
Münster. Nicholas Müller ist Eifler. Aber wenn der Sänger von Jupiter Jones heute von Zuhause spricht, spielt Münster eine ziemlich große Rolle. Dabei hatte er die Stadt ursprünglich überhaupt nicht auf dem Plan. „Ich bin zu Münster wie die Jungfrau zum Kinde gekommen“, sagt Müller im Gespräch mit unserer Redaktion. Inzwischen lebt er seit vielen Jahren hier, verbindet zahlreiche seiner Songs mit Orten in der Stadt – und verrät eine Geschichte, die selbst viele langjährige Jupiter-Jones-Fans nicht kennen dürften: Der Titel „Komm bloß nicht nach Bad Bentheim“ entstand nicht in Bad Bentheim, sondern vor einer Kneipe in Münster.
Dass Müller überhaupt hier landete, hat einen traurigen Hintergrund. Krankheiten hätten seine Familie damals stark dezimiert, erzählt er. Das Elternhaus in der Eifel sei irgendwann zu groß gewesen und musste verkauft werden. Müller, der zu dieser Zeit längst mit Jupiter Jones Musik machte, kam schließlich für ein Praktikum zu SPARTA Booking nach Münster. Die Agentur sitzt bis heute in der Stadt. Müller zog an die Scharnhorststraße – und blieb hängen. „Ich mag Münster echt gerne“, sagt er. Aus dem eher zufälligen Zwischenstopp wurde eine Wahlheimat.
Ein ausdrückliches Lied für Münster gibt es von Jupiter Jones trotzdem nicht. Für seine Herkunftsregion Eifel steht eher „Eine Landjugend“, ein Song aus den früheren Jahren der Band. Münster findet sich subtiler in Müllers Texten. In „Anderthalb Sommer“ singt er etwa: „Und in Münster gibt es Regen“. Viel wichtiger seien für ihn jedoch die persönlichen Landkarten hinter den Liedern: Bei vielen Songs wisse er noch genau, an welchem Ort in Münster ihm eine Idee gekommen sei.
Die vielleicht beste dieser Geschichten führt in die frühere Pipeline an der Aegidiistraße. Müller arbeitete dort zeitweise. Gegenüber befand sich das Gasolin. Dass beide Läden eng miteinander verbunden waren, ist keine verklärte Erinnerung: Die heutige Pipeline Gastronomie erinnert selbst an ihre erste Bar an der Aegidiistraße und die damaligen „Street-Crossing-Parties“ mit dem Gasolin gegenüber. Regelmäßig sei dort ein obdachloser Mann vorbeigekommen, erzählt Müller. Besonders gut habe der ihn offenbar nicht leiden können. Durch das offene Fenster habe er Müller immer wieder beschimpft. Eines Tages kam dann ein Satz, der hängen blieb: „Und du, komm bloß nicht nach Bad Bentheim!“
Warum ausgerechnet Bad Bentheim? Müller weiß es selbst nicht. Aber aus dem Zuruf wurde später der Titel „Komm bloß nicht nach Bad Bentheim“. Auch das vermeintliche Rätsel um „Hein“, die Figur des Songs, löst Müller im Gespräch auf: Den Namen habe er dem Mann für das Lied gegeben. Jahre später bekam die Geschichte noch eine Pointe. Jupiter Jones wurden tatsächlich nach Bad Bentheim eingeladen – und durften sich dort ins Goldene Buch eintragen. Müller bezeichnet sich deshalb heute augenzwinkernd als „Grafschaftsprominenz“.
Solche Geschichten stammen aus einer Zeit, in der Jupiter Jones musikalisch noch deutlich stärker in der Punkrock- und Indie-Szene verortet wurden. Müller selbst hat mit Schubladen allerdings wenig am Hut. Popmusik sei für ihn ein guter Begriff – gerade weil er so unspezifisch sei. Er habe privat schließlich auch nie ausschließlich Musik aus einer bestimmten Sparte gehört, nur weil er sich einer Szene zugehörig fühlte.
