
Der geplante Anthropic Börsengang nimmt konkretere Formen an. Das US-KI-Unternehmen hinter dem Sprachmodell Claude hatte bereits am 1. Juni 2026 bestätigt, einen Entwurf für eine Registrierungserklärung auf Formular S-1 vertraulich bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht zu haben. Zahl und Preis der angebotenen Aktien waren damals noch nicht festgelegt. Neue Angaben aus dem vertraulichen Entwurf geben nun einen deutlich tieferen Einblick in die Finanzen des Unternehmens, seine langfristigen Verträge für Rechenleistung und die Vergütung der Führungsspitze.
Ein endgültiger Termin für den Börsengang steht weiterhin nicht fest. Bloomberg berichtete Anfang Oktober unter Berufung auf mit den Planungen vertraute Personen, dass die formelle Vermarktung des Angebots bereits in der Woche ab dem 9. November beginnen könnte. Ein Handelsstart vor dem US-Feiertag Thanksgiving am 26. November sei möglich. Die Planungen könnten sich jedoch noch verändern. Auch eine Bewertung von rund 1,8 bis 2 Billionen Dollar wurde bislang nur als mögliche Größenordnung genannt und ist nicht als endgültiger Ausgabewert bestätigt.
Besonders auffällig sind die Zahlen für das Geschäftsjahr 2025. Anthropic erzielte nach Angaben aus dem vertraulichen Börsenentwurf einen Umsatz von knapp 4,6 Milliarden Dollar. Damit vervielfachte das Unternehmen seine Erlöse innerhalb eines Jahres. Gleichzeitig lag der operative Verlust bei mehr als acht Milliarden Dollar. Die Aufwendungen für Rechenleistung und Infrastruktur erreichten allein 7,33 Milliarden Dollar. Insgesamt beliefen sich die operativen Kosten auf 12,65 Milliarden Dollar.
Der ausgewiesene Nettoverlust fiel mit knapp 42 Milliarden Dollar noch erheblich höher aus. Dabei handelt es sich allerdings nicht vollständig um operative Mittelabflüsse. Rund 34 Milliarden Dollar entfielen auf eine bilanzielle Neubewertung von Finanzierungsinstrumenten, die künftig in Anthropic-Aktien umgewandelt werden könnten. Für die Beurteilung des laufenden Geschäfts ist deshalb der operative Verlust von mehr als acht Milliarden Dollar die aussagekräftigere Größe. Ende 2025 verfügte Anthropic laut den Unterlagen über rund 20,28 Milliarden Dollar an Bargeld, Zahlungsmitteläquivalenten und kurzfristigen Anlagen.
Das Wachstum ist zugleich stark auf einzelne Vertriebspartner und Kunden konzentriert. Rund 47 Prozent des Umsatzes von 2025 liefen über die Cloud-Marktplätze von Amazon und Google. Zwei nicht genannte Kunden standen jeweils für etwa zwölf Prozent der Jahreserlöse. Viele größere Kunden seien zudem nicht langfristig an feste Abnahmemengen gebunden.
Noch größer als die bisher ausgewiesenen Verluste sind die langfristigen Verpflichtungen für die technische Infrastruktur. Nach Angaben aus dem S-1-Entwurf erwartet Anthropic, innerhalb von rund zehn Jahren mindestens 518 Milliarden Dollar für Rechenkapazität und Infrastruktur bei sechs Partnern auszugeben. Rund 80 Prozent dieser Summe sollen entweder nicht kündbar sein oder Zahlungen unabhängig von der tatsächlichen Nutzung vorsehen.
Allein gegenüber Google bestehen demnach langfristige Verpflichtungen von mindestens 111,1 Milliarden Dollar. Bei Amazon sind es 110 Milliarden Dollar und bei Microsoft 31,4 Milliarden Dollar. Hinzu kommen rund 161,2 Milliarden Dollar an überwiegend nicht kündbaren, mit Broadcom verbundenen Leasingverpflichtungen für technische Ausstattung. Anthropic hat seine Zusammenarbeit mit Amazon sowie mit Google und Broadcom bereits öffentlich bestätigt. Für Amazon kündigte das Unternehmen im April eine Verpflichtung von mehr als 100 Milliarden Dollar über zehn Jahre an.
Weitere Vereinbarungen betreffen xAI und AMD. Verträge mit xAI könnten bis 2029 Ausgaben von bis zu 84,5 Milliarden Dollar für Rechenkapazität auf Basis von Nvidia-Technik auslösen. Diese Vereinbarungen sollen allerdings zu großen Teilen mit einer Frist von 90 Tagen kündbar sein. AMD wiederum sagte nach den Angaben aus dem Prospekt den Kauf von Anthropic-Aktien im Umfang von bis zu fünf Milliarden Dollar sowie Rechenkapazität im erwarteten Wert von mehr als 20 Milliarden Dollar zu.
Eine zusätzliche Vereinbarung mit Broadcom sieht Finanzierungen von bis zu 42 Milliarden Dollar vor. Das Geld soll einen Teil einer fünfjährigen Verpflichtung von 125,2 Milliarden Dollar für TPU-Rechenkapazität finanzieren. Teile der Finanzierung können in Anthropic-Aktien umgewandelt werden.
Kurz vor dem geplanten Börsengang werden auch Details zur Vergütung der Unternehmensführung sichtbar. Anthropic-Chef Dario Amodei erhielt 2025 demnach eine Gesamtvergütung von rund 18 Millionen Dollar. Bei Präsidentin Daniela Amodei waren es 16,4 Millionen Dollar. Aktien und Optionen machten bei beiden den größten Teil der Vergütung aus. Ihre jährlichen Grundgehälter wurden im Juli 2026 jeweils auf 1,4 Millionen Dollar erhöht.
Zusätzlich sagte der Verwaltungsrat beiden weitere sogenannte Restricted Stock Units zu. Ein Teil dieser Aktienpakete ist an den weiteren Verbleib im Unternehmen gebunden, ein anderer Teil an den geplanten Börsengang. Die Höhe der gesamten Beteiligungen der Gründer geht aus der von Reuters eingesehenen Fassung des S-1-Entwurfs dagegen nicht hervor. Dadurch lässt sich derzeit auch nicht beziffern, welchen Wert ihre bestehenden Aktienpakete bei einem Börsengang tatsächlich erreichen würden.
Finanzchef Krishna Rao erhielt 2025 eine Vergütung von 720.250 Dollar. Bei seinem Einstieg im Jahr 2024 waren ihm zudem Optionen zum Kauf von 1,4 Millionen Aktien eingeräumt worden. Im vergangenen Jahr übte er Optionen mit einem Wert von 385.285 Dollar aus.
Der geplante Börsengang soll die Machtverhältnisse bei Anthropic nicht grundlegend verändern. Vorgesehen ist eine sogenannte Founder LLC, in der die sieben Mitgründer des Unternehmens zusammengeschlossen werden. Eine spezielle Aktie der Klasse F soll ihnen gemeinsam 50,1 Prozent der Stimmrechte bei wichtigen Unternehmensentscheidungen sichern. Über die Ausübung dieser Stimme entscheidet die Mehrheit der Gründer.
Die regulären Aktien der Klasse A sollen jeweils eine Stimme erhalten. Dennoch würde die Konstruktion dafür sorgen, dass normale Aktionäre auch nach dem Börsengang nur begrenzten Einfluss auf zentrale Entscheidungen haben. Anthropic bleibt zudem als Public Benefit Corporation organisiert. Dieses Unternehmensmodell erlaubt es der Führung nach dem Recht des US-Bundesstaates Delaware, neben den Interessen der Anteilseigner auch den erklärten gesellschaftlichen Zweck des Unternehmens zu berücksichtigen.
Die sieben Mitgründer haben zudem angekündigt, 80 Prozent ihrer persönlichen Anthropic-Beteiligungen für gemeinnützige Zwecke einzusetzen. Wie groß diese Beteiligungen derzeit genau sind, ist in den bislang bekannt gewordenen Unterlagen nicht ausgewiesen.
Damit verbindet der geplante Anthropic-IPO ungewöhnlich starkes Umsatzwachstum mit hohen laufenden Verlusten und langfristigen Verpflichtungen in dreistelliger Milliardenhöhe. Entscheidend für die Bewertung am Aktienmarkt dürfte deshalb sein, ob das Unternehmen seine schnell wachsenden Erlöse dauerhaft schneller steigern kann als die Kosten für Chips, Rechenzentren und Cloud-Dienste.
Fest steht bislang lediglich, dass Anthropic den vertraulichen S-1-Entwurf eingereicht hat und damit die formalen Vorbereitungen für einen Börsengang begonnen haben. Einen endgültigen Ausgabepreis, die Zahl der angebotenen Aktien und einen verbindlichen ersten Handelstag hat das Unternehmen bislang nicht öffentlich festgelegt.
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