
Münster. Verschmutzte Pommes-Schalen, weggeworfene To-Go-Becher und volle Mülleimer gehören an vielen Stellen in Münster zum sichtbaren Alltag. Die Rathaus-Koalition aus Grünen, SPD und Volt will den Verpackungsmüll im öffentlichen Raum nun mit einem neuen Ratsantrag eindämmen. Der Vorschlag setzt zunächst auf mehr Mehrweg, eine Kampagne und eine einjährige Pilotphase. Eine Verpackungssteuer bleibt als spätere Option im Raum.
Die Initiative geht aus einem Antrag der Koalition hervor und wurde von der Grünen Ratsfraktion öffentlich vorgestellt. Damit ist der politische Vorstoß klar einzuordnen: Es handelt sich nicht um eine bereits beschlossene Maßnahme, sondern um einen Antrag, über den der Rat beraten soll. Auch die erwarteten Effekte, etwa weniger Müll oder geringere Reinigungskosten, sind bislang politische Zielsetzungen und noch keine belegten Ergebnisse.
Der Antrag trägt den Titel „Mehrweg für Münster – Reduktion des Verpackungsmülls für Einweg-Außer-Haus-Verpackungen“ und datiert auf den 5. Juni 2026. Darin soll sich der Rat grundsätzlich zum Ziel bekennen, Einwegverpackungen zu reduzieren, Ressourcen zu schonen und die Stadtsauberkeit zu verbessern.
Im Mittelpunkt steht ein möglichst einheitliches Mehrwegsystem für Speisen und Getränke außer Haus. Die Stadtverwaltung soll den Prozess koordinieren und dabei bestehende Strukturen nutzen. Eingebunden werden sollen unter anderem Gastronomie, Handwerk, Dehoga, IHK, Kreishandwerkerschaft, Handwerkskammer, AWM, Grünflächenamt und die Stabsstelle Klima.
Die Grünen Ratsfraktion stellt den Antrag als Ergebnis von Gesprächen mit Gastronomie und Handwerk dar. Leandra Praetzel, umweltpolitische Sprecherin der Grünen, spricht sich für ein möglichst einheitliches Mehrwegsystem aus. Sie verweist darauf, dass andere Städte und Länder bereits zeigten, dass To-Go-Angebote auch mit weniger Verpackungsmüll funktionieren könnten.
Auch Grünen-Fraktionssprecher Albert Wenzel betont nach Angaben der Fraktion ein breites Bündnis aus Gastronomie, Handwerk und Koalition. Ob dieses Bündnis im weiteren politischen Verfahren tatsächlich trägt und wie groß die Bereitschaft der Betriebe zur Umsetzung ist, wird sich allerdings erst in der Praxis zeigen.
Nach dem Antrag sollen die Vorbereitungen im dritten Quartal 2026 starten. Anfang 2027 ist eine einjährige Pilotphase vorgesehen. Spätestens im Frühjahr 2028 soll sie abgeschlossen sein. In dieser Zeit soll geprüft werden, ob mehr Menschen Mehrwegangebote nutzen und ob die Menge an Verpackungsmüll tatsächlich sinkt.
Die Wirkung soll extern bewertet werden. Dafür soll die Stadtverwaltung Kontakt zu Hochschulen aufnehmen. Bewertet werden sollen unter anderem der Mehrweganteil, die Reduktion von Verpackungsmüll und die praktische Umsetzung. Damit bleibt offen, ob die Initiative am Ende als Erfolg gilt oder ob weitere politische Schritte folgen.
Münster hat bereits Vorarbeiten beim Thema Mehrweg geleistet. Mit „Münster für Mehrweg“ und dem Projekt „Glas? Klar!“ wurden Strukturen für ein Glas-Mehrwegsystem im Außer-Haus-Verkauf entwickelt. Beteiligt waren unter anderem die Stadt Münster, Münsterland e.V., Dehoga Westfalen, das Studierendenwerk Münster, Relevo und Arcoroc.
Der neue Antrag knüpft an diese Ansätze an. Entscheidend dürfte sein, ob aus bestehenden Projekten ein System entsteht, das im Alltag einfach genug ist. Für Betriebe müssen Kosten, Lagerung, Reinigung und Rückgabe praktikabel sein. Für Kundinnen und Kunden muss das System verständlich und bequem funktionieren. Sonst bleibt Mehrweg trotz politischer Unterstützung möglicherweise eine Randlösung.
Der Vorstoß kommt nicht aus dem Nichts. Seit dem 1. Januar 2023 gilt bundesweit eine Mehrwegangebotspflicht für viele To-Go-Angebote. Wer Speisen oder Getränke zum Mitnehmen in Einwegkunststoffverpackungen oder Einwegbechern verkauft, muss grundsätzlich auch eine Mehrwegalternative anbieten. Diese darf nicht teurer sein und nicht schlechter gestellt werden.
Für kleine Betriebe gelten Ausnahmen. Anbieter mit höchstens 80 Quadratmetern Verkaufsfläche und höchstens fünf Mitarbeitenden müssen keine eigenen Mehrwegverpackungen vorhalten. Sie können stattdessen mitgebrachte Behälter befüllen. Verstöße können mit Bußgeldern geahndet werden. Die praktische Wirkung der Regel hängt jedoch stark davon ab, wie sichtbar Angebote sind und wie konsequent sie genutzt werden.
Falls die Pilotphase keine deutlichen Verbesserungen bringt, behält sich der Rat nach dem Antrag vor, im zweiten Halbjahr 2028 eine Verpackungssteuer einzuführen. Damit würde Münster einem Modell folgen, das in anderen Städten bereits umgesetzt wurde.
Tübingen erhebt seit dem 1. Januar 2022 eine Steuer auf bestimmte Einwegverpackungen, Einweggeschirr und Einwegbesteck für Speisen und Getränke zum sofortigen Verzehr oder Mitnehmen. Konstanz führte zum 1. Januar 2025 ebenfalls eine Verpackungssteuer ein. Die Stadt berichtete danach von einem Rückgang des öffentlichen Mülls nach Gewicht. Ob solche Erfahrungen auf Münster übertragbar sind, müsste jedoch gesondert geprüft werden.
Die mögliche Verpackungssteuer ist in Münster bereits länger Thema. Ein lokales Bündnis um Greenpeace Münster, BUND Münster, Zero Waste Münster, Münster isst veggie und den Ernährungsrat kritisierte im Januar 2026, dass die Koalition erst nach einem Pilotprojekt frühestens 2028 über eine Steuer entscheiden wolle.
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