Europas Dürresommer trifft Wasser, Ernten und Energie

Ein Schild zeigt Warnung
Symbolbild mit KI erstellt

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Die Dürre in Europa 2026 hat sich Anfang August in weiten Teilen des Kontinents zu einer Belastungsprobe für Wasserversorgung, Landwirtschaft, Schifffahrt und Energieerzeugung entwickelt. Besonders angespannt ist die Lage derzeit in England und Frankreich, aber auch die Niederlande und Norditalien haben ihre offiziellen Warnstufen angehoben. Am Rhein werden außergewöhnlich niedrige Abflüsse gemessen, an der Donau hat Rumänien einen historischen Tiefstand registriert. Der Europäische Dürrebeobachter EDO beschreibt die Situation Ende Juli in West-, Mittel- und Teilen Osteuropas, auf dem Balkan und in Italien weiterhin als kritisch. Auf der Iberischen Halbinsel sind inzwischen ebenfalls erste „Watch“-Gebiete hinzugekommen.

England: 71,3 Prozent der Fläche inzwischen Dürregebiet

Besonders weit fortgeschritten ist die Dürre in England. Die britische Environment Agency erklärte am Montag weitere Regionen offiziell zu Dürregebieten, darunter die East Midlands, Lincolnshire und Northamptonshire, Kent und East Sussex sowie Solent und South Downs. Damit befinden sich inzwischen 71,3 Prozent Englands in einer schnell entstandenen Dürre. Rund 45 Millionen Menschen leben innerhalb der ausgewiesenen Dürregebiete. Mehr als 27 Millionen Menschen unterliegen bereits Beschränkungen beim Wasserverbrauch. Der Nordosten und Yorkshire wurden zugleich in die Vorstufe „prolonged dry weather“ hochgestuft. Kein Teil Englands wird von der Behörde derzeit noch als hydrologisch normal eingestuft.

Die Messwerte zeigen, wie außergewöhnlich die Lage ist. Nur noch 14 Prozent der untersuchten Flussabflüsse wurden als normal eingestuft, 22 Prozent waren außergewöhnlich niedrig. Die landesweiten Reservoirs waren zuletzt zu 69 Prozent gefüllt und lagen damit 11,6 Prozentpunkte unter dem für die Jahreszeit erwarteten Niveau. Allein im Juli schrumpften die Wasservorräte der Reservoirs um 16 Prozent, nach Angaben der Environment Agency der stärkste Rückgang in einem Juli seit mindestens 30 Jahren. Im Südosten Englands fiel im Juli teilweise nur ein Prozent der üblichen Niederschlagsmenge. In Teilen von Hampshire, der Isle of Wight und West Sussex gab es zeitweise 59 Tage hintereinander keinen Regentag.

Frankreich: 67 Départements erreichen höchste Krisenstufe

Auch Frankreich hat die Wasserauflagen erheblich verschärft. Nach Angaben des französischen Umweltministeriums befanden sich am 9. August alle 99 Départements des französischen Mutterlandes mindestens auf der Stufe „Vigilance“. In 67 Départements galt bereits die höchste Stufe „Crise“, weitere 21 befanden sich auf der zweithöchsten Stufe „Alerte renforcée“. Fast 70 Prozent des französischen Staatsgebiets unterlagen damit konkreten Einschränkungen bei der Wassernutzung.

Die französischen Stufen haben unmittelbare Folgen. In Gebieten der höchsten Krisenstufe wird verfügbares Wasser grundsätzlich für prioritäre Zwecke wie Trinkwasserversorgung, Gesundheitsversorgung, Hygiene und Zivilschutz reserviert. Bereits auf den niedrigeren Alarmstufen können das Bewässern von Gärten und Grünflächen, das Befüllen von Schwimmbecken, Autowaschen sowie die landwirtschaftliche Bewässerung eingeschränkt werden. Mehr als 30.000 Menschen waren zuletzt zeitweise von Einschränkungen oder Unterbrechungen der Leitungswasserversorgung betroffen. In einigen betroffenen Kommunen musste Wasser mit Tankfahrzeugen oder Flaschen bereitgestellt werden.

