
Der Ölpreis hat am Donnerstag trotz der angespannten Lage im Nahen Osten nachgegeben. Die Nordseesorte Brent notierte laut finanzen.net um 14:29 Uhr bei 93,62 US-Dollar je Barrel und damit 1,45 Prozent im Minus. Damit zeigte sich der Markt schwächer, obwohl die US-Iran-Krise erneut im Mittelpunkt stand und die Sorge um die Straße von Hormus anhielt. Der Rückgang bedeutet keine Entwarnung. Er zeigt vielmehr, dass Händler nach dem starken Anstieg der vergangenen Tage Gewinne mitnahmen und den unmittelbaren Einfluss auf die physische Versorgung neu bewerteten.
Am Ölmarkt trafen am Donnerstag zwei gegensätzliche Kräfte aufeinander. Einerseits sorgten neue Spannungen zwischen den USA und Iran für geopolitische Risikoaufschläge. Andererseits prüften Händler genauer, ob aus der Eskalation tatsächlich zusätzliche Lieferausfälle entstehen. Reuters berichtete, dass Ölpreise zunächst gestiegen waren, später aber nachgaben, weil Marktteilnehmer die reale Versorgungslage neu einschätzten. Für Brent bedeutete das: Die Krisenprämie blieb im Preis enthalten, reichte aber am frühen Nachmittag nicht mehr für weitere Gewinne. Nach dem starken Lauf der vergangenen Tage wurden Positionen reduziert. Solche Gewinnmitnahmen sind bei Rohstoffen nach schnellen Preissprüngen typisch.
Die Straße von Hormus bleibt der wichtigste Unsicherheitsfaktor für den Ölmarkt. Durch die Meerenge am Persischen Golf läuft ein erheblicher Teil des weltweit per Schiff transportierten Rohöls. Jede Störung kann deshalb sofort auf Brent, WTI und die Preise für Ölprodukte durchschlagen. Am Donnerstag standen vor allem Tanker-Risiken im Fokus. Nach Reuters-Angaben erklärte Iran die Meerenge für geschlossen und drohte Schiffen, die Passage versuchen. Zugleich gab es Hinweise, dass kommerzielle Schiffe weiter durch die Region fuhren. Genau diese gemischte Lage erklärt die Preisbewegung: Das Risiko bleibt hoch, aber der Markt sah am Donnerstag noch keine eindeutig bestätigte vollständige Unterbrechung aller Lieferströme.
Neben der Geopolitik rückte auch die Angebots- und Nachfrageseite in den Blick. Reuters verwies auf schwächere chinesische Kraftstoffnachfrage, geringere Rohölimporte und eine nachlassende Nutzung von Benzin und Diesel. Das dämpfte die Sorge vor einem weiter ungebremsten Preisanstieg. Zugleich meldete die US-Energiebehörde einen deutlichen Rückgang der Rohöllagerbestände. Die OPEC senkte am Donnerstag ihre Prognose für das weltweite Ölnachfragewachstum 2026 auf 970.000 Barrel pro Tag. Das war bereits die zweite Abwärtsrevision in Folge. Eine unmittelbare neue OPEC+-Förderentscheidung wurde damit nicht gemeldet. Für Händler ergibt sich ein kompliziertes Bild: Das Angebot bleibt durch die Krise anfällig, die Nachfrageindikatoren sprechen aber nicht für eine grenzenlose Preisrally.
An den Aktienmärkten profitierten Energiewerte zeitweise vom hohen Ölpreisniveau. Shell, BP und TotalEnergies sind allerdings keine DAX-Mitglieder, sondern europäische Öl- und Gaswerte, die im Umfeld hoher Brent-Preise regelmäßig stärker beachtet werden. Reuters meldete für Europa, dass Energie- und Rohstoffwerte am Vormittag zu den stärkeren Sektoren gehörten. Für Deutschland ist die Entwicklung vor allem wegen Inflation und Kraftstoffpreisen relevant. Der ADAC weist darauf hin, dass Benzin- und Dieselpreise nicht nur vom Rohölpreis, sondern auch vom Dollar, Steuern, Abgaben, Raffineriekosten und Wettbewerb an den Tankstellen abhängen. Der NDR nannte für den 11. Juni bundesweite Durchschnittspreise von 1,93 Euro je Liter Super und 1,85 Euro je Liter Diesel am Vortag. Damit bleiben die Spritpreise trotz zwischenzeitlicher Entlastung über dem Niveau vor dem Iran-Krieg.
Für Verbraucher und Unternehmen ist deshalb weniger der einzelne Tageskurs entscheidend als die Dauer der Krise. Sollte Brent dauerhaft hoch bleiben, könnten Transportkosten, Heizölpreise und Teile der Produktionskosten weiter belastet werden. Fällt die Risikoprämie dagegen, könnte sich der Druck an den Zapfsäulen zeitverzögert abschwächen. Der Rückgang vom Donnerstag ist daher keine klare Trendwende, sondern eine Neujustierung in einem nervösen Markt.
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