Dass nicht alle frühen Fans jede Entwicklung der Band mitgehen wollten, kann er nachvollziehen. Wenn jemand sage, das, was nach 2011 oder 2012 gekommen sei, sei einfach nicht mehr „mein Schnack“, sei das völlig legitim. An einem anderen Vorwurf stört er sich allerdings bis heute: Jupiter Jones hätten sich mit dem zunehmenden Erfolg irgendwie „verkauft“. Gerade nach „Still“ wurde diese Diskussion geführt. Der Song machte die Band 2011 weit über ihre bisherige Hörerschaft hinaus bekannt. Alte Fans fanden teilweise andere Lieder besser, während Menschen, die Jupiter Jones nur aus dem Radio kannten, bei Konzerten plötzlich auf eine wesentlich lautere Band trafen.
Für Müller ist diese Trennung zwischen vermeintlich ehrlichem Punk und verdächtigem Pop ohnehin künstlich. Seine musikalischen Einflüsse seien immer breit gewesen. Auch die Vorstellung, ein guter Song müsse etwas vollkommen Neues erfinden, betrachtet er gelassen. Im Gespräch verweist er auf eine David Bowie zugeschriebene Haltung: Lieber gute Einflüsse aufnehmen, als auf Biegen und Brechen Originalität zu behaupten. Entscheidend sei, was man daraus macht.
Deutlicher verändert als sein Verhältnis zu Genres hat sich Müllers Schreiben. Frühe Jupiter-Jones-Texte konnten verschachtelt sein, voller Figuren, Bilder und Anspielungen. Heute verfolgt er einen klareren Ansatz. „Es ist wichtig, verstanden zu werden. Klarheit habe ich gefunden und die gebe ich mit“, sagt er.
Das ist auch beruflich ein Thema für ihn geworden. Müller vermittelt inzwischen selbst Song- und Textwriting. An der Popakademie in Mannheim gehört er zu den Dozenten im Bereich Songwriting; daneben arbeitet er an weiteren Hochschulen und Musikprogrammen. Dass Texte heute unmittelbarer verständlich sein sollen, bedeutet für ihn aber nicht, dass sie einfache Botschaften liefern müssen. Im Gegenteil.
Das zeigt sich, als es um zwei ältere Jupiter-Jones-Titel geht: „Kopf hoch & Arsch in den Sattel“ und „Rennen + Stolpern“. Der erste klingt nach Durchhalteparole, der zweite räumt bereits im Titel das Scheitern ein. Einen Zwangsoptimismus habe er jedoch nie verbreiten wollen, sagt Müller. Es müsse nicht hinter jedem schlimmen Erlebnis irgendein höherer Sinn stecken. Wenn seine Mutter sterbe, dann gebe es darin für ihn keinen Sinn, der später entdeckt werden müsse.
Stattdessen geht es ihm heute um einen anderen Gedanken: sanft mit sich selbst zu sein. Niemand müsse immer funktionieren. Wenn man einmal nicht gut genug performt habe oder sich zumindest so fühle, dann dürfe das auch einfach in Ordnung sein.
Kaum ein Song führt diesen Gedanken so deutlich vor Augen wie „Still“. Müller verarbeitete darin den Tod seiner Mutter. Ausgerechnet aus einer der schlimmsten Erfahrungen seines Lebens entstand später der größte Erfolg der Band.
Müller beschreibt das heute als großes Glück: Aus einer „riesigen Scheiße“ sei etwas Gutes entstanden. Die eigene tiefe Trauer habe einen Song hervorgebracht, in dem offenbar sehr viele Menschen Platz für ihre eigenen Erfahrungen finden. Entscheidend ist auch hier die Unterscheidung: Dass aus dem Verlust später etwas Wertvolles entstand, gibt dem Verlust selbst für Müller noch lange keinen tieferen Sinn.
Endlichkeit beschäftigt ihn entsprechend nicht erst, seit er älter geworden ist. Sie war früh Teil seines Lebens und seiner Texte. Auf dem aktuellen Album „Ich trag den Sarg, Du trägst was Buntes“ zieht sich das Thema erneut durch mehrere Stücke. Der Platte gelang Anfang August der Einstieg auf Platz zwei der deutschen Albumcharts. Müller selbst begegnet dem Thema Tod inzwischen auch mit schwarzem Humor: Endlichkeit dürfe seiner Ansicht nach gerne „eine Option“ sein. Überraschungen möge er durchaus – aber nicht diese.
Dass Jupiter Jones dabei nicht nur persönliche Themen verarbeiten, betont Müller ebenfalls. Er bezeichnet die Gruppe als politische Band mit Haltung. Im neuen Song „Euren Töchtern geht es gut“ geht es unter anderem um Geschlechterrollen und Ungleichbehandlung. Müller will dabei ausdrücklich nicht den Eindruck vermitteln, er habe feministische Themen erst entdeckt, weil er selbst Vater einer Tochter ist. Er sei in einem stark von Frauen geprägten Umfeld aufgewachsen. Für ihn gebe es keinen Grund, Menschen wegen unterschiedlicher Geschlechtsteile unterschiedliche Möglichkeiten oder Wertigkeiten zuzuschreiben. Gleichzeitig haben Jupiter Jones für den Song bewusst Finna und Liser dazugeholt – auch weil Müller und Sascha Eigner bestimmte Erfahrungen als Männer nicht selbst erzählen können.
Auch über seine Angststörung spricht Müller weiterhin offen. Sie war 2014 der Grund, warum er Jupiter Jones verlassen musste. Heute gehe es ihm deutlich besser. Panikattacken seien selten geworden und bestimmten seinen Alltag nicht mehr.
Dass das Thema trotzdem bis heute in Interviews auftaucht, nervt ihn nicht. Er hält es weiterhin für wichtig, darüber zu sprechen – auch weil psychische Probleme aus seiner Sicht gesellschaftlich eher noch größere Bedeutung bekommen werden. Am 11. September ist Müller mit seiner Lesung „Ich bin mal eben wieder tot“ in Steinfurt zu Gast. Der Termin wird vom DRK-Kreisverband Steinfurt in Kooperation mit dem KulturForumSteinfurt veranstaltet.
Dass er heute wieder mit Jupiter Jones auf Tour gehen kann, hat aber nicht nur mit seinem eigenen Umgang mit der Erkrankung zu tun. Auch zwischen ihm und Sascha Eigner musste sich etwas verändern. Für die Reunion hätten erst einmal „Befindlichkeiten schwinden“ müssen, sagt Müller. Beide achteten heute besser auf sich selbst – und vielleicht seien auch die Egos kleiner geworden.
Wie groß der Unterschied zu den ersten Bandjahren ist, zeigt sich vielleicht am schönsten beim Tourleben. Früher ging es im Neunsitzer-Bulli von Konzert zu Konzert. Der Schlafsack gehörte zur Ausstattung, geschlafen wurde im Zweifel sogar auf der Bühne. Heute nimmt Nicholas Müller ein orthopädisches Kissen mit.
Auch nach den Konzerten ist der Anspruch ein anderer geworden. „Ich bin froh, wenn ich danach kurz komplett in Ruhe gelassen werde“, sagt Müller. Ein bisschen Rock’n’Roll ist also offenbar auch die Kunst, irgendwann rechtzeitig ins Bett zu gehen.
Die nächste Tour beginnt am 18. September in der Music Hall in Worpswede. Den Ort haben Jupiter Jones bewusst gewählt: Müller erzählt, die Band habe sich in den Club verliebt, dort bereits eine Unplugged-Show gespielt und wolle in Worpswede nun auch den Bühnenauftritt für die Tour einrichten und proben. Der Termin ist im offiziellen Tourplan bestätigt. Fünf Tage später folgt das Heimspiel: Am 23. September stehen Jupiter Jones in der Sputnikhalle in Münster auf der Bühne, Einlass ist um 19 Uhr, Konzertbeginn um 20 Uhr.
Und Münster könnte für Müller künftig sogar noch ein bisschen mehr Heimat werden. Als wir mit ihm sprechen, ist er gerade unterwegs zu einer Immobilienbesichtigung im Stadtgebiet. Mehr will er daraus gar nicht machen – und mehr muss die Geschichte auch nicht hergeben. Schließlich ist längst klar, dass Nicholas Müller in Münster nicht nur irgendwann zufällig gelandet ist.
Er ist geblieben.
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