Weniger Zucker in früher Kindheit mit späterer Angst verbunden

Ein Schild zeigt Warnung
Symbolbild mit KI erstellt

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Wie stark die Ernährung während Schwangerschaft und früher Kindheit die Gesundheit Jahrzehnte später beeinflusst, wird seit Jahren untersucht. Eine neue britische Studie liefert nun Hinweise darauf, dass auch die Zuckerexposition in den ersten 1.000 Tagen nach der Empfängnis mit der psychischen Gesundheit im Erwachsenenalter zusammenhängen könnte. Besonders deutlich zeigte sich eine Verbindung zu Angststörungen. Für Depressionen fiel das Ergebnis weniger eindeutig aus.

Die Untersuchung von Hana F. Navratilova, Anthony D. Whetton und Nophar Geifman wurde am 19. August 2026 im Fachjournal „Translational Psychiatry“ veröffentlicht. Die Forschenden waren unter anderem an der University of Surrey in Großbritannien tätig, Navratilova ist zudem der IPB University in Indonesien zugeordnet. Grundlage waren Daten von 46.448 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der UK Biobank.

Britische Zuckerrationierung wird zum natürlichen Experiment

Für die Untersuchung griff das Team auf eine historische Besonderheit zurück. In Großbritannien war Zucker nach dem Zweiten Weltkrieg rationiert. Diese Begrenzung endete im September 1953. Dadurch entstanden innerhalb weniger Jahre Geburtsjahrgänge, die während Schwangerschaft und früher Kindheit unterschiedlich lange unter den Bedingungen der Zuckerrationierung lebten.

Die Forschenden betrachteten Menschen, die zwischen dem 1. Oktober 1951 und dem 31. März 1956 geboren wurden. Je nach Geburtsdatum wurden sie Gruppen mit unterschiedlich langer Exposition gegenüber der Zuckerrationierung zugeordnet. Eine Gruppe von 6.856 Personen hatte die gesamte untersuchte Phase von rund 1.000 Tagen unter Rationierungsbedingungen erlebt. Andere Gruppen waren kürzer oder gar nicht davon betroffen.

Mit den ersten 1.000 Tagen ist die Zeit von der Empfängnis über die Schwangerschaft bis ungefähr zum zweiten Geburtstag des Kindes gemeint. Diese Phase gilt in der Ernährungs- und Entwicklungsforschung als besonders sensibler Zeitraum.

Allerdings wurde nicht erhoben, wie viel Zucker jede einzelne Mutter oder jedes einzelne Kind damals tatsächlich konsumierte. Die Dauer der Rationierung diente als Näherungswert für die Zuckerexposition. Damit untersucht die Studie vor allem unterschiedliche Ernährungsumgebungen und nicht exakt dokumentierte individuelle Zuckermengen.

Niedrigeres Risiko für diagnostizierte Angststörungen

Die deutlichsten Ergebnisse fanden die Forschenden bei Angststörungen. Menschen, die während der gesamten ersten 1.000 Tage unter den Bedingungen der Rationierung gelebt hatten, wiesen gegenüber einer nicht rationierten Vergleichsgruppe eine Hazard Ratio von 0,67 auf. Das entspricht in diesem statistischen Modell einer rund 33 Prozent niedrigeren Ereignisrate für diagnostizierte Angststörungen.

Die Diagnosen stammten nicht lediglich aus Selbstauskünften. Verwendet wurden mit der UK Biobank verknüpfte Daten aus der medizinischen Versorgung, darunter ICD-10-Diagnosen aus Hausarzt-, Krankenhaus- und weiteren Gesundheitsdaten.

Der Zusammenhang mit Angst blieb nach Angaben der Autoren auch in mehreren Sensitivitätsanalysen bestehen. Dazu gehörte eine statistische Berücksichtigung des Zuckerkonsums im späteren Erwachsenenleben. Eine zusätzliche Modellierung ergab ebenfalls eine direkte statistische Verbindung zwischen der Dauer der Rationierung und Angststörungen.

Die Studie beweist damit jedoch nicht, dass weniger Zucker in den ersten Lebensjahren eine spätere Angststörung verhindert. Anders als in einer randomisierten kontrollierten Studie wurden Menschen nicht gezielt verschiedenen Ernährungsweisen zugeteilt.

Ergebnis zu Depressionen deutlich unsicherer

Zunächst zeigte sich auch bei Depressionen ein Unterschied. Für Menschen mit vollständiger Rationierung während der ersten 1.000 Tage lag die Hazard Ratio gegenüber der Vergleichsgruppe bei 0,71.

Dieses Ergebnis erwies sich jedoch als weniger stabil. Nachdem unter anderem der Zuckerkonsum im späteren Leben statistisch berücksichtigt worden war, schwächte sich die Verbindung ab und war nicht mehr statistisch signifikant. Auch die weitergehende Strukturgleichungsanalyse zeigte keinen entsprechenden direkten Zusammenhang für Depressionen.

Für die psychische Gesundheit ergibt sich deshalb kein einheitliches Bild. Am belastbarsten innerhalb dieser Untersuchung ist die Verbindung zwischen längerer Zuckerrestriktion in der frühen Lebensphase und einem niedrigeren späteren Risiko für diagnostizierte Angststörungen.

