
Die Deutsche Bahn sucht nach neuen Wegen, um ihre Züge zuverlässiger fahren zu lassen. Eine am Dienstag, 3. November 2026, gestartete Expertenkommission soll untersuchen, wie sich der Bahnverkehr trotz überlasteter Strecken und umfangreicher Bauarbeiten stabilisieren lässt. Diskutiert wird dabei auch, auf bestimmten Verbindungen weniger Züge einzusetzen. Gleichzeitig zeigen neue Zahlen, dass die Pünktlichkeit im Fernverkehr weiterhin deutlich unter dem angestrebten Niveau liegt.
Im Oktober 2026 lag die betriebliche Pünktlichkeit im Fernverkehr der Deutschen Bahn bei 56,2 Prozent. Das teilte der Konzern am Dienstag mit. Gegenüber September, als lediglich 52,4 Prozent erreicht wurden, verbesserte sich der Wert um 3,8 Prozentpunkte.
Trotz der Verbesserung bleibt die Deutsche Bahn hinter ihrem Ziel zurück. Bahnchefin Evelyn Palla hatte für 2026 eine Pünktlichkeit von mindestens 60 Prozent im Fernverkehr angestrebt. Diese Marke wurde auch im Oktober nicht erreicht.
Etwas besser entwickelte sich die sogenannte Reisendenpünktlichkeit. Sie stieg von 58,7 Prozent im September auf 62,3 Prozent im Oktober. Im Regionalverkehr erreichte die Bahn dagegen eine betriebliche Pünktlichkeit von 87,1 Prozent. Über sämtliche Personenzüge hinweg lag der Wert bei 86,4 Prozent. Die Angaben für Oktober sind vorläufig.
Die Deutsche Bahn hat über ihre Infrastrukturgesellschaft DB InfraGO eine unabhängige Expertenkommission mit dem Namen „Robuster Fahrplan“ eingesetzt. Das Gremium nahm am 3. November in Berlin seine Arbeit auf.
Die Fachleute sollen Vorschläge erarbeiten, wie der Zugverkehr auf dem bestehenden Schienennetz zuverlässiger organisiert werden kann. Dabei geht es insbesondere um die kommenden Jahre, in denen zahlreiche Strecken modernisiert und umfangreiche Bauarbeiten durchgeführt werden.
Zu den Mitgliedern gehört Enak Ferlemann, früherer Bahnbeauftragter der Bundesregierung und heutiges Aufsichtsratsmitglied von DB InfraGO. Auch Fachleute aus dem Personenverkehr, dem Güterverkehr und dem europäischen Eisenbahnsektor sind beteiligt.
Unterstützt wird die Kommission vom Schweizer Fahrplanspezialisten SMA und Partner. Das Unternehmen soll untersuchen, welche Verkehrsmenge das deutsche Schienennetz unter den bestehenden Bedingungen zuverlässig bewältigen kann.
Erste Vorschläge sollen 2027 vorliegen. Anschließend ist eine gemeinsame Bewertung mit der Politik, den Bundesländern und der Eisenbahnbranche vorgesehen.
Ein möglicher Ansatz besteht darin, das Zugangebot auf besonders stark beanspruchten Strecken zu reduzieren. Ferlemann brachte gegenüber dem Tagesspiegel beispielsweise eine Veränderung auf der Verbindung zwischen Berlin und Hamburg ins Gespräch.
Dort könnte nach seiner Vorstellung künftig nur noch ein Fernzug pro Stunde verkehren statt wie bislang im Halbstundentakt. Die verbleibenden Verbindungen sollen dafür zuverlässiger sein.
Der Vorschlag ist bislang kein beschlossener Fahrplanwechsel. Die Deutsche Bahn hat erklärt, dass die Experten verschiedene Lösungen ergebnisoffen untersuchen sollen. Welche Strecken tatsächlich von möglichen Änderungen betroffen sein könnten, steht noch nicht fest.
Hintergrund ist die hohe Auslastung des deutschen Schienennetzes. Nach Angaben von DB InfraGO verkehrten 2025 mehr als zehn Prozent der Züge auf Strecken, deren Auslastung über 115 Prozent lag. Die durch Staus im Schienennetz verursachten Verspätungen seien innerhalb von zehn Jahren um 150 Prozent gestiegen.
Die Überlegungen zu weniger Zugverkehr stoßen in der Branche auf unterschiedliche Reaktionen.
Der Bundesverband Schienennahverkehr zeigt sich grundsätzlich offen für eine zeitlich begrenzte Reduzierung. Geschäftsführer Jan Görnemann erklärte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, dass mögliche Einschränkungen alle Verkehrsarten betreffen müssten. Neben dem Regionalverkehr müssten deshalb auch Fernzüge und Güterzüge einbezogen werden. Bei geringerer Taktfrequenz seien außerdem längere Züge erforderlich.
Deutliche Vorbehalte kommen dagegen vom Interessenverband Allianz pro Schiene. Geschäftsführer Dirk Flege warnte davor, dass ein kleineres Angebot zu stärker ausgelasteten Zügen führen könne. Dadurch sei eine bessere Pünktlichkeit nicht automatisch gewährleistet.
Auch der Wettbewerberverband Die Güterbahnen kritisiert eine pauschale Verringerung des Zugverkehrs. Der Verband fordert, die Ursachen der betrieblichen Probleme stärker zu beseitigen.
Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer lehnt eine bloße Reduzierung der Verkehrsmenge ebenfalls ab. Ihr stellvertretender Vorsitzender Lars Jedinat verwies darauf, dass sich die vorhandenen Fahrgäste und Gütermengen dann auf weniger Zugverbindungen verteilen müssten.
Nach Angaben der Deutschen Bahn beeinträchtigen weiterhin zahlreiche Baustellen an wichtigen Verkehrsknoten und Fernverkehrsstrecken den Betrieb. Hinzu kommt eine hohe Zahl technischer Störungen an den Anlagen.
Besonders der Fernverkehr ist davon betroffen, weil Züge auf langen Strecken mehrere stark ausgelastete Abschnitte durchfahren und Verspätungen entsprechend weitergetragen werden können.
Bei der Bewertung der Pünktlichkeitszahlen unterscheidet die Bahn zwischen der betrieblichen Pünktlichkeit und der Reisendenpünktlichkeit.
Als betrieblich pünktlich gilt ein Halt, wenn die Verspätung weniger als sechs Minuten beträgt. Zugausfälle werden in dieser Kennzahl nicht berücksichtigt.
Die Reisendenpünktlichkeit betrachtet dagegen, ob Fahrgäste ihren gebuchten Zielbahnhof mit weniger als 15 Minuten Verspätung erreichen. Dabei fließen auch ausgefallene Verbindungen, verpasste Anschlüsse und alternative Reisemöglichkeiten ein.
Für die neue Expertenkommission steht damit neben der Verringerung betrieblicher Verspätungen auch die Frage im Raum, wie sich die Zuverlässigkeit des gesamten Bahnangebots verbessern lässt. Ob dafür Änderungen am Umfang des Zugverkehrs notwendig werden, ist bislang nicht entschieden.
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