücher in der Halbleiterindustrie. Gerade taiwanische Hersteller spielen bei Chips, Servern und weiteren Komponenten für KI-Rechenzentren eine zentrale Rolle.
Die neue Größenordnung knüpft an eine Erhebung des taiwanischen Wirtschaftsministeriums vom Frühjahr an. Anlässlich des SelectUSA Investment Summit im Mai hatte das Ministerium rund 20 taiwanische Unternehmen identifiziert, die bereits in den Vereinigten Staaten investierten oder dort weitere Projekte erwogen. Das damalige Investitionsvolumen wurde auf insgesamt etwa 35 Milliarden US-Dollar geschätzt.
Nach einer erneuten Bestandsaufnahme kamen nach Angaben Kungs innerhalb von rund drei Monaten weitere 20 Milliarden Dollar hinzu. Damit erreicht das Volumen der bei dieser Unternehmensgruppe erfassten beziehungsweise geplanten Projekte rechnerisch rund 55 Milliarden Dollar. Zu den Interessenten zählen Unternehmen aus der Halbleiterbranche und dem Bereich der KI-Server. Einzelheiten zu Standorten, Zeitplänen oder einzelnen Firmen legte der Minister bei seinem Auftritt nicht vor.
Die genannten Summen sind deshalb nicht mit bereits vollständig ausgegebenem Kapital gleichzusetzen. Sie umfassen Investitionsvorhaben und Investitionsabsichten, deren konkrete Umsetzung je nach Unternehmen unterschiedlich weit fortgeschritten sein kann.
Eine Sonderrolle spielt der weltweit größte Auftragsfertiger für Halbleiter TSMC. Das taiwanische Unternehmen hat seine Pläne für den Standort Arizona in den vergangenen Jahren mehrfach ausgeweitet. Im Juli 2026 erhöhte TSMC sein vorgesehenes Investitionsvolumen in den USA erneut um 100 Milliarden US-Dollar. Insgesamt sind nach Angaben des Konzerns inzwischen Investitionen von 265 Milliarden Dollar in Arizona vorgesehen.
Zu den Plänen gehören mehrere Fabriken für hochentwickelte Halbleiter, Anlagen für fortschrittliche Chipverpackung sowie ein Forschungs und Entwicklungszentrum. TSMC begründet die Expansion ebenfalls mit der starken Nachfrage seiner Kunden, insbesondere nach leistungsfähigen Chips für künstliche Intelligenz und Hochleistungsrechner.
Der Ausbau in den USA verändert zugleich die internationale Struktur der Halbleiterproduktion. Taiwan bleibt das wichtigste Zentrum für die Herstellung besonders fortschrittlicher Chips. Zugleich entstehen zusätzliche Kapazitäten in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern. Unternehmen reagieren damit sowohl auf die wachsende Nachfrage als auch auf den politischen Wunsch wichtiger Absatzmärkte nach stärker regionalisierten Lieferketten.
Washington versucht seit Jahren, einen größeren Teil der Halbleiterproduktion in die Vereinigten Staaten zu holen. Neben staatlichen Förderprogrammen spielen inzwischen auch Handelsvereinbarungen und Investitionszusagen eine wichtige Rolle. Die amerikanische Regierung betrachtet Chips als entscheidende Grundlage für Rechenzentren, künstliche Intelligenz, Telekommunikation, Fahrzeuge und zahlreiche sicherheitsrelevante Technologien.
Im Januar 2026 vereinbarten die USA und Taiwan einen weitreichenden Rahmen für zusätzliche Investitionen. Danach sollen taiwanische Halbleiter und Technologieunternehmen mindestens 250 Milliarden US-Dollar unmittelbar in Produktions und Innovationskapazitäten in den Vereinigten Staaten investieren. Vorgesehen sind Projekte in den Bereichen Halbleiter, Energie und künstliche Intelligenz. Zusätzlich stellte Taiwan Kreditgarantien von mindestens 250 Milliarden Dollar zur Unterstützung weiterer Unternehmensinvestitionen in Aussicht.
Ob die nun von Kung genannten zusätzlichen 20 Milliarden Dollar vollständig Teil dieses bereits vereinbarten Investitionsrahmens sind, wurde bei seinem Auftritt nicht näher aufgeschlüsselt. Die Zahlen beschreiben zudem unterschiedliche Ebenen. Während die Vereinbarung vom Januar einen langfristigen Rahmen für Investitionen taiwanischer Unternehmen setzt, beruhen die aktuellen 20 Milliarden Dollar auf einer konkreteren Erhebung des Wirtschaftsministeriums bei Unternehmen mit Investitionsinteresse in den USA.
Hinter der Entwicklung steht vor allem der weltweite Ausbau der Infrastruktur für künstliche Intelligenz. Große Technologieunternehmen investieren hohe Summen in neue Rechenzentren. Dafür werden nicht nur besonders leistungsfähige Prozessoren benötigt, sondern auch Speicherchips, Netzwerkkomponenten, Server, Stromversorgung, Kühlsysteme und hochentwickelte Verfahren zur Verbindung und Verpackung mehrerer Chips.
Taiwanische Unternehmen sind in vielen dieser Bereiche wichtige Zulieferer. Dadurch profitieren sie unmittelbar von steigenden Investitionen amerikanischer Cloud und Technologiekonzerne. Produktionsstandorte in den USA können außerdem die Wege zu wichtigen Kunden verkürzen und taiwanische Hersteller enger in das dort entstehende Netzwerk aus Chipfabriken, Rechenzentren und Zulieferbetrieben einbinden.
Ein Vertreter des US-Handelsministeriums begrüßte die neuen Investitionspläne bei der Veranstaltung in Taipeh. Für die USA sind zusätzliche Projekte taiwanischer Firmen ein wichtiger Baustein beim Aufbau eigener Kapazitäten für Halbleiter und Elektronik. Für Taiwan bleibt gleichzeitig entscheidend, seine technologische Basis auf der Insel zu erhalten. Die aktuellen Milliardenpläne zeigen deshalb weniger eine vollständige Verlagerung der taiwanischen Technologieindustrie als vielmehr eine wachsende internationale Ausweitung ihrer Produktionsnetzwerke im Zuge des weltweiten KI-Booms.
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