
Der Autozulieferer ZF Friedrichshafen treibt seine Neuaufstellung unter Vorstandschef Mathias Miedreich weiter voran. Im Mittelpunkt steht dabei inzwischen auch ein intern als ZF North Star bezeichnetes Vorhaben. Über das Projekt und strategische Überlegungen dahinter berichtete am Mittwoch das manager magazin. ZF selbst hat bislang kein vollständiges öffentliches Konzept unter diesem Namen vorgestellt. Klar erkennbar ist jedoch die Richtung des Konzerns: Schulden sollen sinken, die Profitabilität soll steigen und das Unternehmen will seine Ressourcen stärker auf Geschäftsfelder konzentrieren, die dauerhaft ausreichende Erträge versprechen.
Miedreich führt ZF seit Oktober 2025. Zuvor hatte er bereits als Vorstandsmitglied die Sparte für elektrifizierte Antriebstechnologien verantwortet, die zu den größten Baustellen des Konzerns zählt. Seine Aufgabe ist umfangreich. ZF hat zwar seine operative Entwicklung zuletzt deutlich verbessert, trägt aber weiterhin eine hohe Verschuldung und befindet sich gleichzeitig mitten in einem umfangreichen Stellenabbau.
Die jüngsten Geschäftszahlen liefern Miedreich Argumente dafür, den eingeschlagenen Kurs fortzusetzen. Im ersten Halbjahr 2026 erwirtschaftete ZF einen Umsatz von 19,3 Milliarden Euro. Nominal waren das zwei Prozent weniger als ein Jahr zuvor, bereinigt um Wechselkurse und Veränderungen im Konzernportfolio ergab sich allerdings ein organisches Wachstum von 0,5 Prozent.
Deutlicher war die Verbesserung beim Ergebnis. Das bereinigte EBIT erreichte 964 Millionen Euro nach 853 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Die entsprechende Marge erhöhte sich von 4,3 auf 5,0 Prozent. Auch der bereinigte Free Cashflow stieg kräftig von 465 Millionen auf 989 Millionen Euro. ZF führt die Entwicklung unter anderem auf höhere Profitabilität, Kostendisziplin und einen zurückhaltenderen Investitionskurs zurück.
Gleichzeitig bleibt die Verschuldung eine zentrale Herausforderung. Zum 30. Juni lagen die Nettoverbindlichkeiten bei rund 9,8 Milliarden Euro. Ende 2025 waren es noch 10,2 Milliarden Euro gewesen. Die Kennzahl für das Verhältnis von Verschuldung zum operativen Ergebnis verbesserte sich ebenfalls. Der Konzern verfügt nach eigenen Angaben zugleich über einen Liquiditätsspielraum von mehr als sieben Milliarden Euro.
Die bessere operative Entwicklung ändert nichts daran, wie groß die Belastungen der vergangenen Jahre waren. Für 2025 hatte ZF einen Nettoverlust von rund 2,1 Milliarden Euro ausgewiesen. Ausschlaggebend war insbesondere eine einmalige Belastung von rund 1,6 Milliarden Euro im Zusammenhang mit der Neuordnung des Geschäfts mit elektrifizierten Antrieben.
ZF hatte sich mit Kunden darauf verständigt, mehrere Projekte vorzeitig zu beenden. Nach Angaben des Unternehmens hätten diese wegen des langsameren Hochlaufs der Elektromobilität nicht die ursprünglich erwartete Profitabilität erreicht. Der Schritt belastete die Bilanz kurzfristig erheblich, sollte den Konzern aber von langfristig unrentablen Verpflichtungen befreien.
Damit wird ein grundlegender Strategiewechsel sichtbar. Wachstum und Umsatzgröße stehen nicht mehr allein im Vordergrund. Miedreich hatte bei der Vorlage der Jahreszahlen im März erklärt, Profitabilität und Leistungsfähigkeit hätten Vorrang vor Umsatz und Größe. Gleichzeitig nannte ZF den Abbau der Finanzverbindlichkeiten als eine der höchsten Prioritäten des Konzerns.
