
Im deutschen Einzelhandel wächst vor den nächsten Tarifverhandlungen der Druck. Die Gewerkschaft ver.di stellt eine Ausweitung der Arbeitskämpfe in Aussicht, falls sich die Arbeitgeber bei den kommenden Gesprächen nicht bewegen. Dabei könnten auch mehrtägige Streiks eine Rolle spielen. Als große Unternehmen, auf die sich der Konflikt konzentrieren könnte, wurden unter anderem Rewe und Edeka genannt.
Die Tarifrunde im deutschen Einzelhandel 2026 läuft in regionalen Tarifgebieten mit unterschiedlichen Forderungen und Terminen. Besondere Bedeutung haben derzeit die fünften Verhandlungsrunden in Hessen am 24. August und in Nordrhein-Westfalen am 26. August. Eine Einigung in einem großen Tarifgebiet könnte auch für andere Regionen Signalwirkung entfalten.
Die Forderungen unterscheiden sich je nach Tarifgebiet. In Nordrhein-Westfalen verlangt ver.di eine tabellenwirksame Erhöhung der Löhne und Gehälter um sieben Prozent, mindestens jedoch 225 Euro monatlich. Hinzu kommen 150 Euro mehr Ausbildungsvergütung und eine Laufzeit des neuen Tarifvertrags von zwölf Monaten.
Eine weitere zentrale Forderung betrifft die unteren Entgeltgruppen. Ver.di verlangt in NRW ein tarifliches Mindeststundenentgelt von 14,90 Euro. Die Gewerkschaft argumentiert, dass sich eine abgeschlossene Berufsausbildung auch bei steigender gesetzlicher Lohnuntergrenze weiterhin deutlich in der Bezahlung niederschlagen müsse.
Für Hessen gelten andere Zahlen. Dort fordert ver.di für die rund 240.000 Beschäftigten des Einzelhandels 250 Euro mehr pro Monat in jeder Entgeltgruppe. Die Ausbildungsvergütungen sollen um 150 Euro monatlich je Ausbildungsjahr steigen. Auch hier verlangt die Gewerkschaft eine Laufzeit von zwölf Monaten.
Die Arbeitgeberseite hält die Gewerkschaftsforderungen für wirtschaftlich zu hoch. Der Handelsverband Deutschland verweist auf schwache Konsumstimmung, steigende Kosten und eine angespannte wirtschaftliche Situation vieler Handelsunternehmen. Ein Tarifabschluss müsse nach Auffassung des Verbandes so gestaltet sein, dass Unternehmen nicht überfordert und Arbeitsplätze nicht gefährdet werden.
In Hessen lag zuletzt ein verbessertes Angebot von 2,4 Prozent mehr Entgelt im ersten Jahr nach sechs Monaten ohne Tariferhöhung sowie weiteren zwei Prozent im zweiten Jahr nach drei weiteren Monaten ohne Erhöhung vor. Ver.di lehnte dieses Angebot ab.
Auch in Nordrhein-Westfalen hatten die Arbeitgeber ihr ursprüngliches Angebot im Verlauf der Verhandlungen nachgebessert. Zum Start hatten sie insgesamt 3,5 Prozent über 24 Monate angeboten. Die Gewerkschaft hält die bislang angebotenen Steigerungen weiterhin für unzureichend.
Der HDE weist zugleich die Darstellung zurück, tarifliche Einstiegsgehälter würden generell vom gesetzlichen Mindestlohn eingeholt. Nach Berechnungen des Verbandes liegen die tariflichen Gesamtvergütungen unter Einbeziehung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld weiterhin oberhalb der gesetzlichen Untergrenze.
Vor den kommenden Verhandlungen verschärft ver.di den Ton. Bundesvorständin Silke Zimmer kündigte an, die Streikmaßnahmen zu intensivieren, sollten sich die Arbeitgeber nicht bewegen. Dabei seien auch mehrtägige Arbeitsniederlegungen denkbar. Gezielt könnten Unternehmen bestreikt werden, denen die Gewerkschaft eine Blockade der Verhandlungen vorwirft.
Rewe und Edeka gehören zu den großen Handelsunternehmen, deren Filialen oder Logistikstandorte bereits während der laufenden Tarifrunde von Warnstreiks betroffen waren. Auch Beschäftigte bei Kaufland, Penny, Ikea, H&M, Zara, Primark und weiteren Unternehmen beteiligten sich in verschiedenen Tarifgebieten an Arbeitsniederlegungen.
Eine konkrete bundesweite Streikplanung für sämtliche Rewe- oder Edeka-Märkte war zunächst nicht angekündigt. Auch ist damit nicht automatisch eine flächendeckende Schließung von Supermärkten verbunden.
