
Für die Beschäftigten an mehreren deutschen BioNTech-Standorten rückt eine entscheidende Frist näher. Das Mainzer Biotechnologieunternehmen will noch bis Ende September 2026 mögliche Veräußerungen seiner Produktionsstätten in Marburg und Idar-Oberstein sowie der übernommenen CureVac-Standorte prüfen. Damit bleiben am Montag, 28. September, nur noch wenige Tage bis zum Ende der von BioNTech genannten Prüfphase. Einen Käufer für einen der drei großen deutschen Standorte hat der Konzern bislang nicht öffentlich bestätigt.
Betroffen sind zusammen rund 1.800 Arbeitsplätze in Marburg, Idar-Oberstein und im Umfeld des früheren CureVac-Hauptsitzes Tübingen. BioNTech selbst spricht im Rahmen seines weltweiten Konsolidierungsprogramms von bis zu rund 1.860 Stellen. Diese Gesamtzahl umfasst allerdings auch weitere betroffene Standorte außerhalb der drei deutschen Werke. Das Unternehmen plant nach bisherigem Stand, den Betrieb in Marburg, Idar-Oberstein und Tübingen bis Ende 2027 zu verlassen, sofern keine andere Lösung gefunden wird.
BioNTech hatte am 27. August bekräftigt, mögliche Verkäufe für Idar-Oberstein, Marburg und den Standort in Singapur sowie für Standorte der übernommenen CureVac weiter zu prüfen. Diese Prüfung solle wie geplant bis Ende September laufen. Möglich sind nach früheren Angaben sowohl vollständige als auch teilweise Verkäufe.
Eine öffentliche Bestätigung über einen Abschluss gibt es bislang nicht. Die WirtschaftsWoche berichtete am 26. September, nach ihren Informationen gebe es zumindest für einzelne Standorte Gespräche. Ob daraus tatsächlich Verkäufe werden, sei offen. BioNTech äußerte sich dem Bericht zufolge nicht zum Stand möglicher Verhandlungen. Bereits im Juli hatte Reuters unter Berufung auf das Handelsblatt über vertrauliche Gespräche mit potenziellen Käufern für deutsche Standorte berichtet. Namen oder verbindliche Angebote wurden dabei nicht bestätigt.
Damit wäre auch die Darstellung verfrüht, die Verkäufe seien bereits endgültig gescheitert. Offiziell bestätigt ist zunächst lediglich, dass BioNTech die Veräußerungsoptionen bis Ende September prüfen will und anschließend über mögliche Verkäufe informieren möchte.
Als möglicher Interessent wurde im Sommer vor allem der US-Biotechnologiekonzern Moderna genannt. Konzernchef Stéphane Bancel erklärte im Juni, deutsche Produktionsstätten könnten für Moderna interessant sein, falls eine passende langfristige Zusammenarbeit mit der Bundesregierung zustande komme. Dabei brachte er auch die mögliche Weiterbeschäftigung von BioNTech-Mitarbeitern ins Spiel.
Das war allerdings keine bestätigte Kaufzusage für Marburg, Tübingen oder Idar-Oberstein. Der CureVac-Betriebsrat in Tübingen erklärte damals, von einem möglichen Moderna-Interesse ebenfalls nur aus der Berichterstattung erfahren zu haben. Konkrete Namen potenzieller Käufer seien der Arbeitnehmervertretung nicht bekannt gewesen. BioNTech bestätigte seinerzeit lediglich, verschiedene Verkaufsoptionen zu prüfen.
Auch die IG BCE griff das öffentlich gewordene Interesse Modernas später auf. Die Gewerkschaft betonte Anfang August ausdrücklich, es sei nicht bekannt, ob daraus konkrete Gespräche über den Marburger Standort entstanden seien. Sie verlangte deshalb mehr Informationen über die Käufersuche und forderte, vollständige oder teilweise Verkäufe ernsthaft zu verfolgen.
Noch Ende September war keine neue öffentliche Erklärung von Moderna bekannt, aus der sich eine konkrete Übernahme eines der Werke ableiten ließe. Die WirtschaftsWoche schrieb am 26. September, von dem früher geäußerten Interesse sei zuletzt nichts Neues bekannt geworden.
Besonders stark trifft die Restrukturierung drei Standorte. In Marburg stehen rund 540 Arbeitsplätze im Zusammenhang mit der geplanten Konsolidierung. BioNTech hatte die dortige Produktionsanlage 2020 von Novartis übernommen und in kurzer Zeit zu einem bedeutenden europäischen Produktionsstandort für den gemeinsam mit Pfizer entwickelten Covid-19-Impfstoff ausgebaut.
In Idar-Oberstein arbeiten nach Angaben der Stadt rund 440 Menschen. Der Standort ist unter anderem auf kleinere Produktionschargen für mRNA-Produkte sowie Zell- und Gentherapeutika ausgerichtet und übernimmt Aufgaben bei Analytik und Qualitätskontrolle. Die Stadtverwaltung war im Mai von BioNTech über die vorgesehene Schließung bis Ende 2027 informiert worden.
