
Bei Volkswagen spitzt sich die Auseinandersetzung über den künftigen Zuschnitt des Konzerns zu. Nach einem Bericht der WirtschaftsWoche sieht ein internes Konzept des Vorstands vor, die Fahrzeugproduktion an vier deutschen Standorten zwischen 2031 und 2034 auslaufen zu lassen. Betroffen wären Emden, Zwickau und Hannover sowie das Audi-Werk in Neckarsulm. Volkswagen hat diese konkreten Planungen bislang nicht bestätigt. Der Bericht über ein Produktionsende in vier deutschen VW-Werken fällt unmittelbar vor eine wichtige Sitzung des Aufsichtsrats am Freitag, 4. September.
Die WirtschaftsWoche beruft sich auf einen internen Bericht, der für die Beratungen des Aufsichtsrats am 3. und 4. September erstellt worden sein soll. Dem Magazin zufolge hat der Volkswagen-Vorstand ein umfassendes Transformationskonzept einstimmig beschlossen. Darin sollen auch konkrete Zeitpunkte für das Ende der Fahrzeugproduktion an den vier Standorten genannt werden. Eine unabhängige Bestätigung des Dokuments lag zunächst nicht vor. Volkswagen erklärte gegenüber Reuters, Inhalte von Aufsichtsratsunterlagen grundsätzlich nicht zu kommentieren.
Nach der Darstellung der WirtschaftsWoche soll die Produktion in Emden und Zwickau 2031 enden. Hannover wäre demnach 2032 betroffen, Neckarsulm 2034. Das Papier soll zugleich vorsehen, Nachfolgemodelle teilweise an andere europäische Standorte des Konzerns zu vergeben. So soll der Nachfolger des derzeit in Emden produzierten ID.4 nach Mladá Boleslav in Tschechien gehen. Die nächste Generation des Audi Q4 e-tron aus Zwickau soll demnach in Bratislava gefertigt werden. Für einen künftigen Transporter aus Hannover sei Poznań vorgesehen. Der Nachfolger des Audi A8, der bislang eng mit Neckarsulm verbunden ist, soll laut Bericht nach Leipzig wechseln.
Damit wäre zunächst das Ende der Fahrzeugproduktion gemeint. Daraus folgt nicht automatisch, dass sämtliche Standorte vollständig geschlossen würden. Welche anderen Aufgaben einzelne Werke anschließend übernehmen könnten und wie viele Arbeitsplätze tatsächlich betroffen wären, ist bislang nicht gesichert.
Die neuen Angaben stehen in einem bemerkenswerten Gegensatz zu den öffentlichen Aussagen der Konzernführung wenige Tage zuvor. Volkswagen-Chef Oliver Blume erklärte Ende August in einem vom Konzern veröffentlichten Interview, für Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm könne derzeit keine wettbewerbsfähige Belegung für die 2030er Jahre dargestellt werden. Zugleich sagte er ausdrücklich, eine Entscheidung über konkrete Werksschließungen sei nicht getroffen.
Volkswagen verwies dabei auf erhebliche Überkapazitäten in Europa. Nach Angaben Blumes müsse der Konzern dort Kapazitäten von mehr als 500.000 Fahrzeugen pro Jahr abbauen. Zudem konkurrieren die deutschen Werke intern mit Produktionsstätten in anderen europäischen Ländern, die nach Darstellung des Managements teilweise deutlich niedrigere Kosten aufweisen.
Die vier Standorte haben unterschiedliche Aufgaben. Emden produziert unter anderem Elektroautos der Baureihen ID.4 und ID.7. Zwickau wurde in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Elektroauto-Standort umgebaut und fertigt unter anderem Modelle für Volkswagen und Audi. Hannover ist das Stammwerk von Volkswagen Nutzfahrzeuge und produziert unter anderem ID. Buzz und Multivan. Neckarsulm gehört zu Audi und ist traditionell ein wichtiger Produktionsstandort für größere und höherpreisige Modelle.
Der Aufsichtsrat von Volkswagen soll am Freitag erneut über den Zukunftskurs des Konzerns beraten. Reuters zufolge stehen dabei verschiedene Konzepte gegenüber. Vorstandschef Blume drängt auf weitere strukturelle Einschnitte und Kostensenkungen. Arbeitnehmervertreter und das Land Niedersachsen, das als bedeutender Aktionär im Aufsichtsrat vertreten ist, haben eigene Vorstellungen für den Umbau entwickelt. Eine Einigung vor der Sitzung galt zuletzt als unsicher.
Bereits im Juli hatte Blume für einen weitreichenden Umbau keine ausreichende Unterstützung erhalten. In den vergangenen Wochen erhöhte die Konzernführung den Druck und verwies auf die wirtschaftliche Entwicklung, den Wettbewerb insbesondere mit chinesischen Herstellern und Belastungen durch internationale Handelszölle. Arbeitnehmervertreter wenden sich dagegen gegen Werksschließungen und zusätzliche harte Einschnitte bei der Beschäftigung.
Der Konflikt ist auch deshalb ungewöhnlich, weil Arbeitnehmervertreter im 20-köpfigen Volkswagen-Aufsichtsrat die Hälfte der Mandate stellen. Zusätzlich besitzt das Land Niedersachsen umfangreiche Einflussmöglichkeiten. Bestimmte Standortentscheidungen unterliegen außerdem besonderen Regelungen des Volkswagen-Gesetzes.
Neben der Zukunft einzelner Werke wird auch über den organisatorischen Aufbau des Konzerns diskutiert. Bereits Ende Juni wurden Überlegungen bekannt, die Marke Volkswagen Pkw und die Komponentensparte rechtlich eigenständiger aufzustellen. Derzeit sind Volkswagen Pkw und Volkswagen Nutzfahrzeuge anders als die meisten anderen Kernmarken des Konzerns nicht als eigene Gesellschaften organisiert. Das geht auch aus dem Volkswagen-Jahresabschluss für 2025 hervor.
Ob eine solche Ausgliederung bei der Sitzung am Freitag tatsächlich beschlossen werden soll, war zunächst nicht bestätigt. Reuters berichtete zuletzt allgemein über mögliche Ausgliederungen von Konzernbereichen als Bestandteil der laufenden Umbaupläne. Fest steht damit lediglich, dass eine tiefgreifendere Neuordnung der Konzernstruktur zu den diskutierten Optionen gehört.
Der mögliche Zeitplan für die Werke beginnt nicht zufällig erst nach 2030. Volkswagen, IG Metall und Betriebsrat hatten sich im Dezember 2024 auf das Programm Zukunft Volkswagen verständigt. Darin wurde eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2030 vereinbart. Gleichzeitig sollte die technische Produktionskapazität der deutschen VW-Werke dauerhaft um 734.000 Fahrzeuge reduziert und die Belegschaft an den deutschen Volkswagen-Standorten bis 2030 sozialverträglich um mehr als 35.000 Stellen verkleinert werden.
Die Vereinbarung legte auch die damalige Perspektive für mehrere Werke fest. Emden sollte weiterhin ID.4 und ID.7 produzieren, Zwickau unter anderem den Audi Q4 e-tron. Für Hannover bestätigte Volkswagen damals die Produktion von ID. Buzz und Multivan. Die jetzt genannten Jahre 2031 und 2032 würden unmittelbar an das Ende der vereinbarten Beschäftigungssicherung anschließen.
Hinter dem verschärften Umbaukurs steht eine schwierige wirtschaftliche Entwicklung. Volkswagen setzte im ersten Halbjahr 2026 rund vier Millionen Fahrzeuge ab. Das waren 8,4 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Der Umsatz blieb mit 158,1 Milliarden Euro nahezu stabil, das operative Ergebnis sank jedoch um 11,6 Prozent auf 5,9 Milliarden Euro.
Nicht alle Bereiche entwickelten sich dabei schwächer. Die Markengruppe Core mit Volkswagen, Škoda, Seat, Cupra und Volkswagen Nutzfahrzeuge steigerte ihr operatives Ergebnis im ersten Halbjahr um 4,5 Prozent auf 3,61 Milliarden Euro. Konzernweit belasten Volkswagen jedoch unter anderem der intensive Wettbewerb, hohe Kosten, Veränderungen auf dem chinesischen Markt und Handelsbarrieren.
Die Sitzung am Freitag erhält deshalb Bedeutung weit über einzelne Werke hinaus. Zur Entscheidung steht nicht nur, wie Volkswagen seine Produktionskapazitäten in Deutschland und Europa verteilt. Der Konflikt betrifft zugleich die Machtbalance zwischen Vorstand, Eigentümerseite, Arbeitnehmervertretung und dem Land Niedersachsen sowie die Frage, wie stark Europas größter Autokonzern seine über Jahrzehnte gewachsene Struktur verändern wird.
Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu