
ArcelorMittal will seine Produktion in Duisburg deutlich verkleinern. Nach dem derzeitigen Plan sollen das Stahlwerk und das Knüppelwalzwerk nach dem Ende der bisherigen Roheisenversorgung geschlossen werden. Das Drahtwalzwerk soll dagegen weiterbetrieben und künftig mit zugekauften beziehungsweise aus anderen Werken gelieferten Stahlknüppeln versorgt werden. Rund 550 Arbeitsplätze sind nach Angaben des Unternehmens von der Neuordnung betroffen. Die Umsetzung steht noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung des Aufsichtsrats.
Damit steht am größten Stahlstandort Europas ein weiterer tiefgreifender Umbau bevor. ArcelorMittal schließt Werke in Duisburg allerdings nicht vollständig. Ein Teil der Weiterverarbeitung soll erhalten bleiben. Für die Beschäftigten beginnt dennoch eine schwierige Phase, denn ein großer Teil der heutigen Arbeitsplätze hängt unmittelbar an den Produktionsstufen, die künftig wegfallen sollen.
Ausgangspunkt der Entscheidung ist ein Liefervertrag für flüssiges Roheisen mit thyssenkrupp Steel. ArcelorMittal hatte bereits im Dezember 2024 angekündigt, diesen Vertrag zum Ende September 2027 auslaufen zu lassen. Als Grund nannte das Unternehmen deutlich höhere Kosten bei einer möglichen Fortsetzung der Vereinbarung.
In den folgenden Monaten prüfte ArcelorMittal nach eigenen Angaben verschiedene Alternativen. Dazu gehörten andere Möglichkeiten für die Versorgung mit Roheisen sowie eine Umstellung der Duisburger Stahlerzeugung auf eine emissionsärmere Technologie. Keine der untersuchten Varianten sei wirtschaftlich tragfähig gewesen. Deshalb soll die eigene Stahlerzeugung am Standort nach dem Ende der bisherigen Versorgung aufgegeben werden.
Das verbleibende Drahtwalzwerk benötigt weiterhin Vormaterial. Dieses soll künftig als sogenannter Knüppel aus anderen europäischen ArcelorMittal-Werken sowie von externen Produzenten nach Duisburg geliefert werden. Auch das Werk in Hamburg kommt nach Unternehmensangaben als Lieferant infrage. Dort wird Stahl bereits über eine Route mit Direktreduktion und Elektrolichtbogenofen hergestellt.
Am Duisburger ArcelorMittal-Standort arbeiten derzeit rund 800 Menschen. Nach Angaben des Unternehmens sollen etwa 550 Stellen von der geplanten Neuordnung betroffen sein. Damit würde ein großer Teil der heutigen Belegschaft seinen bisherigen Arbeitsplatz verlieren oder müsste in andere Strukturen wechseln.
Der soziale Dialog über den geplanten Personalabbau soll im September 2026 beginnen. Parallel haben Gespräche über die Folgen für die Beschäftigten eingesetzt. Welche konkreten Regelungen für Abfindungen, Transferangebote, Vorruhestand oder mögliche interne Wechsel vereinbart werden, war zunächst noch nicht abschließend geklärt.
Für die Beschäftigten kommt hinzu, dass die Schließungen erst für die Zeit nach September 2027 vorgesehen sind. Bis dahin müssen Stahlwerk, Gießbereich und Knüppelproduktion weiter betrieben werden. Für die Belegschaft entsteht damit eine längere Übergangsphase zwischen laufender Produktion und absehbarer Stilllegung.
Die Bedeutung der Entscheidung reicht über das einzelne Werk hinaus. Duisburg ist nach Angaben der Stadt der größte Stahlstandort Europas. Neben ArcelorMittal prägen vor allem thyssenkrupp Steel und weitere metallverarbeitende Unternehmen die industrielle Struktur. Stahlproduktion und Weiterverarbeitung sind eng mit Logistik, Maschinenbau, Fahrzeugindustrie und zahlreichen Zulieferern verbunden.
Die geplanten ArcelorMittal-Schließungen treffen den Standort deshalb in einer ohnehin laufenden Umbruchphase. Bei thyssenkrupp Steel wird ein separates Restrukturierungsprogramm umgesetzt. Es sieht unter anderem eine Verringerung der Produktionskapazitäten sowie den Abbau oder die Ausgliederung von rund 11.000 Stellen vor. Gleichzeitig investiert das Unternehmen in Duisburg in eine Direktreduktionsanlage für eine künftig CO2-ärmere Stahlproduktion.
Die beiden Programme haben unterschiedliche Ursachen und gehören zu verschiedenen Unternehmen. Zusammen zeigen sie jedoch, wie stark sich die industrielle Struktur des Duisburger Stahlstandorts derzeit verändert.
ArcelorMittal verweist bei seiner Duisburger Entscheidung auf strukturelle Probleme im europäischen Geschäft mit Langprodukten. Dazu gehören eine geringe Auslastung der Anlagen, eine schwächere Nachfrage in Europa, begrenzte Exportmöglichkeiten und hohe Energiekosten. Ähnliche Belastungen beschäftigen weite Teile der europäischen Stahlindustrie.
Hinzu kommt die weltweit hohe Produktionskapazität. Die Europäische Kommission beziffert die globale Überkapazität inzwischen auf mehr als 620 Millionen Tonnen und erwartet einen weiteren Anstieg. Seit Juli 2026 gelten deshalb neue Schutzregeln für den europäischen Stahlmarkt. Sie begrenzen die zollfreien Einfuhrmengen auf 18,3 Millionen Tonnen pro Jahr. Für darüber hinausgehende Mengen gilt grundsätzlich ein Zollsatz von 50 Prozent.
Die EU versucht damit, ihre Stahlindustrie vor den Folgen weltweiter Überkapazitäten zu schützen und zugleich Investitionen in klimafreundlichere Produktionsverfahren zu ermöglichen. Parallel belastet die Transformation selbst die Unternehmen, weil neue Elektroöfen, Direktreduktionsanlagen und die dafür erforderliche Energieinfrastruktur hohe Investitionen erfordern.
Der Konzern hatte schon 2025 entschieden, ursprünglich geplante große Direktreduktions- und Elektrolichtbogenofen-Projekte in Bremen und Eisenhüttenstadt nicht umzusetzen. ArcelorMittal begründete dies mit Marktbedingungen, Energiekosten und fehlender wirtschaftlicher Planungssicherheit. Damit verzichtete das Unternehmen auch auf eine für diese Vorhaben vorgesehene staatliche Förderung von bis zu 1,3 Milliarden Euro.
Die Duisburger Entscheidung fügt sich damit in eine breitere Neuordnung der europäischen Stahlproduktion ein. In Duisburg soll zwar weiterhin Draht gewalzt werden, die vorgelagerte eigene Stahlerzeugung würde nach dem derzeitigen Plan jedoch enden. Für den Standort bedeutet das weniger industrielle Wertschöpfung innerhalb des Werks und für viele Beschäftigte den Verlust ihrer bisherigen Tätigkeit.
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