
Rund 175.000 Beschäftigte der deutschen Automobilindustrie haben sich am Montag an einem bundesweiten Aktionstag gegen Stellenabbau, Werksschließungen und weitere Einschnitte beteiligt. Nach Angaben der IG Metall fanden etwa 280 Veranstaltungen statt, darunter Betriebsversammlungen, Kundgebungen, Demonstrationen und verlängerte aktive Mittagspausen. Die Proteste in der deutschen Autoindustrie erfassten Beschäftigte großer Hersteller ebenso wie Belegschaften von Zulieferern und Entwicklungsdienstleistern.
Zu den beteiligten Unternehmen gehörten Volkswagen und weitere große deutsche Autobauer sowie zahlreiche Zulieferbetriebe. Aktionen gab es unter anderem an wichtigen Autostandorten in Wolfsburg, Hannover, Stuttgart und Zwickau. Die IG Metall hatte den bundesweiten Aktionstag bereits vor der jüngsten Gewinnwarnung von Volkswagen vorbereitet. Die am Freitag veröffentlichte Prognosesenkung des Wolfsburger Konzerns machte jedoch erneut deutlich, wie stark der wirtschaftliche Druck auf Teile der Branche inzwischen ist.
Volkswagen hatte am Freitag seine Prognose für das Geschäftsjahr 2026 deutlich nach unten korrigiert. Der Konzern erwartet nun eine operative Umsatzrendite von höchstens 1 Prozent. Zuvor hatte Volkswagen mit 4,0 bis 5,5 Prozent gerechnet. Der erwartete Konzernumsatz liegt nach der neuen Prognose bei rund 315 Milliarden Euro.
Eine wesentliche Belastung ist eine außerplanmäßige Abschreibung auf den Geschäfts- oder Firmenwert von Porsche in Höhe von rund sechs Milliarden Euro. Hinzu kommen weitere Belastungen durch Restrukturierungen und Wertberichtigungen. Insgesamt rechnet Volkswagen für 2026 mit Sondereffekten von rund zehn Milliarden Euro. Als weitere Belastungsfaktoren nannte das Unternehmen das schwierige Marktumfeld insbesondere in China und die schnellere Verschiebung der Nachfrage hin zu batterieelektrischen Fahrzeugen.
Die Börse hatte bereits am Freitag deutlich auf die neue Prognose reagiert. Die Volkswagen-Vorzugsaktie schloss im Xetra-Handel bei 76,52 Euro und damit 5,58 Prozent unter dem Schlusskurs des Vortages. Am Montag setzte sich die Schwäche zunächst fort. Gegen 9.13 Uhr mitteleuropäischer Zeit lag die Aktie laut Reuters rund zwei Prozent im Minus. Damit blieb die Gewinnwarnung auch zu Beginn der neuen Handelswoche ein bestimmendes Thema für den Konzern.
Die IG Metall verbindet den Aktionstag mit der Forderung, die Unternehmen sollten stärker in Produkte, Technologien und deutsche Standorte investieren. Die Gewerkschaft wendet sich insbesondere gegen weiteren Personalabbau sowie gegen Verschlechterungen bei tariflichen Arbeitsbedingungen. Auch die 35-Stunden-Woche spielt in dem Konflikt eine zentrale Rolle.
IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner erklärte, Entlassungen allein könnten die wirtschaftlichen Probleme der Branche nicht lösen. Die Gewerkschaft fordert Investitionen in Innovationen und Produktionsstandorte. Zugleich verlangt sie bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen, darunter niedrigere Stromkosten, Unterstützung für Zulieferer und einen stärkeren Schutz europäischer Produktion gegenüber Wettbewerbern aus Drittstaaten.
Bei Volkswagen meldete sich auch die Arbeitnehmervertretung zu Wort. Gesamtbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo und Benner forderten Maßnahmen von Unternehmensleitungen und Politik. Zu den angesprochenen Punkten gehören Investitionen, handelspolitische Instrumente, Strompreise und die Fortführung von Möglichkeiten zur Altersteilzeit. Die Arbeitnehmervertreter verlangen zugleich Zusagen für Beschäftigung und industrielle Wertschöpfung in Deutschland und Europa.
