Mehr Großinsolvenzen in Deutschland: Autobranche unter Druck

Ein multikulturelles Restaurant an der Wolbecker Straße in Münster schließt nach acht Jahren. Warum das Konzept endet – und wie es am Standort weitergeht.
Symbolbild: Evan Wise

Teilen:

Die Zahl der Großinsolvenzen in Deutschland ist im ersten Halbjahr 2026 weiter gestiegen. Nach einer Auswertung des Kreditversicherers Allianz Trade wurden von Januar bis Juni 33 Insolvenzen von Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mindestens 50 Millionen Euro registriert. Das waren zehn Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2025. Besonders häufig betroffen war die Automobilbranche, gefolgt von Einzelhandel, Maschinenbau und Dienstleistungssektor.

Anzeige

Damit setzt sich bei größeren Unternehmen eine Entwicklung fort, die bereits 2025 deutlich sichtbar geworden war. Im vergangenen Jahr hatte Allianz Trade insgesamt 94 Großinsolvenzen in Deutschland gezählt. Das waren acht Prozent mehr als 2024 und der höchste Jahreswert seit Beginn dieser Auswertung im Jahr 2015. 2024 waren 87 Fälle registriert worden, 2023 waren es 64.

Sieben Großinsolvenzen in der Automobilbranche

Im Branchenvergleich entfielen im ersten Halbjahr 2026 sieben Großinsolvenzen auf die Automobilbranche. Im Einzelhandel waren es fünf Fälle. Maschinenbau und Dienstleistungen kamen auf jeweils vier Großinsolvenzen. Die Zahlen beziehen sich ausschließlich auf Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mindestens 50 Millionen Euro und bilden deshalb nicht das gesamte Insolvenzgeschehen in Deutschland ab.

Gerade die Autoindustrie befindet sich weiterhin in einem schwierigen Anpassungsprozess. Neben dem technologischen Wandel hin zur Elektromobilität stehen Hersteller und Zulieferer unter internationalem Wettbewerbsdruck. Zugleich gibt es erste Anzeichen für eine Verbesserung der Nachfrage. Das ifo Institut meldete für Juli 2026 einen Anstieg seines Geschäftsklimaindex für die deutsche Automobilindustrie auf minus 15,6 Punkte nach minus 21,6 Punkten im Juni. Die Geschäftslage wurde allerdings weiterhin schwach beurteilt, außerdem planten Unternehmen weitere Stellenstreichungen.

Anzeige

Die Insolvenzstatistik und die jüngsten Stimmungsdaten widersprechen sich daher nicht zwingend. Insolvenzverfahren reagieren häufig mit Verzögerung auf wirtschaftliche Probleme. Verbesserte Auftragserwartungen können gleichzeitig auftreten, während Unternehmen, deren finanzielle Reserven bereits erschöpft sind, ein Insolvenzverfahren durchlaufen.

Umsatz der betroffenen Großunternehmen steigt auf 4,5 Milliarden Euro

Der zusammengerechnete Jahresumsatz der im ersten Halbjahr insolvent gewordenen Großunternehmen lag laut Allianz Trade bei rund 4,5 Milliarden Euro. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht das einem Plus von drei Prozent. Der durchschnittliche Jahresumsatz je betroffenem Unternehmen sank dagegen um knapp sieben Prozent auf etwa 137 Millionen Euro. Damit waren innerhalb der von Allianz Trade erfassten Gruppe im Durchschnitt etwas kleinere Unternehmen betroffen als ein Jahr zuvor.

Der Umsatz der insolventen Unternehmen darf dabei nicht mit dem tatsächlich entstandenen finanziellen Schaden gleichgesetzt werden. Wie hoch Forderungsausfälle für Gläubiger, Lieferanten oder andere Geschäftspartner letztlich ausfallen, hängt vom jeweiligen Insolvenzverfahren und den verwertbaren Vermögenswerten ab.

Große Unternehmensinsolvenzen können allerdings besondere Auswirkungen auf Lieferketten haben. Vor allem Zulieferer und Dienstleister können betroffen sein, wenn ein wichtiger Kunde ausfällt und offene Rechnungen nicht vollständig beglichen werden können.

