
Paderborn/Münster. Ein unscheinbarer Erdklumpen aus einer alten Latrine hat sich als außergewöhnlicher Fund entpuppt: In Paderborn ist bei archäologischen Arbeiten ein rund 700 bis 800 Jahre altes Notizbuch entdeckt worden. Das kleine Buch aus Leder, Holz und Wachs stammt vermutlich aus dem 13. oder 14. Jahrhundert und wird derzeit bei der LWL-Archäologie in Münster restauriert.
Der Fund gilt als besonders selten, weil das mittelalterliche Notizbuch außergewöhnlich vollständig erhalten ist. Nach Angaben des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe ist ein vergleichbares Stück in dieser Form bislang in Nordrhein-Westfalen nicht bekannt. Nach der Konservierung soll der schwer lesbare Text mit modernen Methoden entschlüsselt werden.
Entdeckt wurde das Notizbuch im Zuge der Bauarbeiten für den Neubau der Stadtverwaltung Paderborn. Das Areal liegt in einem historisch sensiblen Bereich nahe dem früheren Kloster Abdinghof. Seit Dezember 2024 begleiten archäologische Untersuchungen das Großprojekt.
Bei den Arbeiten stießen die Fachleute auf mehrere mittelalterliche Latrinen. Gerade solche geschlossenen, feuchten und luftarmen Bodenbereiche können für die Archäologie wertvoll sein, weil organische Materialien dort über Jahrhunderte erhalten bleiben. Aus einer dieser Latrinen wurde schließlich das kleine Wachstafelbuch geborgen.
So ungewöhnlich der Fundort klingt, so entscheidend war er für den Erhalt des Buches. Das feuchte und nahezu luftdichte Milieu verhinderte, dass Leder, Holz und Wachs vollständig zerfielen. Auch die Innenseiten blieben offenbar so fest geschlossen, dass kaum Schmutz eindringen konnte.
Das Notizbuch besteht aus einem Ledereinband, Holztafeln und Wachsflächen. In das Wachs wurden die Buchstaben mit einem Griffel eingeritzt. Solche Tafeln konnten im Mittelalter mehrfach verwendet werden, weil das Wachs mit der flachen Seite des Griffels wieder geglättet werden konnte.
Das Notizbuch misst nur wenige Zentimeter, könnte aber wichtige Hinweise auf das Alltagsleben im mittelalterlichen Paderborn liefern. Es umfasst zehn Seiten, von denen mehrere doppelseitig mit Wachs befüllt sind. Die Schrift ist kursiv und lateinisch. Das deutet auf eine gebildete Person aus einer gehobenen sozialen Schicht hin.
Erste Vermutungen gehen dahin, dass das Buch einem Kaufmann gehört haben könnte. Möglich wäre, dass darin Geschäfte, kurze Notizen oder persönliche Gedanken festgehalten wurden. Sicher ist das aber noch nicht. Erst die vollständige Transkription und Übersetzung des Textes können zeigen, wer das Buch nutzte und welchem Zweck es diente.
Auch der Ledereinband macht den Fund bemerkenswert. Er ist vollständig erhalten und mit einem eingeprägten Muster verziert. Kleine Lilienreihen bedecken die Oberfläche. Dieses Motiv könnte später Hinweise auf die Herkunft oder sogar auf den Herstellungsort des Buches geben.
Die Lilie war im Mittelalter ein starkes Symbol. Sie stand unter anderem für Reinheit, Herrschaft und göttliche Gunst. Dass ein solches Motiv auf dem Einband verwendet wurde, spricht dafür, dass es sich nicht um einen einfachen Alltagsgegenstand handelte, sondern um ein hochwertigeres Objekt.
Derzeit liegt der Schwerpunkt auf der Sicherung des empfindlichen Fundes. In Münster untersuchen die Restauratorinnen und Restauratoren unter anderem Holz, Leder und Wachs. Dabei geht es auch um die Frage, aus welcher Mischung das Wachs besteht, ob Pigmente verwendet wurden und wie die Materialien dauerhaft stabilisiert werden können.
Bis alle Untersuchungsergebnisse vorliegen, bleiben Leder und Holz zunächst in destilliertem Wasser. Die vollständige Konservierung könnte bis zu einem Jahr dauern. Erst danach soll das Notizbuch für eine Ausstellung vorbereitet werden.
Besonders spannend ist der Blick auf die Schrift. Einige Wörter sind bereits erkennbar, der gesamte Text ist aber schwer zu entziffern. Hinzu kommt, dass auf den Wachstafeln nicht nur die zuletzt eingeritzten Notizen erhalten sein könnten. Auch Spuren früherer Texte können noch sichtbar sein.
Mit modernen Verfahren sollen diese übereinanderliegenden Schriftspuren künftig getrennt und lesbar gemacht werden. Anschließend wird der lateinische Text übertragen und ins Deutsche übersetzt. Erst dann dürfte klarer werden, ob das Notizbuch tatsächlich geschäftliche Aufzeichnungen enthielt oder eine andere Funktion hatte.
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