
Vor der Küste Kaliforniens werden in diesem Jahr ungewöhnlich früh und in größerer Zahl junge Weiße Haie beobachtet. Besonders Südkalifornien steht dabei im Mittelpunkt. Forscher führen die Entwicklung auf mehrere Faktoren zurück: ungewöhnlich warmes Meerwasser, eine seit längerem bestehende marine Hitzewelle und den inzwischen kräftiger werdenden El Niño. Für Badende und Surfer bedeutet die größere Nähe der Tiere zum Strand nach bisherigen Erkenntnissen jedoch nicht automatisch ein höheres Risiko.
Das Shark Lab der California State University Long Beach berichtete bereits im Sommer von vermehrten Sichtungen. Junge Weiße Haie seien 2026 früher als gewöhnlich aus Gewässern vor Mexiko nach Norden gezogen. Nach Angaben von Institutsleiter Christopher Lowe wurden Jungtiere bereits im Februar vor Kalifornien beobachtet. Üblicherweise steigt ihre Zahl dort erst im Frühjahr deutlich an.
Auch die kalifornischen Behörden haben auf die Entwicklung reagiert. Die Fish and Game Commission erließ im Juni kurzfristig strengere Regeln für bestimmte Angelmethoden an Stränden und Piers. Anlass war vor allem die Gefahr, dass geschützte Weiße Haie an schweren Angelgeräten hängen bleiben und dadurch sowohl die Tiere als auch Menschen im Wasser gefährdet werden. In den Unterlagen der Behörde ist dokumentiert, dass im April an einem einzigen Tag 20 junge Weiße Haie am Hermosa Beach Pier gefangen wurden. Mindestens drei Weiße Haie waren nach Behördenangaben zuvor in diesem Jahr nach Kontakten mit schwerem Angelgerät verendet.
Dass besonders junge Weiße Haie in Küstennähe auftauchen, ist für Südkalifornien grundsätzlich nicht ungewöhnlich. Die flachen Gewässer zwischen dem Raum Santa Barbara und San Diego gehören zu den wichtigsten bekannten Kinderstuben der Art im nordöstlichen Pazifik.
Dort finden die Tiere mehrere günstige Bedingungen gleichzeitig. Das Wasser ist vergleichsweise warm, am Meeresboden leben zahlreiche Rochen und kleinere Fische, außerdem stehen Tintenfische auf dem Speiseplan. Gleichzeitig bietet das flache Küstengebiet Schutz vor größeren Haien und anderen möglichen Fressfeinden. Weiße Haie im Jugendstadium messen häufig etwa 1,5 bis drei Meter. Ihre Ernährungsweise unterscheidet sich damit deutlich von jener ausgewachsener Tiere, die häufiger Robben und Seelöwen jagen.
Die Temperatur spielt dabei eine wichtige Rolle. Untersuchungen mit markierten Jungtieren zeigen, dass sie bevorzugt relativ flache und küstennahe Regionen mit Wassertemperaturen von ungefähr 14 bis 24 Grad Celsius nutzen. In besonders warmen Jahren kann sich dieser geeignete Lebensraum nach Norden verschieben. Frühere Forschungsarbeiten zeigten bereits, dass ungewöhnliche Wärmeperioden im Nordostpazifik die Verbreitung junger Weißer Haie bis nach Zentralkalifornien ausweiten können.
Das bedeutet nicht, dass die Haie möglichst heißes Wasser suchen. Vielmehr bewegen sie sich innerhalb eines günstigen Temperaturbereichs. Wird es vor der mexikanischen Halbinsel Baja California zu warm, können Jungtiere weiter nach Norden ausweichen, während sich gleichzeitig zuvor kühlere Gebiete vor Kalifornien stärker erwärmen und dadurch attraktiver werden.
Der Zusammenhang mit El Niño ist komplexer als die einfache Gleichung von El Niño, warmem Wasser und mehr Haien. El Niño entsteht im tropischen Pazifik. Unter normalen Bedingungen treiben Passatwinde warmes Oberflächenwasser nach Westen in Richtung Asien. Bei El Niño schwächen sich diese Winde ab. Warmes Wasser breitet sich weiter nach Osten aus, während sich zugleich die atmosphärische Zirkulation verändert. Die Auswirkungen können sich anschließend über den Pazifik und entlang der amerikanischen Westküste ausbreiten.
Das Climate Prediction Center der US Wetterbehörde NOAA stellte am 13. August fest, dass sich El Niño weiter verstärkt. Die Oberflächentemperaturen im östlichen äquatorialen Pazifik lagen teilweise mehr als zwei Grad Celsius über dem Durchschnitt. NOAA sieht eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent dafür, dass sich im Herbst und Winter 2026/27 ein sehr starkes Ereignis entwickelt.
