Knorr-Bremse-Chef warnt vor industriellem Abstieg Europas und fordert neue Regeln für China

Aktienhandel: Kurstafel mit Kursverläufen an der Börse
Quelle: Pixabay, sergeitokmakov

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Knorr-Bremse-Chef Marc Llistosella fordert einen grundlegenden Kurswechsel im Handel mit China. Der Vorstandsvorsitzende des Münchner Industriekonzerns sieht Europas Wettbewerbsfähigkeit langfristig bedroht und verlangt eine Wirtschaftspolitik, die Investitionen aus China stärker mit europäischer Produktion und Technologietransfer verbindet. In einem Interview mit dem Magazin Politico, das am Dienstag, 3. November 2026, auch von WELT veröffentlicht wurde, warnte er vor einem weitreichenden Bedeutungsverlust der europäischen Industrie innerhalb der kommenden 15 Jahre.

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Knorr-Bremse-Chef fordert neue Bedingungen für chinesische Investitionen

Nach Auffassung von Llistosella reagiert Europa bislang unzureichend auf die wachsende Konkurrenz aus China. Die Europäische Union müsse ihre wirtschaftlichen Interessen entschlossener vertreten, zugleich aber offen für chinesische Investitionen bleiben.

Ein zentraler Vorschlag betrifft die Förderung von Elektroautos. Llistosella fordert, öffentliche Subventionen an einen lokalen Wertschöpfungsanteil von 80 Prozent zu knüpfen. Dabei müsse auch die Batterie berücksichtigt werden. Chinesische Hersteller sollten damit einen stärkeren Anreiz erhalten, ihre Fahrzeuge und wichtige Komponenten innerhalb Europas zu produzieren.

Darüber hinaus spricht sich der Manager für gemeinsame Unternehmen europäischer und chinesischer Partner aus. Solche Joint Ventures sollten nach seiner Vorstellung den Technologietransfer nach Europa ermöglichen. Er verweist darauf, dass europäische Unternehmen beim Aufbau ihrer Geschäfte in China über Jahrzehnte ebenfalls mit entsprechenden Anforderungen konfrontiert gewesen seien.

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Eine umfassende Abschottung des europäischen Marktes lehnt Llistosella allerdings ab. Zölle müssten aus seiner Sicht gezielt eingesetzt werden. Allgemeine Handelsbarrieren könnten dazu führen, dass sich europäische Unternehmen weniger intensiv mit ihrer eigenen Wettbewerbsfähigkeit beschäftigten.

Chinesische Hersteller könnten den europäischen Lkw-Markt verändern

Besondere Veränderungen erwartet der Vorstandschef im europäischen Nutzfahrzeuggeschäft. Nach seiner Einschätzung könnten chinesische Hersteller innerhalb der kommenden drei bis fünf Jahre deutlich stärker auf dem europäischen Lkw-Markt auftreten.

Dabei sieht er insbesondere Osteuropa als möglichen Ausgangspunkt für zusätzliche Produktionsstandorte chinesischer Unternehmen. Eine dortige Fertigung könnte den Herstellern den Zugang zum europäischen Markt erleichtern.

Als Beispiel für bereits veränderte Wettbewerbsverhältnisse nennt Llistosella elektrische Stadtbusse. In diesem Segment seien chinesische Anbieter bereits auf dem europäischen Markt präsent.

Für die etablierten europäischen Nutzfahrzeughersteller würde eine stärkere chinesische Konkurrenz zusätzlichen Anpassungsdruck bedeuten. Auch Zulieferer wie Knorr-Bremse könnten von einer veränderten Herstellerlandschaft betroffen sein.

Knorr-Bremse verzeichnet steigende Umsätze und Gewinne

Die Warnungen des Managers fallen in eine Phase, in der sein eigener Konzern wirtschaftlich deutlich bessere Ergebnisse erzielt.

Knorr-Bremse gehört zu den weltweit führenden Herstellern von Bremssystemen für Schienen- und Nutzfahrzeuge. Das Unternehmen mit Sitz in München entwickelt und produziert darüber hinaus weitere technische Systeme für Züge, Lastwagen und Busse. Llistosella steht seit Januar 2023 an der Spitze des Konzerns.

