
Deutschlands Wasserspeicher stehen auch nach einzelnen niederschlagsreichen Phasen unter Druck. Eine aktuelle Auswertung des GFZ Helmholtz-Zentrums für Geoforschung zeigt, dass sich seit etwa 2015 Monate mit vergleichsweise geringer Wasserspeicherung häufen. Dabei spricht die langfristige Entwicklung nicht für einen einfachen Mangel an Niederschlag. Stattdessen rückt ein anderer Faktor stärker in den Mittelpunkt: Mit steigenden Lufttemperaturen nimmt die potenzielle Verdunstung zu und damit die Menge an Wasser, die wieder in die Atmosphäre gelangen kann.
Grundlage der aktuellen Auswertung sind Messungen der Satellitenmissionen GRACE und GRACE Follow-On. Im Juni 2026 lag die gesamte Wasserspeicherung Deutschlands nach Angaben des GFZ rund 25 Gigatonnen unter dem langjährigen Mittel der Jahre 2002 bis 2020. Eine Gigatonne Wasser entspricht ungefähr einem Kubikkilometer. Das Defizit lag damit bei etwa 25 Kubikkilometern.
Erfasst wird dabei nicht allein das Grundwasser. Die sogenannte terrestrische Wasserspeicherung umfasst Wasser in Böden, Grundwasserleitern, Oberflächengewässern und Schnee. Das GFZ kommt zugleich zu dem Ergebnis, dass die Abnahme der Grundwasserspeicherung für den größten Teil des langfristigen Rückgangs in Deutschland verantwortlich ist.
Das überdurchschnittlich feuchte Jahr 2024 sorgte zwischenzeitlich für eine Erholung. Danach sank die Wasserspeicherung erneut deutlich. Für das Sommerhalbjahr 2025 registrierte die Messreihe nach Angaben des GFZ die stärkste Abnahme seit Beginn der GRACE-Beobachtungen.
Bei den Anfang September veröffentlichten Ergebnissen handelt es sich um eine aktuelle Auswertung einer fortlaufenden wissenschaftlichen Messreihe und nicht um eine neu erschienene einzelne Fachstudie. Die jüngsten Deutschland-Daten wertete GFZ-Forscherin Eva Börgens aus. Annette Eicker, Leiterin der GFZ-Sektion Globales Geomonitoring und Schwerefeld, sowie der Hydrologe Andreas Güntner ordneten die Entwicklung ein.
Die ursprüngliche GRACE-Mission lieferte von 2002 bis 2017 Daten, GRACE Follow-On setzt die Messreihe seit 2018 fort. Jeweils zwei Satelliten registrieren kleinste Veränderungen des Erdschwerefeldes. Verschieben sich große Wassermassen, verändert sich auch die Anziehungskraft der Erde geringfügig. Daraus lassen sich monatliche Veränderungen der gespeicherten Wassermenge ableiten.
Die entsprechenden GFZ-Datenprodukte und ihre Verarbeitung sind wissenschaftlich dokumentiert. Eine 2025 im Fachjournal Earth System Science Data veröffentlichte Arbeit von Christoph Dahle, Eva Börgens und weiteren Forschenden beschreibt das GravIS-System, mit dem solche Massenänderungen aus GRACE-Daten aufbereitet werden.
Die Methode hat Grenzen. Die räumliche Auflösung liegt bei ungefähr 250 mal 250 Kilometern. Aussagen über einzelne Landkreise, Städte oder Brunnen lassen sich daraus deshalb nicht ableiten.
Besonders wichtig ist der Vergleich mit den Niederschlagsdaten. Nach der GFZ-Auswertung ist für Deutschland kein langfristiger negativer Trend der Niederschlagsmengen erkennbar. Langfristige Daten des Deutschen Wetterdienstes stützen diesen Befund.
Seit 1881 nahm die mittlere jährliche Niederschlagsmenge in Deutschland im linearen Trend um rund acht Prozent zu. Die Entwicklung verteilt sich allerdings ungleich über das Jahr. Besonders die Winter wurden deutlich feuchter, während die Niederschläge im Sommer geringfügig zurückgingen.
Gleichzeitig hat sich Deutschland deutlich erwärmt. Die zehn wärmsten Jahre seit Beginn der flächendeckenden Temperaturaufzeichnungen 1881 liegen nach Daten des Deutschen Wetterdienstes sämtlich im 21. Jahrhundert. Das Jahr 2025 lag mit einer Durchschnittstemperatur von 10,0 Grad Celsius rund 2,2 Grad über dem Mittel der ersten drei Jahrzehnte der Messreihe von 1881 bis 1910.