Niederlande auf Stufe 2, Italien meldet hohe Dürreschwere

Die Niederlande haben bereits am 16. Juli von Stufe 1, einem drohenden Wassermangel, auf Stufe 2 „tatsächlicher Wassermangel“ hochgestuft. Rijkswaterstaat begründete den Schritt mit historisch niedrigen Flussabflüssen und gleichzeitig hoher Nachfrage nach Wasser. Behörden halten zusätzliches Süßwasser zurück, steuern Wehre und Pumpen und schleusen teilweise seltener, um das Eindringen von Salzwasser zu begrenzen. Regional gelten Verbote oder Einschränkungen für die Entnahme von Wasser aus Grundwasser, Bächen und Gräben. Die Trinkwasserversorgung ist nach Angaben der niederländischen Behörden bislang gesichert.

In Norditalien hat die Po-Beckenbehörde die Dürreschwere auf „hoch“ gesetzt. Besonders betroffen ist der italienische Reisanbau. Der Lago Maggiore wurde Anfang August als von extremer Dürre betroffen eingestuft, während der Po bei Cremona für die Jahreszeit Rekordtiefstände erreichte. In den Bewässerungssystemen zwischen Lombardei und Piemont wird Wasser inzwischen abwechselnd verschiedenen Gebieten zugeteilt. Die Trockenheit betrifft eine Branche mit rund 3.500 Reisbaubetrieben und einer Anbaufläche von ungefähr 235.000 Hektar. Der Bauernverband Confagricoltura Pavia hält allein im dortigen Reissektor Verluste von mehr als 100 Millionen Euro für möglich. Diese Summe umfasst allerdings neben der Dürre auch höhere Kosten und niedrige Erzeugerpreise und ist deshalb nicht mit einem reinen Ernteschaden gleichzusetzen.

Spanien extrem trocken, aber mit anderem Dürremuster

Spanien zeigt derzeit ein differenzierteres Bild als England oder Frankreich. Die staatliche Wetterbehörde AEMET stufte den Juli 2026 auf dem spanischen Festland als trockensten Juli seit Beginn der entsprechenden Messreihe 1961 ein. Im landesweiten Mittel fielen lediglich 4,3 Liter Regen pro Quadratmeter. Das entsprach 26 Prozent des üblichen Juli-Niederschlags im Referenzzeitraum 1991 bis 2020. Zugleich gehörte der Monat zu den heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen.

Eine mit Frankreich vergleichbare einheitliche landesweite Krisenstufe lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Spaniens Wasserbehörden bewerten Dürre und kurzfristige Wasserknappheit nach Flussgebieten und Bewirtschaftungsplänen. Auch das EDO-Bild ist weniger einheitlich: Ende Juli erschienen auf der Iberischen Halbinsel neue Gebiete der europäischen Kategorie „Watch“, während die kritischsten zusammenhängenden Dürregebiete weiterhin weiter nördlich und östlich lagen. Für Spanien ist deshalb derzeit vor allem die Kombination aus extrem trockenem Juli, hoher Verdunstung und regional unterschiedlich gefüllten Wasserressourcen entscheidend.

Rhein und Donau: Niedrigwasser trifft den Schiffsverkehr

An den großen europäischen Flüssen ist die Dürre längst ein wirtschaftliches Problem. Am Rhein registrierte der niederländische Wetterdienst KNMI am 6. August bei Lobith einen Abfluss von 655 Kubikmetern pro Sekunde. Für diesen Kalendertag war das der niedrigste Wert seit Beginn der dortigen Messreihe 1901. Der absolute Rekord von 620 Kubikmetern pro Sekunde aus dem November 1947 war noch nicht erreicht. Auch bei Köln und Maxau wurden für den 6. August die niedrigsten Abflüsse gemessen, die an diesem Datum in den jeweiligen langen Messreihen verzeichnet wurden.

Die Folgen reichen bis zu Europas Seehäfen. Ende Juli lag das auf Rheinverbindungen transportierte Frachtvolumen von und nach Rotterdam nach Angaben des Hafens ungefähr zehn Prozent unter dem normalen Niveau. Besonders betroffen waren Tanker für Chemikalien und Öl sowie Schüttgutfrachter, weil diese Fahrzeuge gewöhnlich größeren Tiefgang haben. Auf der Donau war die Situation noch schwieriger. Anfang August konnten Tanker und Lastkähne in Ungarn, Serbien und Rumänien teilweise nur noch 30 bis 40 Prozent ihrer normalen Frachtkapazität nutzen. Serbiens Treibstoffimporte erreichten im Juli deshalb nur etwa ein Viertel des vorgesehenen Monatsvolumens.