Zur Neuordnung gehört auch die Prüfung, welche Aktivitäten langfristig zum Kern von ZF gehören sollen. Ein bereits beschlossener Schritt ist der Verkauf des Pkw-Geschäfts mit Fahrerassistenzsystemen an den US-Konzern Harman. Für die Transaktion wurde ein Unternehmenswert von 1,5 Milliarden Euro vereinbart. Der Abschluss wird vorbehaltlich der notwendigen Genehmigungen für das zweite Halbjahr 2026 erwartet. Die Erlöse sollen zum Schuldenabbau beitragen.
ZF will sich nach eigenen Angaben stärker auf Kerntechnologien in den Bereichen Fahrwerk, Antriebstechnik, Nutzfahrzeuge und industrielle Anwendungen konzentrieren. Daneben wurde die Windkraftsparte organisatorisch verselbstständigt, womit sich für dieses Geschäft zusätzliche strategische Möglichkeiten eröffnen sollen.
Parallel schrumpft die Belegschaft. Ende Juni 2026 beschäftigte ZF weltweit 149.675 Menschen. Ende 2025 waren es noch 153.153. In Deutschland sank die Beschäftigtenzahl innerhalb dieser sechs Monate von 49.210 auf 47.068. Bereits 2024 hatte der Konzern angekündigt, in Deutschland bis zu 14.000 Stellen abzubauen.
Besonders weitreichend ist der Umbau in der Antriebssparte. ZF hatte sich 2025 mit Arbeitnehmervertretern auf eine Restrukturierung verständigt. Bis 2030 sollen dort rund 7.600 Stellen entfallen. Vereinbart wurden unter anderem kürzere Arbeitszeiten, Altersteilzeit und Abfindungsprogramme. Gleichzeitig entschied sich ZF dafür, die Sparte für elektrifizierte Antriebstechnologien im Konzern zu behalten.
Vor diesem Hintergrund erhält das nun bekannt gewordene Projekt „North Star“ Bedeutung. Nach der Darstellung des manager magazins arbeitet Miedreich an der nächsten strategischen Entwicklungsstufe für den Konzern. Öffentlich bestätigt sind bislang jedoch weder ein vollständiger Maßnahmenkatalog noch konkrete langfristige Zielgrößen des Projekts. Einzelheiten aus internen Unterlagen lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres als beschlossene Konzernstrategie behandeln.
Die bereits öffentlich sichtbare Richtung passt allerdings zu den Maßnahmen der vergangenen Monate. ZF reduziert seine Schulden, beendet verlustreiche Projekte, verkauft ausgewählte Aktivitäten, senkt Kosten und konzentriert Investitionen stärker auf ausgewählte Technologien. Die Aufwendungen für Forschung und Entwicklung gingen im ersten Halbjahr 2026 um rund sieben Prozent auf 1,6 Milliarden Euro zurück. Die Investitionen in Sachanlagen sanken um rund 19 Prozent auf 600 Millionen Euro.
Für das Gesamtjahr hält ZF bislang an seiner Prognose fest. Der Konzern erwartet mehr als 38 Milliarden Euro Umsatz und eine bereinigte EBIT-Marge zwischen 4,0 und 5,0 Prozent. Beim bereinigten Free Cashflow sollen mehr als eine Milliarde Euro erreicht werden. Gleichzeitig verweist das Unternehmen auf geopolitische Risiken und ein weiterhin schwieriges Marktumfeld für die Automobilindustrie.
Damit hat die Sanierung erste messbare Fortschritte gebracht, ist aber noch nicht abgeschlossen. Die operative Marge hat sich verbessert und die Nettoverschuldung ist unter die Marke von zehn Milliarden Euro gesunken. Gleichzeitig muss ZF einen tiefgreifenden Strukturwandel bewältigen, zahlreiche Stellen abbauen und genügend Mittel für Zukunftstechnologien bereitstellen. „ZF North Star“ dürfte dabei zur Bezeichnung für die nächste Phase der Neuaufstellung werden. Welche konkreten Entscheidungen damit verbunden sein werden, war am 19. August 2026 noch nicht vollständig öffentlich bestätigt.
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