
Die Hermès-Aktie steht nach einer Serie vorsichtigerer Analysteneinschätzungen erneut im Fokus. Gleich mehrere Häuser haben ihre Erwartungen für den französischen Luxuskonzern im September zurückgenommen. Besonders dicht folgten die Anpassungen rund um den 21. September. Gleichzeitig hat die Aktie im laufenden Jahr erheblich an Wert verloren. Zum Schlusskurs am 21. September 2026 um 17.55 Uhr an der Euronext Paris notierte Hermès bei 1.344 Euro. Gegenüber dem Jahresbeginn entsprach das einem Minus von 36,66 Prozent.
Die Entwicklung fällt in eine schwierige Phase für die internationale Luxusbranche. Schwächere Nachfrage in wichtigen Märkten, vor allem in Teilen Asiens, sowie zurückhaltendere Verbraucher setzen zahlreiche Anbieter unter Druck. Hermès wächst operativ zwar weiter und erzielt weiterhin außergewöhnlich hohe Margen. An der Börse wird jedoch zunehmend die Frage gestellt, wie schnell der Konzern in den kommenden Quartalen wachsen kann und welche Bewertung dafür angemessen ist.
Bernstein nahm sein Kursziel für Hermès am Montag, 21. September, von 2.150 auf 1.750 Euro zurück. Die Einstufung Outperform blieb bestehen. Das Analysehaus senkte zugleich seine Wachstumsannahmen. Für das dritte Quartal rechnet Bernstein nun mit einem organischen Wachstum von 4,7 Prozent bei konstanten Wechselkursen, nachdem zuvor 6,4 Prozent erwartet worden waren. Die Prognose für das Gesamtjahr 2026 wurde von 6,8 auf 6,2 Prozent reduziert. Für 2027 sank die Wachstumserwartung von 10,5 auf 7,6 Prozent.
Auch Oddo BHF korrigierte sein Kursziel am selben Tag nach unten, von 1.627 auf 1.470 Euro. Die Einstufung blieb Neutral. Das Haus begründete die Anpassung mit vorsichtigeren Annahmen für das mittelfristige Wachstum. Die Prognose für das wiederkehrende operative Ergebnis wurde für 2026 um ein Prozent und für 2027 sowie 2028 jeweils um zwei Prozent gesenkt.
Die LBBW reduzierte ihr Kursziel ebenfalls am 21. September von 2.050 auf 1.825 Euro, hielt aber an ihrer Kaufempfehlung fest. Die neuen Bewertungen zeigen damit keine einheitlich negative Einschätzung des Unternehmens. Mehrere Analysten rechnen vielmehr mit geringeren Wachstumsraten und passen daraufhin ihre Bewertungsmodelle an.
Die Anpassungen vom Montag waren nicht die ersten im September. Intesa Sanpaolo senkte am 15. September das Kursziel von 1.995 auf 1.695 Euro und stufte Hermès von Buy auf Hold zurück. AlphaValue/Baader Europe hatte bereits am 14. September seine Empfehlung von Buy auf Add beziehungsweise Accumulate reduziert und ein Kursziel von 1.730 Euro genannt.
Die zuletzt belegten Änderungen verteilen sich damit auf mehrere Handelstage zwischen dem 14. und 21. September. Zwischen den vorsichtigeren Einschätzungen gab es zugleich weiterhin positive Stimmen. Berenberg bestätigte am 18. September die Kaufempfehlung für Hermès und ließ das Kursziel unverändert bei 1.850 Euro. Von einem vollständig einheitlichen Analystenbild kann daher nicht gesprochen werden.
Ein wesentlicher Punkt in den jüngsten Analystenmodellen ist die Nachfrageentwicklung in China und anderen asiatischen Märkten. Bernstein verwies bei seiner Anpassung auf ein verhalteneres Nachfrageumfeld in China. AlphaValue/Baader Europe hatte zuvor ebenfalls darauf hingewiesen, dass eine deutlichere Erholung der chinesischen Nachfrage bislang ausgeblieben sei.