Rumänien meldet historischen Donau-Tiefstand

Am Dienstag verschärfte sich die Situation an der unteren Donau weiter. Am Eintritt der Donau nach Rumänien wurde ein Abfluss von 1.370 Kubikmetern pro Sekunde gemeldet, nach Angaben der staatlichen Wasserwirtschaft ein neuer historischer Tiefstand. Die niedrige Wasserführung hat dort inzwischen Folgen für die Stromversorgung. Das staatliche Unternehmen Nuclearelectrica hatte bereits Ende Juli einen der beiden Reaktoren des Kernkraftwerks Cernavodă herunterfahren müssen. Am 11. August erklärte das Unternehmen, auch der verbliebene Reaktor könne am 13. August kontrolliert abgeschaltet werden, falls Wasserstand und Betriebsbedingungen dies erforderlich machten. Die beiden Reaktoren liefern zusammen ungefähr ein Fünftel der rumänischen Stromproduktion.

Rumänien versucht mit ungewöhnlichen technischen Eingriffen, genügend Kühlwasser zum Kraftwerk zu leiten. Dazu wurden das Flussbett ausgebaggert, ein Felshindernis beseitigt und mit Steinen beladene Lastkähne versenkt, um die Strömung umzulenken. Für August gilt im Land zudem ein energiepolitischer Notstand. Unternehmen und Haushalte wurden zu freiwilligen Verbrauchseinsparungen während der abendlichen Spitzenzeiten aufgerufen.

Wasserkraft und Kühlwasser werden zum Engpass

Auch andere Stromerzeuger spüren die niedrigen Flussstände. Ende Juli arbeitete das serbische Wasserkraftwerk Djerdap 1 an der Donau nach Angaben seines Produktionsleiters zeitweise nur mit rund 20 Prozent seiner Kapazität. Beim serbischen Kohlekraftwerkskomplex Kostolac begrenzte Wassermangel die Kühlung und damit die Stromproduktion. Der österreichische Wasserkraftkonzern Verbund bezifferte den negativen Ergebniseffekt der schwachen Wasserführung im ersten Halbjahr gegenüber normalen hydrologischen Bedingungen auf rund 370 Millionen Euro.

In Frankreich entsteht ein ähnliches Problem bei Kernkraftwerken, allerdings vor allem durch hohe Flusstemperaturen und niedrige Wasserführung. Für Mittwoch wurden Einschränkungen von bis zu 7,3 Gigawatt erwartet, rund zwölf Prozent der französischen Kernkraftkapazität. Zwei Reaktoren sollten wegen hoher Wassertemperaturen vollständig ausfallen, vier weitere ihre Leistung begrenzen. Bei einem zusätzlichen Reaktor spielte der niedrige Flussstand eine Rolle. Frankreich begrenzt aus Umweltschutzgründen die Temperatur des Wassers, das Kraftwerke nach der Kühlung in Flüsse zurückleiten dürfen.

Ernteprognosen sinken bei Mais und Sonnenblumen besonders stark

Die europäische Landwirtschaft spürt die Kombination aus Hitze und fehlendem Bodenwasser bereits deutlich. Das Joint Research Centre der EU-Kommission hat seine Ertragserwartungen für Winterkulturen im Juli um ein bis vier Prozent gesenkt. Die erwartete gesamte Getreideernte lag damit ein Prozent unter dem Fünfjahresmittel. Deutlicher sind die Einschnitte bei Sommerfrüchten: Für Körnermais und Sonnenblumen wurden die Ertragsschätzungen um sechs bis sieben Prozent reduziert. Hitze während der Blüte und ausgetrocknete Böden belasten besonders nicht bewässerte Bestände.

In England melden Landwirte nach Angaben der Environment Agency die frühesten Ernten seit etwa 20 Jahren und niedrigere Erträge. Viehhalter greifen wegen des schwachen Graswachstums teilweise früher auf für den Winter vorgesehene Futtervorräte zurück. In East Anglia waren zuletzt 1.534 Bewässerungsbeschränkungen in Kraft. 302 Wasserentnehmer sollten ihre Entnahmen aus Flüssen um 50 Prozent reduzieren, 14 mussten sie im Einzugsgebiet des Wensum vollständig einstellen.

Frankreichs staatlicher Agrarstatistikdienst Agreste erwartet für 2026 nur noch rund 9,0 Millionen Tonnen Körnermais einschließlich Saatmais. Auch der niederländische Wetterdienst KNMI verweist unter Berufung auf die europäische Dürreanalyse auf außergewöhnlich schwere Schäden beim Mais in Frankreich und auf mehr als eine Million Hektar betroffene beziehungsweise verlorene Maisflächen in Rumänien. Eine abgeschlossene gesamteuropäische Schadensbilanz für die Sommerernte liegt noch nicht vor, weil Mais, Sonnenblumen und andere Kulturen vielerorts noch nicht vollständig geerntet sind.