Der Druck beschränkt sich nicht auf die großen Fahrzeughersteller. Besonders deutlich zeigt sich der Beschäftigungsabbau bei den Zulieferern. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes arbeiteten Ende des ersten Halbjahres 2026 insgesamt rund 691.500 Menschen in der deutschen Automobilindustrie. Das waren 42.300 Beschäftigte oder 5,8 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Seit Beginn der vergleichbaren Zeitreihe im Jahr 2005 war die Beschäftigtenzahl in der Branche noch nie niedriger.
Bei Herstellern von Kraftwagen und Kraftwagenmotoren sank die Beschäftigung binnen eines Jahres um 6,1 Prozent auf rund 429.200 Menschen. Noch stärker war der Rückgang bei Unternehmen, die Teile und Zubehör für Kraftwagen herstellen. Dort arbeiteten Ende des ersten Halbjahres rund 219.500 Menschen und damit 7,6 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Nicht sämtliche Unternehmen, die der Öffentlichkeit als Autozulieferer bekannt sind, werden in dieser Statistik erfasst, weil einige Betriebe anderen Wirtschaftszweigen zugeordnet sind.
Eine VDA-Umfrage unter Zulieferern und weiteren mittelständischen Unternehmen der Branche hatte bereits im Juni zusätzlichen Druck erkennen lassen. 54 Prozent der befragten Unternehmen gaben dem Verband zufolge an, Beschäftigung in Deutschland abzubauen. Nur 3 Prozent bauten hierzulande Stellen auf. 44 Prozent der Unternehmen mit Personalabbau in Deutschland schufen gleichzeitig Arbeitsplätze im Ausland. Die Ergebnisse stammen aus einer Verbandsumfrage und sind deshalb von den amtlichen Beschäftigungszahlen zu unterscheiden.
Auch einzelne große Zulieferer haben umfangreiche Einschnitte angekündigt. Bosch plant nach Unternehmensangaben bis Ende des Jahrzehnts den Abbau von bis zu 13.000 Stellen in seiner Mobilitätssparte. Arbeitnehmervertreter des Unternehmens forderten zuletzt stärkere europäische Maßnahmen zum Erhalt industrieller Wertschöpfung und Beschäftigung.
Der schwächere Ausblick von Volkswagen belastete zum Wochenschluss nicht nur die VW-Aktie. Auch andere deutsche Autowerte gerieten am Freitag unter Druck. Die BMW-Stammaktie beendete den Xetra-Handel am Freitag bei rund 60,40 Euro und damit etwa 4,5 Prozent niedriger als am Vortag. Am Montag stabilisierte sich das Papier zunächst. Um 13.05 Uhr lag der Kurs im Xetra-Handel bei 60,46 Euro und damit nahezu auf dem Niveau des Freitagsschlusses.
Die Kursentwicklung einzelner Unternehmen spiegelt dabei unterschiedliche Belastungen wider. Volkswagen muss neben dem schwächeren Geschäft in China hohe Sonderbelastungen und Restrukturierungskosten verarbeiten. BMW steht ebenfalls unter dem Druck eines schwächeren Branchenumfelds und schwierigerer Bedingungen in wichtigen Absatzmärkten. Aus den Bewegungen eines einzelnen Handelstages lässt sich jedoch keine Aussage über die weitere Kursentwicklung ableiten.
Die deutsche Autoindustrie befindet sich in einem tiefgreifenden Umbau. Elektrifizierung und Digitalisierung verändern Produkte und Produktionsprozesse, zugleich hat sich der Wettbewerb durch chinesische Hersteller deutlich verschärft. Hinzu kommen Handelskonflikte, unterschiedliche Produktionskosten zwischen den Weltregionen und eine schwächere Nachfrage in wichtigen Märkten.
Der Aktionstag vom Montag zeigt, dass die wirtschaftliche Neuordnung der Branche zunehmend auch zu einem Konflikt über Arbeitsplätze, Arbeitszeiten und die Verteilung der Umbaukosten wird. Die Zahl von rund 175.000 Teilnehmern stammt von der IG Metall und ist damit eine Angabe des Veranstalters. Unabhängig davon belegen die amtlichen Beschäftigungsdaten einen erheblichen Stellenabbau: Binnen eines Jahres verschwanden in der deutschen Automobilindustrie mehr als 42.000 Arbeitsplätze. Die neue Volkswagen-Prognose erhöht zugleich den wirtschaftlichen Druck auf einen der größten Industriekonzerne Deutschlands.
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