Nach den am 28. Oktober veröffentlichten Geschäftszahlen stieg der Konzernumsatz im dritten Quartal 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um neun Prozent auf 2,05 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis vor Zinsen und Steuern, das operative EBIT, verbesserte sich um 19,1 Prozent auf 299 Millionen Euro.

Auch die Nachfrage entwickelte sich positiv. Der Auftragseingang erreichte im dritten Quartal rund 2,05 Milliarden Euro. Zum 30. September lag der Auftragsbestand bei 7,88 Milliarden Euro.

Für das Gesamtjahr 2026 erwartet Knorr-Bremse weiterhin einen Umsatz zwischen 8,1 und 8,3 Milliarden Euro. Bei Umsatz und freiem Cashflow rechnet das Unternehmen mit Ergebnissen am oberen Ende seiner bisherigen Prognosespannen.

Die aktuellen Geschäftszahlen zeigen damit eine positive Entwicklung bei Knorr-Bremse. Llistosellas Warnung richtet sich vor allem auf die langfristigen Wettbewerbsbedingungen der europäischen Industrie.

EU arbeitet bereits an neuen Regeln für ihre Industrie

Die Forderungen des Managers treffen auf eine europäische Handelspolitik, die sich zunehmend mit den Folgen staatlicher Industriepolitik, ausländischer Subventionen und wirtschaftlicher Abhängigkeiten beschäftigt.

Bereits seit Ende Oktober 2024 erhebt die Europäische Union zusätzliche Ausgleichszölle auf bestimmte batterieelektrische Fahrzeuge aus China. Grundlage ist eine Untersuchung der Europäischen Kommission zu staatlichen Subventionen. Die zusätzlichen Zollsätze unterscheiden sich je nach Hersteller und reichen grundsätzlich von 7,8 bis 35,3 Prozent.

Parallel dazu verfolgt die EU das Ziel, industrielle Wertschöpfung stärker innerhalb Europas zu halten.

Am 4. März 2026 legte die Europäische Kommission ihren Vorschlag für den sogenannten Industrial Accelerator Act vor. Dieser sieht unter anderem zusätzliche Anforderungen an europäische Produktionsanteile bei bestimmten öffentlichen Beschaffungen und Förderprogrammen vor.

Auch größere ausländische Investitionen in strategischen Industriezweigen sollen unter bestimmten Voraussetzungen stärker an Beschäftigung, lokale Wertschöpfung und Technologietransfer gebunden werden.

Der Gesetzentwurf befindet sich noch im europäischen Gesetzgebungsverfahren. Die von Llistosella geforderte pauschale 80-Prozent-Grenze für geförderte Elektroautos ist keine geltende EU-Vorschrift.

Europas Handelsdefizit mit China bleibt erheblich

Wie eng die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europa und China inzwischen sind, verdeutlichen die Außenhandelszahlen.

Nach Angaben des europäischen Statistikamtes Eurostat importierte die EU im Jahr 2025 Waren im Wert von 559,4 Milliarden Euro aus China. Die europäischen Warenexporte nach China erreichten dagegen 199,6 Milliarden Euro. Daraus ergab sich ein Handelsdefizit von 359,8 Milliarden Euro.

Auch im zweiten Quartal 2026 blieb China der wichtigste Warenlieferant der Europäischen Union. Auf das Land entfielen 21,9 Prozent aller EU-Warenimporte aus Staaten außerhalb der Gemeinschaft.

Gleichzeitig setzen beide Seiten ihre handelspolitischen Gespräche fort. Bei Konsultationen am 8. und 9. Oktober 2026 in Peking verständigten sich Vertreter der EU und Chinas darauf, bestehende Differenzen weiter zu bearbeiten und auf ausgewogenere Wirtschaftsbeziehungen hinzuarbeiten.

Llistosellas Vorschläge setzen genau an diesem Spannungsverhältnis an. Er fordert keine vollständige Abkehr vom Handel mit China, sondern Bedingungen, unter denen Europa stärker von chinesischen Investitionen profitieren und eigene industrielle Fähigkeiten erhalten soll.

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