Behörden begrenzen Bewässerung und privaten Wasserverbrauch

Die Maßnahmen ähneln sich trotz unterschiedlicher nationaler Warnsysteme. Frankreich beschränkt bei steigenden Dürrestufen zunächst Bewässerung, Gartenpflege, Autowäsche und das Befüllen von Pools und reserviert Wasser in der höchsten Stufe für vorrangige Zwecke. In England greifen Wasserunternehmen auf sogenannte Temporary Use Bans zurück, während Wasserentnahmen für die Landwirtschaft reduziert werden. In den Niederlanden werden Süßwasserreserven gehalten, Schleusenvorgänge reduziert, Wasserströme umverteilt und regional Beregnungs- oder Entnahmeverbote verhängt. In Norditalien soll ein Rotationssystem verhindern, dass einzelne Bewässerungsgebiete sämtliche verfügbaren Reserven verbrauchen.

Die Prioritäten verschieben sich dabei zunehmend von Komfortnutzungen hin zur Sicherung von Trinkwasser, Ökosystemen, Landwirtschaft und kritischer Infrastruktur. Welche Beschränkungen für einen bestimmten Ort gelten, hängt jedoch weiterhin vom nationalen und häufig sogar regionalen Wasserrecht ab. Eine einheitliche europäische Verbotsstufe existiert nicht.

EDO sieht kritische Lage von Westeuropa bis zum Balkan

Der Europäische Dürrebeobachter EDO meldete für Ende Juli weiterhin kritische Dürrebedingungen in West- und Mitteleuropa, in Teilen Osteuropas, auf dem Balkan und in Italien. Im Vereinigten Königreich und in Irland hatte sich die Lage verschlechtert. Gleichzeitig tauchten auf der Iberischen Halbinsel neue „Watch“-Gebiete auf. Die EDO-Kategorien beruhen unter anderem auf Niederschlags-, Bodenfeuchte- und Vegetationsindikatoren und sind deshalb nicht identisch mit den administrativen Warnstufen einzelner Staaten.

Auch die Klimadaten zeigen die außergewöhnliche Dimension. Copernicus stellte für Juli fest, dass die oberflächennahe Bodenfeuchte in Westeuropa deutlich niedriger lag als im Juli 2022, dem letzten Sommer mit einer schweren Dürre in der Region. Der niederländische Wetterdienst KNMI fasst eine Analyse der Forschergruppe World Weather Attribution so zusammen: Die ungewöhnlich trockenen Böden in der untersuchten westeuropäischen Region sind durch die menschengemachte Erwärmung ungefähr fünfmal wahrscheinlicher geworden, in der untersuchten osteuropäischen Region etwa elfmal. Entscheidend ist dabei nicht allein weniger Niederschlag. Höhere Temperaturen erhöhen die Verdunstung und entziehen Böden, Pflanzen und Gewässern schneller Wasser.

Ausblick: Einzelne Regenfälle lösen das Defizit nicht schnell

Eine rasche europaweite Entspannung zeichnet sich Mitte August nicht ab. Für das Rheineinzugsgebiet erwartete der KNMI für die unmittelbar folgenden Tage kaum Niederschlag und überdurchschnittliche Temperaturen. Erst jenseits eines Zeitraums von etwa zehn Tagen deuteten die Modelle eine mögliche wechselhaftere Wetterphase an, allerdings mit erheblicher Unsicherheit. Der niederländische Wetterdienst schloss Anfang August deshalb nicht aus, dass der historische Abflussrekord von 620 Kubikmetern pro Sekunde bei Lobith noch unterschritten werden könnte.

In England kündigt sich zunächst weitere Hitze an. Danach können Atlantikfronten zeitweise Regen bringen, für die zweite Augusthälfte und den Übergang in den September sieht das Met Office jedoch weiterhin eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für insgesamt unterdurchschnittliche Niederschlagsmengen und weitere warme Phasen im Süden. Auch in Spanien rechnet AEMET für August bis Oktober mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit überdurchschnittlicher Temperaturen. Zwar zeigt die saisonale Prognose dort zugleich Chancen auf überdurchschnittliche Niederschläge durch einzelne kräftige Schauer und Gewitter. Solche regionalen Ereignisse bedeuten jedoch nicht automatisch eine schnelle Erholung von Grundwasser, Reservoirs und großen Flusssystemen.

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