
Der deutsche Onlinehandel erlebt eine deutliche Veränderung: Die asiatischen Shoppingplattformen Shein, Temu und AliExpress haben im dritten Quartal 2026 erheblich weniger Umsatz erzielt. Nach einem Rekordwert im Frühjahr ist auch ihr gemeinsamer Marktanteil stark gesunken. Verantwortlich dafür sind nach Einschätzung des Branchenverbands bevh vor allem neue europäische Zollvorschriften. Allerdings profitieren deutsche Onlinehändler bislang kaum von der Entwicklung.
Die Umsätze von Shein, Temu und AliExpress in Deutschland sind zwischen Juli und September 2026 gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum um 35,5 Prozent zurückgegangen. Zusammen erzielten die drei Plattformen noch einen Umsatz von 566 Millionen Euro. Das geht aus aktuellen Zahlen des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel Deutschland (bevh) hervor, die am 8. Oktober veröffentlicht wurden.
Besonders auffällig ist die Entwicklung des Marktanteils. Im zweiten Quartal hatten die großen asiatischen Shoppingplattformen noch einen Anteil von 5,3 Prozent am deutschen Onlinehandel erreicht. Damals war dies ein neuer Höchstwert. Im dritten Quartal sank der Anteil nach Angaben des Verbandes auf 3,1 Prozent.
Damit hat sich die Marktsituation innerhalb weniger Monate erheblich verändert. Noch zur Jahresmitte hatten asiatische Plattformen ihre Umsätze im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 20 Prozent steigern können. Nun verzeichnet die Branche erstmals einen deutlichen Rückschlag.
Als wesentlichen Grund für die Umsatzverluste nennt der bevh die seit Juli geltenden europäischen Zollvorschriften. Die Europäische Union hat die bisherige Zollbefreiung für Warensendungen mit einem Wert von höchstens 150 Euro aus Drittstaaten abgeschafft.
Seit dem 1. Juli 2026 wird für entsprechende Kleinsendungen grundsätzlich ein pauschaler Zoll von drei Euro je Warenkategorie erhoben. Entscheidend ist dabei die jeweilige Zolltarifposition. Enthält eine Sendung unterschiedliche Warengruppen, können mehrere Zollbeträge anfallen.
Die Regelung betrifft nicht ausschließlich chinesische Handelsplattformen, sondern grundsätzlich entsprechende Einfuhren aus allen Ländern außerhalb der Europäischen Union. Besonders relevant ist sie allerdings für Anbieter, deren Geschäftsmodell stark auf günstigen Produkten und dem direkten Versand kleiner Bestellungen basiert.
Nach Einschätzung des bevh erhöhen die neuen Abgaben den Kostendruck bei preiswerten Importartikeln erheblich. Ob und in welchem Umfang die Unternehmen diese zusätzlichen Kosten an ihre Kunden weitergeben, lässt sich aus den veröffentlichten Umsatzzahlen nicht ablesen.
Die Zollabgabe soll zunächst bis zum 1. Juli 2028 gelten. Anschließend ist die Anwendung regulärer Zollsätze im Rahmen des reformierten europäischen Zollsystems vorgesehen.
Die Europäische Union bereitet außerdem eine zusätzliche Bearbeitungsgebühr für eingeführte Waren aus dem Onlinehandel vor. Damit sollen unter anderem die Kosten für Zollkontrollen, Datenprüfungen und die Überwachung des Warenverkehrs finanziert werden.
Die Europäische Kommission hat die Höhe der geplanten Gebühr auf zwei Euro je Warenposition festgelegt. Sie soll voraussichtlich ab November 2026 erhoben werden. Der entsprechende Rechtsakt befand sich Anfang Oktober noch im Prüfverfahren.
Anders als der vorübergehende Pauschalzoll soll diese Bearbeitungsgebühr auch für bestimmte Fernverkaufssendungen mit einem Wert von mehr als 150 Euro gelten.
Für Verbraucher bedeutet das nicht automatisch, dass sie die Abgaben bei der Zustellung eines Pakets gesondert bezahlen müssen. Die europäischen Vorschriften sehen grundsätzlich die Verantwortung der beteiligten Händler, Plattformen beziehungsweise Einführer für die Zollabwicklung vor. Eine mögliche Einrechnung der Kosten in Verkaufspreise bleibt davon unberührt.
Obwohl Shein, Temu und AliExpress deutlich an Umsatz verloren haben, zeichnet sich bislang keine entsprechende Verlagerung der Ausgaben zu deutschen Anbietern ab. Darauf weist der bevh ausdrücklich hin.
Die geringeren Umsätze der asiatischen Plattformen haben demnach nicht dazu geführt, dass heimische Händler in vergleichbarem Umfang zusätzliche Verkäufe erzielen konnten. Gleichzeitig schwächt sich die Nachfrage im gesamten Onlinehandel ab.
Das ist für den Wettbewerb von Bedeutung. Die neuen Zollvorschriften sollen Nachteile europäischer Händler gegenüber günstigen Importangeboten verringern. Ein Rückgang der asiatischen Konkurrenz führt aber nicht zwangsläufig zu steigenden Umsätzen anderer Anbieter.
Der bevh fordert deshalb weitere europäische Maßnahmen. Neben Zollabgaben seien stärkere Marktüberwachungsbehörden und eine konsequente Durchsetzung bestehender Vorschriften notwendig. Dabei geht es insbesondere um die Kontrolle eingeführter Produkte und einheitliche Wettbewerbsbedingungen.
Die Entwicklung der asiatischen Plattformen fällt in eine Phase zunehmender Kaufzurückhaltung. Nach Angaben des bevh erzielte der deutsche Onlinehandel mit Waren im dritten Quartal 2026 einen Umsatz von rund 18,5 Milliarden Euro. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht das einem nominalen Wachstum von 2,9 Prozent.
Im zweiten Quartal hatte die Branche noch ein Plus von 5,1 Prozent erreicht. Die Wachstumsrate hat sich damit deutlich abgeschwächt. Der Verband verweist unter anderem auf steigende Energiepreise und zurückgehende Einkommenserwartungen.
Allerdings entwickeln sich die einzelnen Produktbereiche unterschiedlich. Während der Onlinehandel mit Medikamenten um 15,4 Prozent zulegte, verzeichneten Drogerieartikel ein Wachstum von 14,3 Prozent. Auch Lebensmittel wurden häufiger online gekauft. Hier stieg der Umsatz um 9,1 Prozent.
Im Modehandel gab es ebenfalls Zuwächse. Bei Bekleidung stiegen die Onlineumsätze um 4,9 Prozent, bei Schuhen um 6,4 Prozent. Rückläufig entwickelten sich dagegen die Bereiche Elektronik und Telekommunikation mit einem Minus von 4,6 Prozent sowie Möbel, Lampen und Dekoration mit einem Rückgang um 5,2 Prozent.
Die Zahlen verdeutlichen, dass die Nachfrage nach Produkten des täglichen Bedarfs weiterhin wächst, während größere Anschaffungen häufiger zurückgestellt werden.
Für die asiatischen Shoppingplattformen stellt das dritte Quartal 2026 eine deutliche Veränderung gegenüber den Vorquartalen dar. Noch im Sommer hatte der bevh auf die zunehmende Bedeutung der Anbieter hingewiesen. Im Online-Modehandel entfielen damals bereits mehr als 16 Prozent der Bestellungen auf asiatische Plattformen.
Die neuen Zahlen zeigen nun, dass dieses Wachstum zumindest in Deutschland unterbrochen wurde. Allerdings handelt es sich bei den 566 Millionen Euro um einen gemeinsamen Umsatzwert. Eine getrennte Entwicklung für Shein, Temu und AliExpress lässt sich daraus nicht ableiten.
Grundlage der Ergebnisse ist eine regelmäßige Verbraucherbefragung zum Einkaufsverhalten in Deutschland. Für die Untersuchung werden über das Jahr insgesamt rund 40.000 Menschen ab 14 Jahren befragt. Die aktuellen Quartalszahlen beziehen sich auf den Zeitraum vom 1. Juli bis zum 30. September 2026.
Wie dauerhaft der Rückgang ausfällt, ist damit noch offen. Fest steht jedoch, dass sich der deutsche Onlinehandel im dritten Quartal langsamer entwickelt hat und die großen asiatischen Plattformen erheblich an Marktanteilen verloren haben.
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