
Der Augsburger Getriebehersteller Renk baut seine Produktionskapazitäten für militärische Fahrzeuge deutlich aus. Das Unternehmen will die jährliche Ausbringung von Getrieben an seinem Stammwerk in Augsburg bis 2030 auf deutlich mehr als 2.000 Einheiten erhöhen. Damit soll die Produktion gegenüber dem früheren Niveau mehr als verdreifacht werden. Parallel investiert Renk in weitere deutsche Standorte und stellt Teile seiner Fertigung stärker auf den Verteidigungsbereich ein.
Der aktuelle Anlass ist die Einweihung von drei neuen Bearbeitungszentren im Renk-Werk in Rheine am Montag, 31. August 2026. Nach Angaben des Unternehmens sind die dortigen Kapazitäten für Verteidigungsprodukte seit 2025 jährlich um mehr als 30 Prozent gewachsen. Bis 2030 sollen allein in Rheine Investitionen von mehr als 20 Millionen Euro in den weiteren Ausbau fließen.
Konkretere Angaben zum bisherigen Produktionsvolumen machte Renk-Vorstandsmitglied Emmerich Schiller bei dem Termin in Rheine. Demnach lag die Produktion von Panzergetrieben 2023 noch bei weniger als 600 Einheiten. Für 2026 nannte Schiller mehr als 800 Stück. Bis 2030 sollen es mehr als 2.000 sein.
Diese Vergleichszahlen stammen aus den Aussagen des Managers vom Montag. Die offizielle Unternehmensmitteilung bestätigt das Ziel von deutlich mehr als 2.000 Getrieben pro Jahr und eine mehr als dreifache Steigerung, nennt für 2023 und 2026 jedoch keine eigenen Stückzahlen. Eine unabhängige Bestätigung der beiden Vergleichswerte lag zunächst nicht vor.
Renk versucht zugleich, die Fertigung stärker zu standardisieren. Statt einer stark von Einzelanfertigungen geprägten Produktion sollen kleinere Serien effizienter hergestellt werden. Bei bestimmten Bauteilen, sogenannten Planetenträgern, soll sich die notwendige Bearbeitungszeit durch die neuen Maschinen in Rheine nach Unternehmensangaben um rund 60 Prozent reduzieren.
Bis 2028 will die Renk Group insgesamt bis zu 325 Millionen Euro in Deutschland investieren. Das im Januar angekündigte Programm umfasst neben zusätzlichen Kapazitäten auch Digitalisierung und neue Technologien.
Der Produktionsausbau trifft auf einen deutlich gewachsenen Auftragsbestand. Renk meldete für das erste Halbjahr 2026 Auftragseingänge von 1,195 Milliarden Euro. Das waren 29,7 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Allein im zweiten Quartal gingen Bestellungen im Volumen von 612,8 Millionen Euro ein. Nach Unternehmensangaben war dies der höchste Auftragseingang eines einzelnen Quartals in der bisherigen Firmengeschichte.
Der gesamte Auftragsbestand erreichte zum Ende des ersten Halbjahres rund 7,4 Milliarden Euro. Ende 2025 hatte er noch bei 6,7 Milliarden Euro gelegen.
Besonders stark entwickelte sich der Geschäftsbereich Vehicle Mobility Solutions, zu dem unter anderem Getriebe und andere Antriebskomponenten für militärische Kettenfahrzeuge gehören. Der Auftragseingang dieses Segments stieg im ersten Halbjahr um 42,6 Prozent auf 970,4 Millionen Euro. Der Umsatz erreichte 418,6 Millionen Euro und damit 7,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
Konzernweit lag der Umsatz in den ersten sechs Monaten 2026 bei 637,2 Millionen Euro, ein Plus von 2,7 Prozent. Das bereinigte operative Ergebnis EBIT erhöhte sich um 10,1 Prozent auf 98,2 Millionen Euro. Die bereinigte EBIT-Marge verbesserte sich von 14,4 auf 15,4 Prozent.
Für das Gesamtjahr hält das Unternehmen an seiner Prognose fest. Renk erwartet nach eigener Planung einen Umsatz von mehr als 1,5 Milliarden Euro und ein bereinigtes EBIT zwischen 255 und 285 Millionen Euro.
An der Börse führte die Nachricht vom Kapazitätsausbau zunächst nicht zu steigenden Kursen. Die Renk-Aktie notierte am Montag, 31. August 2026, um 16.28 Uhr im Xetra-Handel bei 47,16 Euro. Das entsprach nach Daten von finanzen.ch einem Minus von 0,8 Prozent gegenüber dem vorherigen Schlusskurs. Das Tagestief lag zu diesem Zeitpunkt bei 46,82 Euro, nachdem die Aktie mit 48,14 Euro in den Handel gestartet war.
Die Tagesbewegung sollte nicht isoliert mit der Produktionsmeldung erklärt werden. Auch der deutsche Aktienmarkt stand am Montag unter Druck. Der DAX verlor zeitweise rund 0,7 Prozent. Eine eindeutige Ursache für die Kursentwicklung der Renk-Aktie ließ sich aus dem Kapazitätsausbau allein nicht ableiten.
Die Geschäftszahlen zeigen zugleich, dass sich steigende Auftragseingänge nicht unmittelbar im gleichen Tempo im Umsatz niederschlagen. Zwischen Bestellungen, Fertigung und Auslieferung militärischer Großsysteme liegen häufig längere Projektzeiträume.
Renk steht mit seinen Investitionen nicht allein. Europas Verteidigungsindustrie erhöht angesichts steigender staatlicher Beschaffungsbudgets ihre Produktionskapazitäten. Rheinmetall kündigte Ende August beispielsweise Investitionen von rund 270 Millionen Euro am Standort Kassel an, unter anderem für den Ausbau der Fertigung militärischer Fahrzeuge und für Drohnentechnik.
Zusätzlichen Schub erhält die Branche durch die langfristigen Verteidigungsziele der NATO. Die Mitgliedstaaten beschlossen 2025, ihre Verteidigungs- und sicherheitsbezogenen Ausgaben bis 2035 auf insgesamt fünf Prozent der Wirtschaftsleistung zu erhöhen. Beim NATO-Gipfel in Ankara im Juli 2026 standen neben höheren Budgets ausdrücklich zusätzliche Produktionskapazitäten und neue militärische Fähigkeiten im Mittelpunkt.
Davon profitieren Hersteller klassischer Großsysteme ebenso wie Unternehmen aus den Bereichen Flugabwehr, Raketen, Sensorik, Satelliten und unbemannte Systeme. Renk nimmt dabei eine besondere Position als Zulieferer von Antriebs- und Getriebetechnik für Kettenfahrzeuge ein.
Der Ukraine-Krieg hat zugleich die Diskussion darüber verschärft, welche Bedeutung schwere gepanzerte Fahrzeuge künftig noch haben. Kleine Aufklärungs- und Angriffsdrohnen sind auf dem Gefechtsfeld in großer Zahl im Einsatz. Auch vergleichsweise günstige FPV-Drohnen können Panzer und andere Fahrzeuge beschädigen oder außer Gefecht setzen.
Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass Kettenfahrzeuge militärisch vollständig ersetzt werden. Moderne Streitkräfte betrachten unbemannte Systeme, elektronische Kampfführung, Flugabwehr und geschützte Fahrzeuge zunehmend als miteinander verknüpfte Fähigkeiten. Auch NATO-Planungen sehen neben unbemannten Systemen weiterhin größere Landverbände, Logistik und andere konventionelle Fähigkeiten vor.
Renk-Vorstand Schiller vertritt ebenfalls die Position, dass geschützte Mobilität weiterhin benötigt werde und Kettenfahrzeuge künftig gemeinsam mit Drohnen eingesetzt würden. Dabei handelt es sich um die Einschätzung eines Unternehmensmanagers, dessen Konzern wirtschaftlich unmittelbar von der Nachfrage nach gepanzerten Fahrzeugen profitiert.
Die Entwicklung auf dem Gefechtsfeld erhöht damit nicht nur den Druck zur Beschaffung neuer Technologien. Sie führt auch dazu, bestehende Systeme anzupassen. Für Renk bedeutet das derzeit vor allem eines: Die Produktionskapazitäten für die erwarteten Bestellungen sollen erheblich größer werden.
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