Beim früheren CureVac-Konzern sind nach BioNTech-Angaben rund 820 Stellen von den Plänen betroffen, ein großer Teil davon in Tübingen. BioNTech hatte die Übernahme von CureVac 2025 vereinbart. Der Standort zählt seit vielen Jahren zu den deutschen Zentren der mRNA-Forschung.
Die Arbeitnehmervertretungen setzen seit Monaten auf einen Verkauf statt einer vollständigen Stilllegung. Besonders deutlich äußerte sich die IG BCE in Hessen. Ihr Landesbezirk verlangte von BioNTech unter dem Motto Verkauf vor Schließung, alle Möglichkeiten für eine Weiterführung des Marburger Werks auszuschöpfen. Die Gewerkschaft kritisierte zudem, Beschäftigte erhielten zu wenig Informationen über mögliche Interessenten oder Verhandlungen.
Auch der IG-BCE-Landesbezirksleiter für Rheinland-Pfalz, Roland Strasser, äußerte Zweifel daran, wie intensiv BioNTech nach Alternativen zur Schließung suche. Gegenüber der WirtschaftsWoche verlangte er zugleich stärkere politische Anstrengungen zum Erhalt von Produktionskapazitäten und verwies auf die Bedeutung des vorhandenen Fachwissens für mögliche künftige Gesundheitskrisen. Dabei handelt es sich um die Bewertung der Gewerkschaft, nicht um eine bestätigte Aussage über den Verlauf der Verkaufsverhandlungen.
Auch die betroffenen Länder beschäftigen sich mit den Folgen. Hessens Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori erklärte bereits im Mai im Landtag, die Landesregierung stehe sowohl mit BioNTech als auch mit dem Betriebsrat, dem Verband der Chemischen Industrie und der IG BCE in Kontakt. Dabei werde unter anderem geprüft, welche Rolle Produktionskapazitäten im Rahmen einer strategischen Pandemievorsorge spielen könnten.
In Baden-Württemberg wurde nach Bekanntgabe der Schließungspläne eine Task Force eingerichtet. Nach Angaben des Staatsministeriums sollte sie gemeinsam mit BioNTech und weiteren Beteiligten Konzepte entwickeln, mit denen Infrastruktur, Fachwissen und möglichst viele hochqualifizierte Beschäftigte am Standort Tübingen gehalten werden können. Die Landesregierung bezeichnete insbesondere einen möglichen Verlust von mRNA-Infrastruktur als problematisch für den Forschungsstandort.
Rheinland-Pfalz sprach nach der Ankündigung für Idar-Oberstein von einem schmerzhaften Einschnitt. Wissenschaftsminister Clemens Hoch verwies zugleich darauf, dass BioNTech seinen Hauptsitz und zentrale Forschungsaktivitäten in Mainz behalten wolle.
Hinter den Schließungsplänen steht eine größere strategische Neuordnung. BioNTech begründet die Konsolidierung damit, dass die vorhandenen kommerziellen und klinischen mRNA-Produktionskapazitäten künftig über dem erwarteten Bedarf liegen. Als Gründe nennt das Unternehmen veränderte Lieferanforderungen, Produktionskapazitäten von Partnern, Übernahmen und auslaufende Verträge. Gleichzeitig verlagert sich der Schwerpunkt des Unternehmens stärker auf die Entwicklung von Krebsmedikamenten.
Nach vollständiger Umsetzung des Programms könnten die jährlich wiederkehrenden Einsparungen laut BioNTech ab 2029 bei rund 500 Millionen Euro liegen. Das Unternehmen will die frei werdenden Mittel unter anderem für seine Onkologie-Pipeline einsetzen. BioNTech erklärt zudem, dass durch die geplante Konsolidierung weder die kommerzielle Versorgung noch klinische Programme oder bestehende vertragliche Verpflichtungen beeinträchtigt werden sollen.
Dass Veräußerungen grundsätzlich möglich sind, zeigt ein anderer Teil des Umbaus. Ende August vereinbarte BioNTech den Verkauf der Berliner Tochter JPT Peptide Technologies an einen von der Münchner DUBAG Group beratenen Fonds. Die Transaktion soll vorbehaltlich der üblichen Bedingungen noch 2026 abgeschlossen werden. Dieser Verkauf ist allerdings von der Zukunft der Werke in Marburg, Idar-Oberstein und Tübingen zu unterscheiden.
Für diese Standorte bleibt damit am 28. September der bisherige Stand bestehen: BioNTech prüft noch bis Ende des Monats mögliche Veräußerungen. Ein konkreter Käufer ist öffentlich nicht bestätigt. Sollte keine Verkaufs- oder andere Weiterführungslösung zustande kommen, gelten weiterhin die angekündigten Pläne zum Rückzug aus den Standorten.






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