Auch Verkehr, Gastgewerbe und Bau stehen unter Druck

Ein breiteres Bild liefert die amtliche Statistik des Statistischen Bundesamtes. Sie umfasst Unternehmensinsolvenzen aller Größenklassen und folgt einer anderen Methodik als die Allianz-Trade-Auswertung. Von Januar bis Mai 2026 registrierten die Amtsgerichte 10.546 beantragte Unternehmensinsolvenzen. Das waren 4,9 Prozent mehr als in den ersten fünf Monaten des Vorjahres.

Gemessen an der Zahl der Insolvenzen je 10.000 Unternehmen war der Bereich Verkehr und Lagerei in diesem Zeitraum am stärksten betroffen. Destatis ermittelte dort 57,2 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen. Im Gastgewerbe waren es 49,2 und im Baugewerbe 44,0 Fälle je 10.000 Unternehmen. Diese Werte zeigen, dass sich der wirtschaftliche Druck keineswegs auf große Industriekonzerne oder die Autobranche beschränkt.

Die von den Amtsgerichten gemeldeten Forderungen der Gläubiger aus den Unternehmensinsolvenzen von Januar bis Mai lagen bei rund 15,4 Milliarden Euro. Im entsprechenden Zeitraum 2025 waren es rund 25,7 Milliarden Euro. Destatis erklärt den Rückgang trotz einer höheren Fallzahl damit, dass in den ersten fünf Monaten 2025 mehr wirtschaftlich bedeutende Unternehmen von Insolvenzverfahren betroffen waren.

Entwicklung bleibt von schwacher Nachfrage und Kosten geprägt

Zu den Belastungsfaktoren zählen eine in Teilen schwache Nachfrage, Finanzierungskosten und hohe Kosten in energieintensiven Geschäftsmodellen. Allianz Trade sieht insbesondere Unternehmen mit hohen Investitions- und Energiekosten sowie geringer Möglichkeit, höhere Kosten über die Preise weiterzugeben, als anfällig an. Der Kreditversicherer erwartet deshalb für die Großinsolvenzen im weiteren Jahresverlauf keine deutliche Entspannung. Dabei handelt es sich um eine Prognose und nicht um eine bereits feststehende Entwicklung.

Auch die Konjunkturdaten zeichnen ein gemischtes Bild. Der ifo Geschäftsklimaindex für die gesamte deutsche Wirtschaft stieg im August 2026 auf 88,8 Punkte nach 86,7 Punkten im Juli. Im verarbeitenden Gewerbe verbesserten sich Lage und Erwartungen, mit der Auftragslage waren die Unternehmen aber weiterhin unzufrieden. Für Transport und Logistik beschrieb das Institut die Lage weiterhin als schwierig.

Für das gesamte Jahr 2026 hatte Allianz Trade im April mit rund 24.650 Unternehmensinsolvenzen in Deutschland gerechnet. Das entspräche einem Anstieg um zwei Prozent gegenüber 2025. Für 2027 erwartete der Kreditversicherer zu diesem Zeitpunkt einen Rückgang um zwei Prozent auf rund 24.150 Fälle. Diese Werte sind Prognosen und können sich abhängig von Konjunktur, Energiepreisen, Finanzierungskonditionen und internationalen Handelsbedingungen verändern.

Großinsolvenzen nehmen auch weltweit zu

Der Anstieg ist nicht auf Deutschland beschränkt. Nach der aktuellen Allianz-Trade-Auswertung wurden weltweit im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 247 Großinsolvenzen gezählt. Das waren 13 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. International waren insbesondere Einzelhandel, Dienstleistungen und Bauwirtschaft betroffen. Mehr als 60 Prozent der erfassten Großinsolvenzen entfielen auf Westeuropa.

Für Deutschland bleibt damit ein zweigeteiltes Bild. Bei einzelnen Konjunkturindikatoren zeichnet sich eine vorsichtige Verbesserung ab. Gleichzeitig liegen sowohl die Großinsolvenzen als auch die amtlich registrierten Unternehmensinsolvenzen weiterhin auf einem hohen Niveau. Besonders sichtbar ist der Druck derzeit in industriellen Branchen wie der Automobilindustrie und dem Maschinenbau, während die amtliche Statistik zusätzlich hohe Insolvenzquoten bei Verkehr und Lagerei, im Gastgewerbe sowie im Baugewerbe ausweist.

Teilen:

Münster Map
Zum Aktivieren tippen
Route anzeigen

Mehr Beiträge:

Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu