
Der Autobauer Audi verschärft seinen Sparkurs und will bereits vereinbarte Regelungen zur Beschäftigungssicherung neu verhandeln. Vorstandschef Gernot Döllner kündigte am Donnerstag, 8. Oktober 2026, an, die sogenannte Schlechtwetterklausel zu aktivieren. Damit sollen Gespräche mit der Arbeitnehmervertretung über weitere Kostensenkungen und mögliche personelle Veränderungen beginnen. Für die Beschäftigten geht es auch um die bisherige Garantie, die betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2033 ausschließt. Ein zusätzlicher Stellenabbau ist bislang allerdings nicht beschlossen.
Bei einer Betriebsversammlung am Standort Neckarsulm erläuterte Döllner die Entscheidung des Unternehmens. Nach seinen Angaben haben sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erheblich verschlechtert. Deshalb wolle Audi möglichst schnell mit dem Betriebsrat über die weitere Ausrichtung des Unternehmens sprechen.
Die Schlechtwetterklausel ist Bestandteil einer bereits 2019 vereinbarten Regelung. Sie ermöglicht neue Verhandlungen, wenn sich wesentliche wirtschaftliche Voraussetzungen deutlich verändern. Audi hatte diesen Mechanismus bereits Ende 2024 genutzt. Daraus entstand im März 2025 eine umfassende Zukunftsvereinbarung.
Der erneute Sparkurs bei Audi bedeutet zunächst, dass bisherige Vereinbarungen wieder zur Diskussion stehen. Die Aktivierung der Klausel hebt die bestehenden Beschäftigungsgarantien nicht automatisch auf. Änderungen müssen zwischen den beteiligten Seiten ausgehandelt werden.
Audi hatte sich im März 2025 mit dem Gesamtbetriebsrat auf einen weitreichenden Personalumbau verständigt. Bis 2029 sollen bis zu 7.500 Stellen in Deutschland sozialverträglich abgebaut werden. Betroffen sind vor allem indirekte Bereiche, darunter Verwaltungs- und Organisationsaufgaben.
Der bereits beschlossene Stellenabbau soll schrittweise erfolgen. Zu den vorgesehenen Instrumenten gehören unter anderem Altersteilzeit und freiwillige Lösungen. Gleichzeitig verlängerten Unternehmensleitung und Arbeitnehmervertretung damals die Beschäftigungssicherung bis zum 31. Dezember 2033.
Ob über diesen vereinbarten Umfang hinaus weitere Stellen wegfallen sollen, ist gegenwärtig offen. Döllner erklärte laut Bayerischem Rundfunk am Donnerstag, dass es für einen zusätzlichen Abbau noch keine konkreten Zahlen und keinen festgelegten Zeitplan gebe. Zunächst sollen die Gespräche mit dem Betriebsrat beginnen.
Besonders angespannt ist die Situation am Standort Neckarsulm in Baden-Württemberg. Dort arbeiten rund 15.000 Menschen für Audi. Das Werk produziert unter anderem Fahrzeuge der Modellreihen A5, A6 und A8 und zählt zu den bedeutenden deutschen Produktionsstandorten des Unternehmens.
Im Rahmen des verschärften Sanierungskurses des Volkswagen-Konzerns steht auch die langfristige Zukunft des Werks zur Diskussion. Nach den im September bekannt gewordenen Vorgaben soll Neckarsulm bis Juni 2027 ein tragfähiges Konzept zur Senkung seiner Kosten vorlegen. Andernfalls könnte eine spätere Stilllegung drohen.
Dabei geht es insbesondere um die Produktionsperspektive ab 2034. Für diesen Zeitraum fehlt bislang eine gesicherte Anschlussbelegung mit ausreichendem Produktionsvolumen. Eine endgültige Entscheidung zur Schließung des Standorts liegt jedoch nicht vor.
An der Betriebsversammlung in Neckarsulm nahm auch Volkswagen-Chef Oliver Blume teil. Nach Angaben des Unternehmens verfolgten rund 5.000 Beschäftigte die Veranstaltung.
Blume verwies auf den tiefgreifenden Wandel der internationalen Automobilindustrie. Die Volkswagen-Gruppe müsse ihre Strukturen vereinfachen, Kosten reduzieren und gleichzeitig in neue Technologien investieren. Der Konzern wolle seine Produktionsstandorte langfristig wettbewerbsfähig machen.
Audi-Chef Döllner betonte ebenfalls, dass die Produktion in Deutschland dauerhaft wirtschaftlich tragfähig sein müsse. Entscheidende Ansatzpunkte seien Kosten, Qualität, Produktivität und schnellere Entscheidungen. Der Vorstand sieht deshalb weiteren Handlungsbedarf über die bereits beschlossenen Sparmaßnahmen hinaus.
Für Neckarsulm soll eine industrielle Perspektive entwickelt werden, die die vorhandenen Kompetenzen des Standorts berücksichtigt. Konkrete Zusagen über zusätzliche Fahrzeugmodelle oder neue Produktionsaufträge wurden bei der Versammlung nicht bekannt gegeben.
Die Arbeitnehmervertretung reagierte zurückhaltend auf die erneute Öffnung des Zukunftspakts. Der Betriebsrat will zunächst überprüfen, ob die Voraussetzungen für die Anwendung der Schlechtwetterklausel tatsächlich erfüllt sind.
Alexander Reinhart, Betriebsratsvorsitzender am Standort Neckarsulm, erklärte, dass eine entsprechende Prüfung bereits laufe. Falls die vertraglichen Bedingungen vorlägen, sei die Arbeitnehmerseite bereit, über die Zukunftsperspektive des Standorts zu sprechen.
Auch Gesamtbetriebsrat Jens Stammler forderte ein deutliches Bekenntnis zur langfristigen Zukunft von Neckarsulm. Der Betriebsrat erkennt den wirtschaftlichen Anpassungsbedarf grundsätzlich an, verlangt jedoch, dass neben Kostensenkungen auch Investitionen, technische Kompetenzen und neue Produktionsmöglichkeiten berücksichtigt werden.
Damit zeichnet sich eine schwierige Verhandlungsphase ab. Eine Einigung über zusätzliche Einsparungen, Veränderungen bei Arbeitsbedingungen oder einen möglichen weiteren Personalabbau gibt es bislang nicht.
Die verschärften Sparbemühungen fallen in eine Phase erheblicher Veränderungen auf den internationalen Automärkten. Insbesondere in China steht Audi unter starkem Wettbewerbsdruck durch heimische Automobilhersteller. Hinzu kommen zusätzliche US-Zölle und hohe Investitionen in neue Fahrzeugtechnologien.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen zeigen sich in den Geschäftszahlen des ersten Halbjahres 2026. Audi erzielte konzernweit einen Umsatz von rund 29,2 Milliarden Euro. Das entspricht einem Rückgang von 10,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Das operative Ergebnis erreichte dagegen rund 1,1 Milliarden Euro und lag damit leicht über dem Vorjahreswert.
Die operative Umsatzrendite stieg auf 3,8 Prozent. Trotz dieses Ergebnisanstiegs sieht das Unternehmen die Notwendigkeit, seine Kostenstrukturen weiter anzupassen. Besonders deutlich fiel der Absatzrückgang in China aus. Dort gingen die Auslieferungen der Marke Audi im ersten Halbjahr von rund 287.600 auf rund 232.200 Fahrzeuge zurück.
Die geplanten Verhandlungen betreffen nicht ausschließlich Neckarsulm. Auch der Stammsitz Ingolstadt steht unter dem Druck, Produktivität und Wirtschaftlichkeit zu verbessern.
Bereits mit der Zukunftsvereinbarung vom März 2025 hatten Vorstand und Gesamtbetriebsrat Maßnahmen für beide deutschen Standorte beschlossen. Dazu gehörten organisatorische Veränderungen, die Verringerung von Verwaltungskosten und Anpassungen bei variablen Vergütungsbestandteilen.
Die Vereinbarung sollte zugleich Planungssicherheit für Beschäftigte und Investitionen schaffen. Neben dem sozialverträglichen Stellenabbau waren deshalb auch Zusagen zur Weiterentwicklung der deutschen Werke vorgesehen.
Mit der erneuten Aktivierung der Schlechtwetterklausel werden nun auch die bisherigen wirtschaftlichen Grundlagen dieses Pakets überprüft. Welche Regelungen Audi verändern möchte und ob dies unterschiedliche Auswirkungen auf Ingolstadt und Neckarsulm haben wird, ist bislang nicht konkretisiert.
Der nächste Schritt sind Gespräche zwischen Unternehmensleitung und Arbeitnehmervertretung. Dabei dürfte die wirtschaftliche Entwicklung der deutschen Werke ebenso eine Rolle spielen wie die bisherigen Zusagen zur Beschäftigungssicherung.
Besonders weitreichende Folgen hätte eine Veränderung des Kündigungsschutzes. Bislang schließt die Zukunftsvereinbarung betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2033 aus. Ob und in welcher Form Audi diese Regelung verändern will, blieb zunächst offen.
Fest steht, dass der bereits vereinbarte Abbau von bis zu 7.500 Stellen weiterhin Teil der laufenden Umstrukturierung ist. Darüber hinausgehende Einschnitte sind weder zahlenmäßig festgelegt noch zwischen Vorstand und Betriebsrat vereinbart.
Für die Beschäftigten in Ingolstadt und Neckarsulm beginnt damit eine neue Phase der Unsicherheit. Gleichzeitig steht für Audi die Frage im Mittelpunkt, wie die deutschen Produktionsstandorte trotz steigenden internationalen Wettbewerbs langfristig wirtschaftlich betrieben werden können.
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