
Der Vorstandschef der Techniker Krankenkasse, Jens Baas, rechnet trotz der geplanten Reform der Pflegeversicherung langfristig mit höheren Beiträgen. Die finanzielle Lage der sozialen Pflegeversicherung bleibt angespannt. Zugleich sieht Baas auch bei der gesetzlichen Krankenversicherung weiteren Handlungsbedarf, wenn die Beiträge 2027 stabil bleiben sollen.
Baas sagte dem Politico Newsletter Gesundheit, perspektivisch steigende Pflegebeiträge seien angesichts einer älter werdenden Gesellschaft und einer wachsenden Zahl pflegebedürftiger Menschen realistisch. Die Beiträge dürften aus seiner Sicht allerdings nicht unbegrenzt steigen und müssten in einem angemessenen Verhältnis zu den Leistungen stehen.
Damit stellt Baas nicht fest, dass eine konkrete Beitragserhöhung bereits beschlossen wäre. Über die künftige Höhe des Pflegebeitrags ist noch nicht entschieden. Die Bundesregierung arbeitet derzeit an einer Reform, mit der die Finanzierung der sozialen Pflegeversicherung stabilisiert werden soll.
Die Warnung trifft auf eine bereits angespannte Finanzlage. Der reguläre Beitragssatz zur sozialen Pflegeversicherung beträgt seit Anfang 2025 grundsätzlich 3,6 Prozent des beitragspflichtigen Einkommens. Kinderlose zahlen einen Zuschlag von 0,6 Prozentpunkten. Eltern mit mehreren jüngeren Kindern können abhängig von der Kinderzahl Abschläge erhalten.
Die Beitragserhöhung von 2025 hat die grundlegenden Finanzierungsprobleme jedoch nicht beseitigt. Nach Berechnungen des GKV-Spitzenverbands verzeichnete die soziale Pflegeversicherung im ersten Quartal 2026 ein Defizit von 667 Millionen Euro, obwohl bereits ein Bundesdarlehen von 800 Millionen Euro berücksichtigt war.
Für das Gesamtjahr 2026 rechnet der Spitzenverband mit einem Fehlbetrag von rund einer Milliarde Euro trotz eines Bundesdarlehens von insgesamt 3,2 Milliarden Euro. Einnahmen und Ausgaben entwickeln sich dabei unterschiedlich schnell. Nach Berechnungen des Verbandes steigen die Einnahmen 2026 um 7,7 Prozent, die Ausgaben jedoch um 9,1 Prozent.
Auch über das laufende Jahr hinaus besteht Finanzierungsbedarf. Verschiedene Berechnungen von Krankenkassen und Gesundheitsministerium gehen für 2027 von einer Lücke in Milliardenhöhe aus. Die genaue Höhe hängt davon ab, welche Reformmaßnahmen umgesetzt werden und wie sich Einnahmen, Pflegezahlen und Leistungsausgaben entwickeln.
Die Bundesregierung arbeitet deshalb an einem Pflegeneuordnungsgesetz. Der Gesetzentwurf befindet sich nach Angaben der Bundesregierung weiterhin in der Abstimmung zwischen den Ressorts.
Politisch umstritten sind insbesondere Einsparungen, die pflegende Angehörige oder Bewohner von Pflegeheimen betreffen könnten. Der neue Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann hat sich inzwischen gegen geplante Einsparungen bei den Rentenansprüchen pflegender Angehöriger ausgesprochen. Eine Änderung dieses Punktes würde allerdings eine andere Gegenfinanzierung erforderlich machen.
Baas unterstützt den Erhalt der Rentenabsicherung pflegender Angehöriger grundsätzlich. Er vertritt zugleich die Position, dass die Finanzierung dieser Rentenbeiträge nicht dauerhaft von den Beitragszahlern der Pflegeversicherung getragen werden sollte, sondern aus dem Bundeshaushalt.
Zudem fordert der TK-Chef eine stärkere finanzielle Beteiligung des Bundes an den Kosten aus der Corona-Zeit. Nach Darstellung der gesetzlichen Krankenkassen sind aus dieser Phase noch pandemiebedingte Ausgaben der Pflegeversicherung in Milliardenhöhe nicht vollständig aus Steuermitteln ausgeglichen worden. Baas beziffert den aus seiner Sicht ausstehenden Betrag auf rund sechs Milliarden Euro.
Parallel zur Pflegeversicherung steht die gesetzliche Krankenversicherung vor erheblichen Finanzierungsproblemen. Für 2026 beträgt der allgemeine Beitragssatz weiterhin 14,6 Prozent. Hinzu kommt ein von jeder Krankenkasse individuell festgelegter Zusatzbeitrag. Der für 2026 festgelegte durchschnittliche Zusatzbeitrag liegt bei 2,9 Prozent.
Die tatsächliche Belastung vieler Versicherter liegt allerdings höher. Ende März 2026 betrug der durchschnittlich von den Krankenkassen erhobene Zusatzbeitrag bereits 3,13 Prozent. Ein Grund dafür ist, dass mehrere Kassen ihre zuvor geschrumpften Finanzreserven wieder auffüllen mussten.
Besonders problematisch bleibt die Entwicklung der laufenden Ausgaben. Im ersten Quartal 2026 stiegen die Leistungsausgaben der gesetzlichen Krankenkassen um 8,0 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Beitragseinnahmen ohne Zusatzbeiträge nahmen dagegen lediglich um 4,1 Prozent zu.
Zu den besonders dynamischen Kostenblöcken gehörten Krankenhausbehandlungen, Arzneimittel sowie ambulante ärztliche Leistungen. Die Krankenhausausgaben stiegen im ersten Quartal um 9,3 Prozent. Bei Arzneimitteln betrug das Plus 6,4 Prozent und bei ambulanten ärztlichen Behandlungen 7,3 Prozent.
Die Bundesregierung hat bereits ein Gesetz zur Stabilisierung der Krankenkassenbeiträge auf den Weg gebracht. Baas hält dennoch weitere Maßnahmen für notwendig. Nach seiner Einschätzung ist derzeit nicht garantiert, dass die Zusatzbeiträge 2027 tatsächlich stabil bleiben.
Der TK-Chef bezifferte die Wahrscheinlichkeit stabiler Beiträge nach dem derzeitigen Stand auf etwa 50 zu 50. Hintergrund seiner Einschätzung ist vor allem das weiterhin stärkere Wachstum der Ausgaben gegenüber den Einnahmen.
Wie hoch die Beiträge zur Krankenversicherung und Pflegeversicherung im kommenden Jahr tatsächlich ausfallen, steht damit noch nicht fest. Entscheidend werden die endgültige Ausgestaltung der Reformen, die weitere Ausgabenentwicklung und die Frage sein, welche Kosten künftig aus Beiträgen und welche stärker aus Steuermitteln finanziert werden.
Fest steht bereits, dass der finanzielle Druck auf beide Sozialversicherungen erheblich ist. Die Debatte über steigende Pflegebeiträge betrifft deshalb nicht allein die Höhe der Abgaben. Sie berührt auch die grundsätzliche Frage, wie Deutschland die wachsenden Kosten einer alternden Bevölkerung zwischen Versicherten, Arbeitgebern und Staat verteilt.
Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu