
Auf dem Gelände des stillgelegten Steinkohlekraftwerks in Voerde am Niederrhein ist am Freitag ein weiterer großer Teil der früheren Anlage verschwunden. Um Punkt 12 Uhr wurden das rund 90 Meter hohe Kesselhaus von Block B und zwei benachbarte Entstickungsanlagen kontrolliert gesprengt. Wenige Minuten später war klar, dass die Sprengung Kraftwerk Voerde aus Sicht der Verantwortlichen erfolgreich verlaufen war. Auch die Polizei meldete zunächst keine besonderen Zwischenfälle.
Die drei Bauwerke bedeckten zusammen ungefähr die Fläche eines Fußballfeldes. Für die Sprengung war die Thüringer Sprenggesellschaft zuständig. Sie hatte auf dem Gelände bereits den früheren Kühlturm und einen Schornstein zu Boden gebracht. Der eigentliche Rückbau wird im Auftrag des Grundstückseigentümers RWE von PORR Becker Abbruchtechnik durchgeführt.
Die Vorbereitungen hatten bereits Stunden vor der Zündung begonnen. Von 10 Uhr an galt rund um den betroffenen Anlagenkomplex ein Sicherheitsradius von 350 Metern. Innerhalb dieser Zone durfte sich während der Arbeiten niemand aufhalten. Polizei und private Sicherheitskräfte kontrollierten die Zufahrten und Absperrungen.
Nach den vorher festgelegten Sicherheitsmaßnahmen mussten außerdem Gebäude im unmittelbaren Umfeld geräumt werden. Dies betraf unter anderem Ahrstraße 1 und Frankfurter Straße 410. Auch die Frankfurter Straße wurde zwischen Steinstraße und Friedrichstraße vollständig für den Verkehr gesperrt. Die Sperrmaßnahmen waren ursprünglich für den Zeitraum von 10 bis voraussichtlich 14 Uhr vorgesehen.
Kurz vor der Sprengung wurde auch die Schifffahrt auf dem Rhein unterbrochen. Das Kraftwerksgelände liegt unmittelbar am Fluss, dessen gesamte Breite in diesem Bereich von der Sicherheitszone betroffen war. Wenige Minuten vor 12 Uhr waren dort keine Schiffe mehr unterwegs. Bereits gegen 12.20 Uhr passierten wieder erste Frachter den Abschnitt.
Die eigentliche Zündung erfolgte exakt zum angekündigten Zeitpunkt. Zunächst brach das Kesselhaus zusammen, nahezu zeitgleich folgten die beiden benachbarten Anlagen zur Entstickung der früheren Kraftwerksabgase. Eine große Staubwolke breitete sich anschließend über dem Gelände aus. Wassertechnik war eingesetzt worden, um die Staubentwicklung beim Einsturz zu begrenzen.
RWE bewertete die Sprengung unmittelbar danach als gelungen. Auch von der Polizei gab es eine entsprechende Einschätzung. Verletzte oder andere schwerwiegende Zwischenfälle wurden zunächst nicht gemeldet. Nach dem Einsturz mussten die betroffenen Bereiche allerdings zunächst kontrolliert werden.
Auf einer Straße im Umfeld waren nach Angaben der örtlichen Ordnungsbehörde Teile aus dem Kraftwerksbereich gelandet. Die Fahrbahn musste deshalb gereinigt werden. Gegen 13 Uhr bestanden die Straßensperren noch. Eine Freigabe wurde zu diesem Zeitpunkt für etwa 13.30 Uhr erwartet und lag damit weiterhin innerhalb des ursprünglich vorgesehenen Sperrzeitraums.
Die Aktion vom Freitag war die dritte große Sprengung auf dem früheren Kraftwerksgelände. Im Dezember 2023 war zunächst der etwa 165 Meter hohe Kühlturm kontrolliert zusammengebrochen. Am 19. Dezember 2025 folgte der rund 180 Meter hohe Kamin Neu. Auch diese Sprengung hatte die Thüringer Sprenggesellschaft durchgeführt.
Das Steinkohlekraftwerk selbst ist bereits seit 2017 stillgelegt. RWE übernahm das gesamte Gelände im Jahr 2021 und begann 2023 mit dem umfassenden Rückbau. Dabei werden nicht nur weithin sichtbare Großbauten entfernt. Zuvor mussten Gebäude entkernt, technische Anlagen demontiert und belastete beziehungsweise wiederverwertbare Materialien getrennt werden. Weitere Großkomponenten des früheren Kraftwerks sollen noch folgen.
Die Angabe, wonach bei der jetzigen Sprengung insgesamt rund 30.000 Tonnen Stahl zu Boden gebracht wurden, wurde im Vorfeld in der regionalen Berichterstattung genannt. In der offiziellen Ankündigung des Betreibers wurde die Masse der drei Bauwerke dagegen nicht beziffert.
Der Rückbau soll zugleich Platz für einen neuen Energiestandort schaffen. Besonders weit fortgeschritten sind die Planungen für ein wasserstofffähiges Gas-und-Dampfturbinenkraftwerk. RWE hatte zuletzt eine elektrische Leistung von rund 850 Megawatt genannt. Das Unternehmen strebt nach bisheriger Planung eine mögliche Inbetriebnahme um das Jahr 2030 an.
Das Vorhaben befindet sich inzwischen im Genehmigungsverfahren. Zuständige Behörde ist die Bezirksregierung Düsseldorf. Die Unterlagen für die Umweltverträglichkeitsprüfung werden vom 14. August bis zum 14. September 2026 öffentlich ausgelegt. Beantragt ist eine Anlage mit einer Feuerungswärmeleistung von 1.600 Megawatt. Sie soll technisch so ausgelegt werden, dass neben Erdgas perspektivisch auch vollständig Wasserstoff eingesetzt werden kann.
Daneben verfolgt RWE Pläne für die Erzeugung von grünem Wasserstoff am Standort. Eine endgültige Investitionsentscheidung für sämtliche vorgesehenen Projekte hängt jedoch von Genehmigungen, gesetzlichen Rahmenbedingungen und der Wirtschaftlichkeit ab. Große Teile des rund 60 Hektar umfassenden Areals sollen nach bisherigen Planungen bereits im ersten Halbjahr 2027 wieder für neue Nutzungen zur Verfügung stehen.
Die Entwicklung in Voerde steht beispielhaft für den Strukturwandel an früheren Kohlekraftwerksstandorten in Deutschland. Das dortige Kraftwerk wurde zwar bereits drei Jahre vor dem Beschluss des bundesweiten Kohleausstiegsgesetzes stillgelegt. Der anschließende Rückbau fällt jedoch in eine Phase, in der deutschlandweit immer mehr fossile Kraftwerksflächen für neue Energieanlagen vorbereitet werden.
Nach geltendem Bundesrecht soll die Kohleverstromung in Deutschland spätestens 2038 beendet sein. Bei Steinkohlekraftwerken erfolgt die weitere Verringerung der Kapazitäten inzwischen über gesetzlich festgelegte Reduktionsschritte. Frühere Kraftwerksstandorte besitzen für neue Energieprojekte häufig einen Vorteil: Stromleitungen, Verkehrswege und industrielle Infrastruktur sind bereits vorhanden.
In Voerde soll genau diese Infrastruktur weiter genutzt werden. Wo jahrzehntelang Steinkohle verstromt wurde, könnte künftig ein Kraftwerk stehen, das zunächst auch Erdgas und später Wasserstoff einsetzen kann. Mit dem Einsturz des Kesselhauses B ist dafür am Freitag ein weiterer Teil der alten Kraftwerksstruktur verschwunden.
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