Für Kundinnen und Kunden sind bei Warnstreiks vor allem punktuelle Einschränkungen möglich. Bei früheren Arbeitsniederlegungen während der Tarifrunde kam es teilweise zu weniger besetzten Kassen, eingeschränkten Frischetheken oder Verzögerungen bei einzelnen Dienstleistungen. Werden Logistikzentren bestreikt, können Warenlieferungen ebenfalls betroffen sein.
Flächendeckende Geschäftsschließungen waren bei den bisherigen Warnstreiks jedoch nicht die Regel. Handelsunternehmen versuchten vielfach, Filialen mit nicht streikenden Beschäftigten geöffnet zu halten. Wie stark mögliche neue Arbeitskämpfe den Einkauf tatsächlich beeinträchtigen, hängt deshalb davon ab, welche Standorte ver.di aufruft, wie lange gestreikt wird und wie viele Beschäftigte sich beteiligen.
Besondere Auswirkungen wären möglich, wenn Logistikstandorte über mehrere Tage betroffen wären. In diesem Fall könnten einzelne Waren in Märkten zeitweise knapper werden. Eine allgemeine Beeinträchtigung der Lebensmittelversorgung ist bislang jedoch nicht angekündigt.
Nach mehreren ergebnislosen Gesprächsrunden und zwischenzeitlichen Absagen von Verhandlungsterminen rücken nun zwei wichtige Termine näher. In Hessen soll am 24. August zum fünften Mal verhandelt werden. Zwei Tage später folgt am 26. August die fünfte Runde für Nordrhein-Westfalen.
Gerade Nordrhein-Westfalen zählt zu den größten Tarifgebieten der Branche. Dort fordert ver.di neben sieben Prozent mehr Geld und mindestens 225 Euro auch den Stundenlohn von mindestens 14,90 Euro. Die Arbeitgeberseite setzt dagegen auf längere Laufzeiten und niedrigere prozentuale Steigerungen.
Der Handelsverband Deutschland erklärte Anfang August, die Arbeitgeber strebten weiterhin einen zügigen Tarifabschluss an. Ab September sollen nach Angaben des Verbandes Angebote mit einer Laufzeit von 36 Monaten vorgelegt werden. Damit bleibt auch die Laufzeit ein wesentlicher Streitpunkt zwischen den Tarifparteien.
Parallel zum Tarifkonflikt im Handel laufen Arbeitskämpfe in anderen Branchen. Beim Norddeutschen Rundfunk hat ver.di die rund 5.300 festen und freien Beschäftigten für Mittwoch, 19. August, zum Warnstreik aufgerufen. Der Ausstand begann um 0 Uhr und soll bis Donnerstag um 1.30 Uhr dauern.
Ver.di fordert für die NDR-Beschäftigten sieben Prozent mehr Gehalt und Honorar, mindestens jedoch 300 Euro monatlich. Die geforderte Laufzeit beträgt zwölf Monate. Für Auszubildende verlangt die Gewerkschaft ebenfalls höhere Vergütungen. Die siebte Verhandlungsrunde ist für Freitag in Hamburg vorgesehen.
Durch den Warnstreik können sich Änderungen im Radio- und Fernsehprogramm ergeben. Welche Sendungen konkret betroffen sind, hängt von der Beteiligung der Beschäftigten und den Ersatzplanungen des NDR ab.
Unmittelbar zuvor hatte ver.di außerdem Beschäftigte in sechs deutschen Seehäfen zum Warnstreik aufgerufen. Betroffen waren Betriebe in Hamburg, Bremerhaven, Bremen, Emden, Brake und Wilhelmshaven. Insgesamt umfasst der Tarifbereich rund 11.000 Beschäftigte.
Die Gewerkschaft fordert eine Erhöhung der Stundenlöhne um 8,2 Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Das zuletzt vorgelegte Angebot der Arbeitgeber sah 5,1 Prozent mehr Lohn vor. Zusätzlich wurden 300 Euro mehr Urlaubsgeld sowie weitere Zuschläge angeboten. Die vorgesehene Laufzeit betrug 19 Monate.
Die Beschäftigten lehnten dieses Angebot nach Angaben von ver.di ab. Der Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe kritisierte die Entscheidung und verwies auf die wirtschaftliche Lage der Unternehmen.
Damit fallen im August mehrere größere Tarifkonflikte zeitlich zusammen. Inhaltlich handelt es sich jedoch um voneinander getrennte Tarifrunden mit eigenen Forderungen, Arbeitgebern und Verhandlungsterminen. Für Verbraucher unmittelbar relevant ist vor allem der Einzelhandel, wenn Warnstreiks in Supermärkten, Warenhäusern oder deren Logistik ausgeweitet werden.
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