Unterschiede auch bei Vorliebe für Süßes

Die Forschenden untersuchten zusätzlich, ob sich die historische Ernährungsumgebung mit späteren Ernährungsgewohnheiten verbinden ließ. Ein Teil der UK-Biobank-Teilnehmer hatte Fragebögen zu Lebensmittelpräferenzen und zum tatsächlichen Zuckerkonsum ausgefüllt.

Die Gruppe mit Rationierung während der gesamten ersten 1.000 Tage erreichte bei der Vorliebe für süße Lebensmittel im Mittel einen Wert von 5,82. In einer später geborenen nicht rationierten Vergleichsgruppe waren es 6,04. Der Unterschied war statistisch signifikant.

Damit gibt es Hinweise darauf, dass sehr frühe Ernährungsbedingungen möglicherweise noch Jahrzehnte später mit Geschmacksvorlieben verbunden sind. Auch hier handelt es sich jedoch um eine statistische Beziehung und nicht um den Nachweis, dass die frühe Zuckerzufuhr allein die späteren Vorlieben verursacht hat.

Unterschiede in mehreren Hirnregionen festgestellt

Ein weiterer Teil der Untersuchung bezog MRT-Daten der UK Biobank ein. Bei der Analyse des Volumens grauer Hirnsubstanz unterschieden sich zunächst 80 von 139 untersuchten Regionen statistisch zwischen den verschiedenen Rationierungsgruppen. In weiterführenden Vergleichen blieben bei elf dieser Regionen Unterschiede zwischen mehreren Rationierungsgruppen und der nicht rationierten Gruppe bestehen. Dazu gehörten unter anderem Bereiche des Kleinhirns sowie der Hirnstamm und Teile des okzipitalen fusiformen Gyrus.

Aus diesen Befunden lässt sich nicht ableiten, dass Zucker bestimmte Hirnregionen geschädigt oder verändert hat. Die MRT-Aufnahmen wurden viele Jahrzehnte nach der frühen Kindheit erstellt. Die Studie zeigt deshalb Unterschiede zwischen Gruppen, kann aber den zugrunde liegenden Entwicklungsmechanismus nicht direkt nachweisen.

Historische Daten erlauben keine einfache Übertragung

Das Studiendesign hat einen besonderen Vorteil: Das Ende der Rationierung erzeugte einen relativ klaren zeitlichen Einschnitt, ohne dass Forschende die Ernährung von Kindern experimentell verändern mussten. Gleichzeitig bleiben erhebliche Einschränkungen.

Die Zuckerexposition wurde anhand des Geburtsdatums und der staatlichen Rationierung bestimmt. Wie viel Zucker einzelne Familien tatsächlich konsumierten, ist nicht bekannt. Auch soziale Lebensbedingungen, Ernährung, Gesundheitsversorgung und andere Faktoren können sich langfristig auf die psychische Gesundheit auswirken.

Hinzu kommt, dass die UK Biobank nicht vollständig die britische Gesamtbevölkerung repräsentiert. Die Teilnehmer gelten im Durchschnitt als gesünder und sozioökonomisch günstiger gestellt als die Gesamtbevölkerung. Ergebnisse aus historischen britischen Geburtsjahrgängen lassen sich zudem nicht ohne Weiteres auf heutige Kinder in anderen Ländern übertragen. Dieses Problem betrifft auch andere Untersuchungen, die die britische Nachkriegsrationierung als natürliches Experiment nutzen.

Mehrere weitere 2026 veröffentlichte Arbeiten haben ebenfalls die britische Zuckerrationierung und langfristige Gesundheitsfolgen untersucht. Eine Studie in „Molecular Psychiatry“ fand bei 64.381 UK-Biobank-Teilnehmern ebenfalls niedrigere Raten von Angst und Depression bei längerer früher Rationierung. Eine weitere Untersuchung mit 66.223 UK-Biobank-Teilnehmern berichtete vergleichbare Zusammenhänge. Diese Ergebnisse sind allerdings nicht als vollständig unabhängige Bestätigung zu verstehen, da die Arbeiten teilweise auf derselben großen britischen Biobank und demselben historischen Ereignis beruhen.

WHO empfiehlt Begrenzung freier Zucker

Unabhängig von möglichen Langzeitfolgen für die psychische Gesundheit empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation bereits seit Jahren, den Konsum freier Zucker bei Erwachsenen und Kindern zu begrenzen. Weniger als zehn Prozent der täglichen Energiezufuhr sollen aus freien Zuckern stammen. Eine Reduzierung auf weniger als fünf Prozent kann nach Einschätzung der WHO zusätzliche gesundheitliche Vorteile bringen. Die Empfehlung beruht insbesondere auf Erkenntnissen zu Übergewicht und Karies.

Als freie Zucker gelten unter anderem zugesetzter Haushaltszucker sowie Zucker in Honig, Sirupen und Fruchtsäften. Natürlich in unverarbeitetem Obst, Gemüse oder Milch vorhandener Zucker fällt nicht unter diese Definition.

Die neue Untersuchung erweitert damit eine inzwischen größere Forschungsrichtung: Die Ernährungsbedingungen während Schwangerschaft und früher Kindheit könnten mit gesundheitlichen Entwicklungen verbunden sein, die erst Jahrzehnte später sichtbar werden. Für Angststörungen liefert die Studie einen auffälligen Zusammenhang. Ob eine gezielte Verringerung des Zuckerkonsums in den ersten 1.000 Tagen das spätere Erkrankungsrisiko tatsächlich senkt und welche biologischen Mechanismen dabei eine Rolle spielen, ist damit noch nicht abschließend geklärt.

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