Die Zahlen von Hermès zeigen, dass sich das Geschäft regional sehr unterschiedlich entwickelt. Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Erlöse in Asien ohne Japan auf vergleichbarer Basis um 2,4 Prozent. In Amerika erreichte das Wachstum dagegen 15,3 Prozent, in Japan 11,0 Prozent und in Europa ohne Frankreich 8,8 Prozent. Gerade wegen der großen Bedeutung asiatischer Kunden für die Luxusindustrie wird die weitere Entwicklung der Region genau verfolgt.
Die Kursverluste stehen zugleich einem weiterhin profitablen operativen Geschäft gegenüber. Hermès erzielte im ersten Halbjahr 2026 einen Umsatz von 8,163 Milliarden Euro. Bei konstanten Wechselkursen entsprach das einem Wachstum von 6,1 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Das wiederkehrende operative Ergebnis erreichte 3,351 Milliarden Euro.
Die wiederkehrende operative Marge lag bei 41,0 Prozent, nach 41,4 Prozent im ersten Halbjahr 2025. Besonders das Kerngeschäft mit Lederwaren und Sattlerei entwickelte sich weiter positiv. Dort stiegen die Erlöse auf vergleichbarer Basis um 9,8 Prozent. Der auf die Gruppe entfallende Nettogewinn belief sich im Halbjahr auf 2,238 Milliarden Euro und lag damit geringfügig unter dem Vorjahreswert von 2,246 Milliarden Euro.
Damit besteht derzeit ein deutlicher Gegensatz zwischen der hohen Profitabilität des Konzerns und der Neubewertung der Aktie am Kapitalmarkt. Für Hermès war über Jahre eine besonders hohe Bewertung akzeptiert worden, weil das Unternehmen stärker und stabiler wuchs als viele Wettbewerber. Sinkende Wachstumserwartungen wirken sich deshalb auch dann auf die Bewertung aus, wenn das Unternehmen weiterhin Gewinne auf hohem Niveau erzielt.
Hermès ist mit der Entwicklung nicht allein. Der europäische Luxusgütersektor steht 2026 insgesamt unter Druck. Anfang September lag der STOXX Europe Luxury 10 seit Jahresbeginn rund 19 Prozent im Minus. Branchendaten deuteten zuletzt auf eine weitere Abschwächung der Nachfrage im dritten Quartal hin. Neben China zeigten sich auch in den USA, Japan und Südkorea Schwächesignale.
Hinzu kommen wirtschaftliche und geopolitische Belastungen. In Teilen des Luxusmarktes haben starke Preiserhöhungen der vergangenen Jahre die Nachfrage breiterer Kundengruppen gebremst. Gleichzeitig konkurrieren die großen Marken stärker um besonders vermögende Kunden, deren Ausgaben bislang vergleichsweise stabil geblieben sind. Hermès ist wegen seiner Positionierung im obersten Luxussegment von dieser Entwicklung anders betroffen als stärker vom Massenmarkt abhängige Anbieter, kann sich dem schwächeren Branchenumfeld aber nicht vollständig entziehen.
Neue operative Hinweise dürfte die Veröffentlichung der Umsatzzahlen für das dritte Quartal liefern. Hermès hat diese für den 22. Oktober 2026 um 8.00 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit angekündigt. Dann wird sich zeigen, wie sich insbesondere das Geschäft in Asien entwickelt hat und ob die Wachstumsdynamik gegenüber dem ersten Halbjahr stabil geblieben ist.
Die jüngsten Kurszielsenkungen sind deshalb vor allem Ausdruck vorsichtigerer Erwartungen für das zukünftige Wachstum. Sie ändern nichts daran, dass Hermès weiterhin zu den profitabelsten großen Luxuskonzernen der Welt gehört. Für die Börsenbewertung wird jedoch zunehmend entscheidend, ob das Unternehmen seine bisherige Wachstumsprämie auch in einem schwächeren weltweiten Luxusmarkt rechtfertigen kann.
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