
Wochen vor dem prestigeträchtigen Turnier der Sieger tauchten in der Münsteraner Innenstadt Plakate mit einem einzigen Wort auf: „Abgesagt“. Sie waren gefälscht, von Tierrechtsaktivisten über die echten Aushänge geklebt, um den Eindruck zu erwecken, das traditionsreiche Turnier finde nicht statt. Tatsächlich fand es sehr wohl statt, nur trug es 2025 zum ersten Mal einen anderen Namen.
Seit 1955 wird auf dem Münsteraner Schlossplatz geritten, vor historischer Kulisse und mit Tausenden Zuschauern. Inzwischen heißt das Turnier Al Shira’aa Turnier der Sieger, und sein Namensgeber sitzt nicht in Westfalen, sondern in Abu Dhabi.
Hinter Al Shira’aa steht ein Gestüt der Herrscherfamilie Al Nahyan, gegründet von Sheikha Fatima bint Hazza bin Zayed Al Nahyan, einer Enkelin des Staatsgründers Zayed und Nichte des heutigen Herrschers von Abu Dhabi, Mohammed bin Zayed. Sie unterhält Zucht- und Ausbildungsställe in Spanien, Irland und Großbritannien und sponsert ein wachsendes Netz internationaler Turniere. Seit 2025 gehört Münster dazu, ebenso das Hamburger Spring- und Dressur-Derby, bei dem Al Shira’aa nach dem Rückzug des Sponsors Darboven einsprang.
Für viele in der Szene ist das eine gute Nachricht. Ohne solche Geldgeber stünden traditionsreiche Turniere finanziell auf der Kippe. Genau das macht das Engagement aber auch angreifbar: Wer mehrere zentrale Veranstaltungen erheblichen Summen absichert, gewinnt Einfluss, ob er will oder nicht.
Am deutlichsten zeigt sich das in Warendorf. Die Bundeschampionate, das wichtigste Nachwuchsturnier des deutschen Pferdesports, tragen seit 2025 den Namenszusatz Al Shira’aa, Sheikha Fatima ist Ehrenpräsidentin. FN-Präsident Martin Richenhagen warb offensiv für die Partnerschaft: Niemand stemme ein Event dieser Größe allein, und Al Shira’aa würdige „das Kulturgut Pferd seit Jahren mit tiefem Respekt“. Sheikha Fatima selbst formuliert ihren Anspruch fast selbstbewusst. Der Pferdesport, sagt sie, müsse „den Menschen gehören, nicht dem Profit“.
Offiziell ist Al Shira’aa nur ein externer Partner der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, in keinem Gremium vertreten. Doch ohne das Geld aus Abu Dhabi wäre die Nachwuchsveranstaltung kaum zu halten gewesen. Abhängigkeit entsteht hier nicht über Posten, sondern über Budgets.
Die sportlichen Wurzeln der Familie liegen im Distanzreiten, dem Nationalsport der Emirate. Bei Championaten legen die Pferde bis zu 160 Kilometer an einem Tag zurück, eine Disziplin, die Tierschützer wegen Dehydrierung, Lahmheiten und Todesfällen seit Jahren scharf kritisieren. Der Ruf hat zusätzlich unter Dopingfällen gelitten: Sheikh Hazza bin Sultan bin Zayed Al Nahyan, ein Mitglied der weitverzweigten Familie, wurde nach einem positiven Test 2012 gesperrt; der Internationale Sportgerichtshof CAS reduzierte die Sperre später auf 18 Monate.
Vor diesem Hintergrund ist der Schwerpunkt von Al Shira’aa auf Springen und Dressur kein Zufall. Sheikha Fatima betont „Clean Sport“ und pferdefreundliche Ausbildung, in den eigenen Ställen sollen Ausritte, Cavaletti-Arbeit und Ruhezeiten den Druck ersetzen. Wohlwollend gelesen ist das eine Abkehr von einer belasteten Tradition. Skeptisch gelesen ist es der Versuch, ein beschädigtes Image über die prestigeträchtigeren Disziplinen zu reparieren.
Nur ist auch die Dressur kein unverdächtiges Terrain. Die Rollkur, das extreme Einrollen des Pferdehalses, gilt als tierschutzwidrig. Eine Metaanalyse von 58 Studien, 2024 in der Fachzeitschrift Scientific Reports (Nature-Portfolio) erschienen, kam zu dem Schluss, dass diese Haltung dem Pferd schadet, unabhängig davon, wie und wie lange sie erzwungen wird.
Wie groß der Widerstand werden kann, zeigte 2025 die Falsterbo Horse Show. Erst im Februar hatte das schwedische Traditionsturnier einen Sechsjahresvertrag mit Al Shira’aa geschlossen, einen Monat später war er wieder gekündigt. Kritiker warfen „Sportswashing“ vor und verwiesen auf die Menschenrechtslage in den Emiraten. Jana Wannius, Vorsitzende des Organisationskomitees, begründete den Ausstieg nicht mit dem Sponsor selbst, sondern mit dem Klima drumherum: Hass und Drohungen gegen Al Shira’aa, gegen Sheikha Fatima und gegen ihre Mitarbeiter seien „jenseits aller Vernunft“ gewesen.
In Deutschland wird dieselbe Debatte leiser geführt. Das liegt auch daran, dass hier ohne diese Gelder wichtige Turniere kaum überleben würden, und es schwerer fällt, eine Hand zu kritisieren, die einen gerade trägt.
Ein Vorbild gibt es bereits: Mit Prinzessin Haya von Jordanien stand von 2006 bis 2014 eine arabische Royal an der Spitze des Weltreiterverbandes FEI. Sheikha Fatima dementiert eigene Ambitionen, doch jede Föderation, die von ihrem Geld profitiert, könnte bei FEI-Abstimmungen wohlwollend reagieren. Schon heute gilt sie als Machtfaktor im internationalen Reitsport, ganz ohne Amt.
Bleibt für den deutschen Pferdesport eine Frage, die das Münsteraner Turnier nur stellvertretend stellt: Wie viel fremdes Geld verträgt ein Sport, der ohne dieses Geld nicht mehr sein eigenes wäre?
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