Nach Tod einer Laborantin überwacht die EU die Lage in Sibirien

Ein Schild zeigt Warnung
Symbolbild mit KI erstellt

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Nach dem Tod einer Mitarbeiterin eines russischen Forschungsinstituts für Pestbekämpfung sorgen widersprüchliche Angaben über die Ursache für internationale Aufmerksamkeit. Russische Gesundheitsbehörden bestreiten, dass die Frau an Pest erkrankt war. Als Diagnose nennen sie eine Lungenentzündung unbekannter Ursache. Gleichzeitig wurden umfangreiche Vorsichtsmaßnahmen ergriffen und Kontaktpersonen medizinisch überwacht. Die Europäische Kommission erklärte am Montag, 5. Oktober, sie verfolge die Entwicklung eng und stehe dazu mit Fachleuten des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten, ECDC, in Kontakt.

Russische Behörde findet nach eigenen Angaben keinen Pesterreger

Die Mitarbeiterin war in Schelechow nahe der sibirischen Großstadt Irkutsk gestorben. Sie arbeitete für das Irkutsker Forschungsinstitut zur Pestbekämpfung für Sibirien und den Fernen Osten. Nach Angaben der russischen Gesundheitsbehörde Rospotrebnadsor ergaben umfangreiche Untersuchungen ihrer Proben keine Mikroorganismen, die mit ihrer beruflichen Tätigkeit in Verbindung gebracht werden konnten. Als Diagnose wurde eine Pneumonie unbekannter Ursache angegeben. Die Behörde bezeichnete die epidemiologische Situation in Irkutsk und Schelechow als stabil.

Auch Hinweise auf einen Zwischenfall beim Umgang mit gefährlichen Krankheitserregern seien bei einer Untersuchung des Instituts nicht festgestellt worden. Eine zusätzliche Expertenkommission, die auf Anordnung der Leiterin von Rospotrebnadsor, Anna Popowa, eingesetzt worden war, bestätigte nach Behördenangaben dieses Ergebnis. Damit widerspricht Rospotrebnadsor Berichten, wonach es möglicherweise zu einem Unfall im Labor gekommen sein könnte.

Bericht über zerbrochenes Reagenzglas bleibt unbestätigt

Der Lungenpest-Verdacht in Russland geht vor allem auf Berichte russischer Regionalmedien zurück. Demnach soll die Mitarbeiterin bei ihrer Arbeit möglicherweise ein Gefäß mit biologischem Material beschädigt haben. Für diese Darstellung lag bis Montagnachmittag keine unabhängige Bestätigung vor. Rospotrebnadsor erklärte ausdrücklich, bei der Überprüfung seien keine Unfälle beim Umgang mit pathogenen Mikroorganismen festgestellt worden.

Zusätzliche Aufmerksamkeit entstand durch zunächst widersprüchliche öffentliche Aussagen. Der Regierungschef der benachbarten Republik Burjatien hatte zeitweise einen möglichen Zusammenhang mit Pest erwähnt und seine Formulierung später abgeschwächt. Die Behörden der Region Irkutsk sprachen zunächst allgemein vom Verdacht auf eine besonders gefährliche Infektion. Gouverneur Igor Kobsjew erklärte bereits am 2. Oktober, sämtliche ermittelten Kontaktpersonen würden medizinisch überwacht und zeigten keine entsprechenden Krankheitssymptome.

Kontaktpersonen werden weiterhin medizinisch kontrolliert

Russische Behörden reagierten vorsorglich mit einem umfangreichen Maßnahmenpaket. Über die genaue Zahl der überwachten Personen gab es unterschiedliche Angaben. Mehrere Berichte nannten rund 200 mögliche Kontaktpersonen. Rospotrebnadsor bestätigte, dass ein möglichst großer Kreis von Kontaktpersonen ermittelt worden sei und diese unter medizinischer Beobachtung mit regelmäßigen Laboruntersuchungen stünden.

Bis zum Montag waren nach Behördenangaben keine Infektionskrankheiten festgestellt worden, die auf eine gefährliche Infektion im Zusammenhang mit dem Todesfall hindeuteten. Bei den Untersuchungen fanden die Behörden zwei Covid-19-Infektionen und zwei Fälle einer Rhinovirus-Infektion. Weitere Erreger seien nicht nachgewiesen worden. In Schelechow und Irkutsk galten zudem zeitweise Quarantäne- und Zugangsbeschränkungen in medizinischen Einrichtungen. Über deren genauen Umfang lagen unterschiedliche Angaben vor.

EU-Kommission steht wegen des Falls mit ECDC in Kontakt

Auch die Europäische Union beobachtet die Entwicklung. Eine Sprecherin der EU-Kommission bestätigte am Montag in Brüssel, dass der Kommission Berichte über einen möglichen Laborvorfall mit einem Pesterreger bekannt seien. Die Kommission stehe mit Fachleuten des ECDC in Verbindung und verfolge die Situation sehr genau. Informationen aus Russland würden unter anderem über die Weltgesundheitsorganisation eingeholt.

Die Kommission verwies zugleich auf die Bedeutung schneller und transparenter epidemiologischer und labormedizinischer Informationen für mögliche grenzüberschreitende Folgen. Konkrete zusätzliche Schutzmaßnahmen für die EU wurden am Montag nicht angekündigt. Die Kommission betonte außerdem, dass europäische Staaten über Antibiotikavorräte verfügten und die gesundheitliche Vorsorge seit der Corona-Pandemie ausgebaut worden sei. Zu konkreten Mengen europäischer Antibiotikareserven konnte sie allerdings keine Angaben machen.

Lungenpest kann übertragen werden, erfordert aber engen Kontakt

Pest wird durch das Bakterium Yersinia pestis verursacht. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation kommen mehrere Krankheitsformen vor. Besonders schwer kann die Lungenpest verlaufen. Erkrankte können den Erreger über infektiöse Atemwegspartikel an andere Menschen übertragen. Die Erkrankung entwickelt sich häufig schnell und kann ohne frühzeitige Behandlung lebensgefährlich sein. Antibiotika sind jedoch wirksam, wenn sie rechtzeitig eingesetzt werden.

Für eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist vor allem enger Kontakt mit einer an Lungenpest erkrankten Person relevant. Das ECDC beschreibt die primäre Lungenpest als seltene, aber schwere Form mit kurzer Inkubationszeit. Auch das Robert Koch-Institut geht davon aus, dass insbesondere Personen im unmittelbaren Umfeld einer symptomatischen erkrankten Person ein relevantes Expositionsrisiko haben.

Fachleute sehen derzeit kein hohes Ausbreitungsrisiko

Roman Wölfel, Leiter des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr, schätzt eine größere Ausbreitung selbst für den Fall, dass es sich tatsächlich um einen einzelnen Lungenpestfall gehandelt haben sollte, als eher unwahrscheinlich ein. Entscheidend seien der normalerweise erforderliche enge Kontakt und eine konsequente Überwachung möglicher Kontaktpersonen. Bis Montag waren keine bestätigten Sekundärfälle bekannt.

Auch für Deutschland ergibt sich daraus derzeit kein Hinweis auf eine konkrete Gefahr. Das Robert Koch-Institut bewertet das Risiko, dass eine mit Pest infizierte Person nach Deutschland einreist, grundsätzlich als gering. Für einen ansteckenden Lungenpestpatienten sei es wegen der kurzen Inkubationszeit noch geringer. Deutschland verfügt zudem über spezialisierte Strukturen für seltene hochpathogene Erkrankungen, mit denen importierte Einzelfälle erkannt, isoliert und behandelt werden können.

Damit bleibt die Ursache des Todesfalls in Sibirien offiziell eine Lungenentzündung unbekannter Herkunft. Eine bestätigte Pestinfektion oder ein bestätigter Pest-Ausbruch lagen bis zum Nachmittag des 5. Oktober nicht vor. Die vorsorglichen Maßnahmen und die internationale Beobachtung zeigen zugleich, dass Gesundheitsbehörden den Vorgang wegen der möglichen Folgen einer Lungenpest ernst nehmen.

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