Damit verändert sich die Wasserbilanz auch dann, wenn die jährliche Niederschlagsmenge nicht sinkt.
Höhere Lufttemperaturen erhöhen die potenzielle Verdunstung. Damit ist die Wassermenge gemeint, die unter den jeweiligen atmosphärischen Bedingungen verdunsten könnte, wenn ausreichend Wasser vorhanden wäre. Wasser verdunstet direkt von Böden und Gewässern. Zusätzlich geben Pflanzen über ihre Blätter Wasser an die Atmosphäre ab.
Potenzielle und tatsächliche Verdunstung dürfen dabei nicht gleichgesetzt werden. Ist ein Boden bereits ausgetrocknet, kann trotz großer atmosphärischer Verdunstungsnachfrage nur noch wenig Wasser verdunsten. Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung von 461 deutschen Einzugsgebieten für den Zeitraum 1964 bis 2019 zeigte entsprechend keine stetige Zunahme der tatsächlichen Verdunstung. Sie stieg über mehrere Jahrzehnte, schwächte sich in jüngeren trockenen Perioden aber ab oder ging regional zurück, weil Wasser selbst zum begrenzenden Faktor wurde.
Der aktuelle GFZ-Befund bedeutet deshalb nicht, dass Niederschlag für Dürren unwichtig geworden wäre. Einzelne trockene Jahre und Jahreszeiten können erhebliche Niederschlagsdefizite aufweisen. Langfristig lässt sich der Rückgang der gespeicherten Wassermengen jedoch nicht mit einem entsprechenden Rückgang des deutschen Jahresniederschlags erklären.
Dass der Befund nicht allein auf Satellitenmessungen beruht, zeigt eine im Juli 2026 veröffentlichte bundesweite Grundwasserstudie unter Federführung der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Das Forschungsteam untersuchte 5.844 Grundwassermessstellen für den Referenzzeitraum 1991 bis 2020.
An 43 Prozent der Messstellen waren statistisch signifikante Trends nachweisbar. Unter diesen Messstellen überwogen fallende Grundwasserstände. Der mediane Rückgang lag bei 0,9 Zentimetern pro Jahr. Bezogen auf die jeweilige Schwankungsbreite der Messstellen entsprach dies einem Median von 0,5 Prozent pro Jahr.
Die Autoren sehen einen starken Zusammenhang mit klimatischen Einflüssen, weisen aber zugleich darauf hin, dass Entnahmen und andere menschliche Eingriffe regional ebenfalls eine Rolle spielen können. Eine direkte Aufteilung des bundesweiten Rückgangs auf Temperatur, Niederschlag und menschliche Nutzung nahm die Untersuchung nicht vor.
Eine weitere Einschränkung betrifft die Aktualität der Satellitendaten. Die Anfang September vorgestellte GFZ-Auswertung reicht bislang bis Juni 2026. Die Entwicklung der Wasserspeicher während der folgenden heißen Sommermonate ist darin noch nicht enthalten. Aufgrund der aufwendigen Verarbeitung liegen die GRACE-Daten mit zeitlicher Verzögerung vor.
Damit lässt sich aus dem derzeit ausgewiesenen Defizit von 25 Gigatonnen noch nicht ablesen, wie stark der gesamte Sommer 2026 die Speicher zusätzlich beeinflusst hat.
Deutschland steht mit dieser Entwicklung nicht allein. Eine internationale Auswertung der GRACE-Missionen zeigte bereits 2024 einen deutlichen Rückgang der globalen Wasserspeicherung auf den Kontinenten. Im Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2023 lag die gespeicherte Süßwassermenge weltweit rund 1.200 Kubikkilometer unter dem Durchschnitt der Jahre 2002 bis 2014.
Die Ursachen unterscheiden sich regional. Neben wiederkehrenden Dürren und höheren Temperaturen spielen in zahlreichen Gebieten auch intensive Grundwasserentnahmen eine wichtige Rolle. Die Satellitenbeobachtungen zeigen damit ein internationales Muster sinkender Wasservorräte, ohne dass überall dieselben Prozesse dominieren.
Für Deutschland zeichnet sich inzwischen ein vergleichsweise klares Bild ab: Niederschlag allein entscheidet nicht darüber, wie viel Wasser langfristig in Landschaft und Untergrund gespeichert bleibt. Mit steigenden Temperaturen wächst die potenzielle Verdunstung, während sich gleichzeitig längere Trockenphasen auf Grundwasser und Böden auswirken können. Entscheidend für die Wasserverfügbarkeit ist deshalb zunehmend die gesamte Bilanz aus Niederschlag, Verdunstung, Speicherung, Abfluss und Nutzung.
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