
Die Vereinigten Arabischen Emirate wollen ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland deutlich ausbauen. Im Zusammenhang mit dem Staatsbesuch von Präsident Scheich Mohamed bin Zayed Al Nahyan sollen am Donnerstag, 10. September 2026, Vereinbarungen in einem Umfang von mehreren Milliarden US-Dollar unterzeichnet werden. Im Mittelpunkt stehen Investitionen, künstliche Intelligenz und Energie. Eine detaillierte Aufschlüsselung des angekündigten Volumens nach Unternehmen und einzelnen Projekten lag am Mittwoch zunächst nicht vor. Die Milliardenangabe beschreibt daher angekündigte Vereinbarungen und mögliche Investitionsrahmen, nicht bereits geflossenes Kapital.
Der Präsident der Emirate hält sich auf Einladung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Deutschland auf. Nach Angaben der Vereinigten Arabischen Emirate begann der Staatsbesuch bereits am Mittwoch, 9. September. Die zentralen politischen Termine in Berlin folgen am Donnerstag. Bundeskanzler Friedrich Merz will Mohamed bin Zayed gegen 16 Uhr im Kanzleramt empfangen. Auf der Tagesordnung stehen nach Angaben der Bundesregierung der Ausbau der strategischen Partnerschaft, die wirtschaftlichen Beziehungen und die Zusammenarbeit bei Frieden und Stabilität im Nahen und Mittleren Osten.
Die emiratische Staatsministerin Lana Nusseibeh kündigte am Mittwoch Vereinbarungen im Wert von mehreren Milliarden US-Dollar an. Konkret genannt wurden die Bereiche Investitionen, künstliche Intelligenz und Energie. Zudem soll ein eigener Rahmen für die technologische Zusammenarbeit entstehen, über den unter anderem Forschung und Investoren enger miteinander verbunden werden sollen. Im Energiebereich soll an bestehende Kooperationen bei erneuerbaren Energien, Wasserstoff und Energieeffizienz angeknüpft werden.
Offiziell bestätigt war zunächst nur, dass entsprechende Vereinbarungen vorgesehen sind. Welche Unternehmen beteiligt sein werden, wie hoch die jeweiligen Einzelvolumina liegen und welcher Anteil tatsächlich als neues Kapital nach Deutschland fließen soll, war am Mittwochnachmittag nicht veröffentlicht. Unklar blieb zunächst auch, ob sämtliche genannten Milliardenbeträge verbindliche Investitionszusagen darstellen oder teilweise aus Absichtserklärungen, Kooperationsvereinbarungen und Memoranden bestehen. Für die wirtschaftliche Bewertung ist diese Unterscheidung wesentlich. Ein vereinbarter Investitionsrahmen führt nicht automatisch dazu, dass die vollständige Summe ausgegeben wird.
Die geplanten VAE-Investitionen in Deutschland treffen auf bereits bestehende wirtschaftliche Verflechtungen. Der bilaterale Handel außerhalb des Ölgeschäfts lag 2025 nach Angaben der Emirate bei rund 15,5 Milliarden US-Dollar. In Euro bezifferte das Außenministerium der VAE das Handelsvolumen für 2025 auf mehr als 13,56 Milliarden Euro. Deutsche Unternehmen sind seit Jahren stark am Golf vertreten. Nach emiratischen Angaben sind rund 2.000 deutsche Firmen in den Vereinigten Arabischen Emiraten aktiv.
Auch größere Investitionen aus Abu Dhabi in Deutschland existieren bereits. Ein besonders bedeutendes Beispiel ist die Übernahme des Chemiekonzerns Covestro durch XRG, die internationale Investmentgesellschaft des staatlichen Energiekonzerns ADNOC. Das damit verbundene Investitionsvolumen wurde mit 14,7 Milliarden Euro angegeben. Diese Summe gehört allerdings nicht zu den nun für den Staatsbesuch angekündigten Milliarden. Im Bereich erneuerbare Energien hält der emiratische Konzern Masdar zudem 49 Prozent am deutschen Offshore-Windpark Baltic Eagle. Der Wert dieser Beteiligung wurde mit 488 Millionen Euro angegeben.
Im Februar 2026 wurden während eines Besuchs von Bundeskanzler Merz in Abu Dhabi weitere Kooperationsvorhaben vereinbart. ADNOC und RWE wollten zusätzliche Möglichkeiten für Flüssigerdgaslieferungen nach Deutschland und Europa prüfen. Masdar und RWE vereinbarten zudem, mögliche Investitionen in deutsche Batteriespeicherprojekte zu untersuchen. Solche Vereinbarungen zeigen zugleich, warum bei neuen Milliardenankündigungen zwischen konkret finanzierten Projekten und der Prüfung künftiger Geschäfte unterschieden werden muss.
Der Ausbau der Beziehungen wird zugleich von Kritik begleitet. Human Rights Watch fordert die Bundesregierung auf, bei den Gesprächen neben Wirtschaftsinteressen auch die Menschenrechtslage in den Emiraten und die Rolle des Landes im Krieg im Sudan anzusprechen. Eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen berichtete Anfang September 2026 über Netzwerke, die den paramilitärischen Rapid Support Forces militärische Unterstützung verschafft haben sollen. Nach den Feststellungen der UN-Ermittler spielten dabei auch Personen und Unternehmen eine Rolle, die in den Vereinigten Arabischen Emiraten ansässig, registriert oder mit dem Land verbunden sind. Die Regierung der Emirate weist die Vorwürfe zurück, die RSF militärisch zu unterstützen.
Ein Verfahren, das der Sudan gegen die Vereinigten Arabischen Emirate vor dem Internationalen Gerichtshof angestrengt hatte, wurde im Mai 2025 aus Zuständigkeitsgründen beendet. Das Gericht entschied damit nicht inhaltlich darüber, ob die gegen Abu Dhabi erhobenen Vorwürfe zutrafen. Diese Unterscheidung ist für die politische Einordnung weiterhin relevant.
Auch bei einzelnen wirtschaftspolitischen Themen gibt es in Deutschland Widerstand. So wird über zusätzliche Verkehrsrechte für die Fluggesellschaft Emirates diskutiert. SPD-Fraktionsvize Armand Zorn sprach sich vor dem Staatsbesuch gegen eine vorschnelle Ausweitung aus und verwies auf Wettbewerbsbedingungen sowie mögliche Folgen für deutsche Fluggesellschaften, Flughäfen und Beschäftigte. Lufthansa lehnt zusätzliche Rechte für Emirates ebenfalls ab.
Die engere wirtschaftliche Zusammenarbeit hat auch eine außenpolitische Dimension. Deutschland versucht, seine Energieversorgung, Rohstoffbeziehungen und Technologiepartnerschaften breiter aufzustellen. Die Vereinigten Arabischen Emirate wiederum investieren seit Jahren international in Energie, Infrastruktur und Technologie und wollen ihre Wirtschaft stärker außerhalb des Ölgeschäfts entwickeln. Deutschland bietet dafür industrielle Unternehmen, Forschungskapazitäten und Technologien, während Abu Dhabi über große staatliche und staatsnahe Investmentgesellschaften verfügt.
Die strategische Partnerschaft zwischen Deutschland und den Emiraten besteht seit 2004. Im Energiebereich wurde 2017 eine bilaterale Energiepartnerschaft gegründet, 2021 folgte eine gemeinsame Wasserstoff-Arbeitsgruppe. Seit 2022 gibt es außerdem eine Kooperation zur Energie- und Industriesicherheit. Die nun angekündigten Vereinbarungen würden diese Beziehungen stärker auf künstliche Intelligenz, digitale Infrastruktur und die Verbindung von Energie und neuen Technologien ausrichten.
Der Staatsbesuch verbindet damit mehrere Interessen gleichzeitig. Deutschland sucht Kapital, Energiepartnerschaften und internationale Technologiekooperationen. Die Emirate wollen ihre Position als Investor und strategischer Partner Europas ausbauen. Wie groß das am Donnerstag angekündigte Paket tatsächlich wird, lässt sich erst anhand der einzelnen Vereinbarungen beurteilen. Offiziell bestätigt war zunächst nur ein Gesamtvolumen von mehreren Milliarden US-Dollar in den Bereichen Investitionen, künstliche Intelligenz und Energie. Eine unabhängige Bestätigung dafür, dass dieses gesamte Volumen als unmittelbar verbindliche Neuinvestition nach Deutschland fließen wird, lag zunächst nicht vor.
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