Die derzeit hohen Temperaturen direkt vor Kalifornien lassen sich trotzdem nicht vollständig El Niño zuschreiben. NOAA verfolgt vor Zentral- und Südkalifornien bereits seit Mai 2025 eine marine Hitzewelle mit der Bezeichnung NEP25A. Die Behörde betonte noch im August, dass die Erwärmung der vergangenen Monate überwiegend andere atmosphärische und ozeanische Ursachen hatte. Erst bei einer erneuten Erwärmung Mitte August könnte sich ein direkterer Einfluss von El Niño gezeigt haben. Für die kommenden Monate rechnen die Forscher damit, dass El Niño die ungewöhnlich warme Phase entlang der Westküste verlängern kann.
Die Nähe der Tiere zu beliebten Stränden ist gut dokumentiert. Eine 2023 veröffentlichte Studie des Shark Lab untersuchte mit Drohnen 26 Strände in Südkalifornien. Zwischen Januar 2019 und März 2021 wurden 1.644 Flüge ausgewertet und insgesamt 1.204 Beobachtungen junger Weißer Haie registriert.
An Orten mit bekannten Haiansammlungen hielten sich Menschen und Haie an 97 Prozent der untersuchten Tage gleichzeitig im selben Küstenabschnitt auf. Besonders häufig betraf dies Surfer. Die Haie wurden im Mittel etwa 101 Meter außerhalb der Brandungszone registriert, einzelne Tiere kamen bis auf wenige Meter an diese Zone heran. Trotz dieser intensiven Überschneidung fanden die Forscher keinen Hinweis darauf, dass dadurch die Zahl der Bissverletzungen zunahm.
Auch die häufig verwendete Beschreibung von Weißen Haien im hüfttiefen Wasser braucht deshalb eine Einschränkung. In der Studie wurden Menschen, die bis zur Hüfte im Wasser standen, ausdrücklich als eigene Gruppe erfasst. Mit diesen Watenden gab es keine räumliche Überschneidung der beobachteten Jungtiere. Die Tiere können sehr strandnah vorkommen, hielten sich in dieser Untersuchung aber gewöhnlich außerhalb der eigentlichen Brandungszone auf.
Die langfristigen Zahlen zeigen, wie selten schwere Zwischenfälle trotz der großen Zahl von Menschen an kalifornischen Stränden sind. Forscher des California Department of Fish and Wildlife überprüften sämtliche verfügbaren Fälle zwischen 1950 und 2021. In diesen 72 Jahren konnten sie 201 Hai-Vorfälle bestätigen. 107 Menschen wurden nicht tödlich verletzt, 15 starben. In 178 der 201 Fälle war ein Weißer Hai beteiligt. Im Durchschnitt gab es damit weniger als drei bestätigte Vorfälle pro Jahr und weniger als zwei Verletzungen pro Jahr.
Die aktuelle Informationsseite der kalifornischen Behörde nennt für den gesamten Zeitraum seit 1950 weiterhin weniger als 250 dokumentierte Hai-Vorfälle und weniger als 20 Todesfälle. Zugleich weist die Behörde darauf hin, dass die Zahl der Strandbesucher und der Menschen beim Surfen, Schwimmen und Tauchen stark gestiegen ist, ohne dass die Zahl schwerer Hai-Vorfälle proportional zugenommen hätte.
Auch die Drohnenbeobachtungen erklären, warum Sichtungen allein wenig über das tatsächliche Risiko aussagen. Menschen und junge Weiße Haie können sich über lange Zeit in denselben Küstenabschnitten aufhalten, ohne dass es zu einem Kontakt kommt. Aktuelle Untersuchungen des Shark Lab deuten zudem darauf hin, dass Jungtiere Geräusche von Schwimmern und Surfern wahrnehmen können und häufig kein weiteres Interesse zeigen.
Für Forscher ist die derzeitige Entwicklung deshalb vor allem ein Beispiel dafür, wie schnell Meerestemperaturen die Verteilung großer Meerestiere verändern können. Vor Kalifornien treffen eine wachsende Population geschützter Weißer Haie, geeignete Jungtierhabitate und ungewöhnlich lange Wärmephasen auf eine intensiv genutzte Küste. Mehr Sichtungen sind unter diesen Bedingungen plausibel. Die verfügbaren Daten liefern jedoch keinen Hinweis darauf, dass sich daraus derzeit ein außergewöhnlich hohes Risiko für Badende ableiten lässt.
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