
Berlin hat nach der Abgeordnetenhauswahl vom 20. September 2026 neue politische Mehrheitsverhältnisse. Die Linke ist erstmals stärkste Kraft in der Hauptstadt geworden und hat die bisher regierende Koalition aus CDU und SPD klar hinter sich gelassen. Für die Bildung eines neuen Senats reicht es allerdings weder für die Linke noch für die CDU mit nur einem der bisherigen Wunschpartner. Nach den bisher erklärten politischen Ausschlüssen konzentriert sich die Regierungsbildung deshalb auf zwei mögliche Dreierbündnisse.
Nach dem vorläufigen Ergebnis der Berliner Landeswahlleitung, das nach Auszählung aller Stimmen in der Nacht zum Montag vorlag, kam die Linke auf 25,7 Prozent. Die CDU erreichte 18,8 Prozent, die AfD 16,3 Prozent, die Grünen 14,3 Prozent und die SPD 12,1 Prozent. Das BSW verfehlte mit 4,7 Prozent die Fünf-Prozent-Hürde. Die FDP kam auf 2,5 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag nach dem vorläufigen Ergebnis bei 74,2 Prozent.
Damit hat sich die politische Reihenfolge in Berlin deutlich verändert. Bei der Wiederholungswahl 2023 hatte noch die CDU mit 28,2 Prozent klar gewonnen. Die Linke war damals auf 12,2 Prozent gekommen. Sie hat ihren Stimmenanteil bei der Berlin-Wahl 2026 damit mehr als verdoppelt. Die SPD erzielte mit 12,1 Prozent ihr bislang schwächstes Ergebnis bei einer Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus.
Nach der auf Grundlage des vorläufigen Wahlergebnisses veröffentlichten Sitzverteilung umfasst das neue Abgeordnetenhaus 158 Mandate. Für eine absolute Mehrheit sind damit mindestens 80 Sitze erforderlich. Die Linke erhält nach diesem Stand 47 Sitze. Auf die CDU entfallen 34 Mandate, auf die AfD 29, auf die Grünen 26 und auf die SPD 22.
Die bisherige schwarz-rote Koalition kann damit nicht fortgesetzt werden. CDU und SPD kommen gemeinsam lediglich auf 56 Sitze. Auch Zweierbündnisse aus Linken und Grünen mit 73 Sitzen sowie aus Linken und SPD mit 69 Sitzen verfehlen die Mehrheit.
Rein rechnerisch kämen Linke und CDU gemeinsam auf 81 Sitze und damit auf eine knappe Mehrheit. Politisch ist diese Variante nach den bisherigen Positionierungen jedoch keine realistische Option. Die CDU hat eine Koalition mit der Linken ausgeschlossen. Ebenso haben die übrigen im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen. Dadurch reduziert sich die Zahl der politisch diskutierten Mehrheitsmodelle erheblich.
Eine Koalition aus Linken, Grünen und SPD hätte zusammen 95 Sitze und damit eine deutliche Mehrheit. Daneben wäre ein Bündnis aus CDU, Grünen und SPD mit insgesamt 82 Mandaten möglich. Beide Varianten wären rechnerisch ausreichend, unterscheiden sich politisch aber grundlegend.
Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp kündigte am Wahlabend an, Gespräche mit Grünen und SPD führen zu wollen. Auch bei den Grünen gibt es öffentliche Signale für Verhandlungen über ein Bündnis mit Linken und SPD. Grünen-Vertreter erklärten nach der Wahl, gemeinsam mit den beiden Parteien über eine neue Regierung sprechen zu wollen.
Die SPD legte sich am Wahlabend dagegen zunächst nicht auf einen Partner fest. Spitzenkandidat Steffen Krach bezeichnete das Ergebnis seiner Partei als schwerwiegende Niederlage und erklärte, es sei unmittelbar nach der Wahl zu früh für eine Entscheidung über Koalitionsoptionen. Damit kommt den Sozialdemokraten trotz ihres historisch schwachen Ergebnisses eine zentrale Rolle bei der Regierungsbildung zu. Sowohl eine Mehrheit unter Führung der Linken als auch eine Mehrheit unter Führung der CDU benötigt nach den bisherigen politischen Ausschlüssen die SPD und die Grünen.
CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers kündigte ebenfalls Gespräche in den kommenden Tagen an. Seine Partei hat zwar deutlich gegenüber 2023 verloren, könnte aber weiterhin an einer Regierung beteiligt sein, wenn Grüne und SPD sich für ein gemeinsames Bündnis mit der CDU entscheiden.
In den kommenden Tagen dürften zunächst Sondierungsgespräche beginnen. Dabei prüfen die Parteien, ob ausreichend gemeinsame politische Grundlagen für formelle Koalitionsverhandlungen bestehen. Ein automatischer Anspruch der stärksten Partei auf die Regierungsführung existiert nicht. Entscheidend ist, wer im neu gewählten Abgeordnetenhaus eine Mehrheit für die Wahl zum Regierenden Bürgermeister organisieren kann.
Nach der Berliner Verfassung muss das neue Abgeordnetenhaus spätestens sechs Wochen nach der Wahl erstmals zusammentreten. Der Regierende Bürgermeister wird zunächst mit der Mehrheit der Mitglieder des Parlaments gewählt. Kommt diese Mehrheit im ersten Wahlgang nicht zustande, folgt ein zweiter Wahlgang. Scheitert auch dieser, reicht in einem weiteren Wahlgang die höchste Stimmenzahl. Bis zum Amtsantritt einer neuen Regierung führt der bisherige Senat die Amtsgeschäfte weiter.
Das Ergebnis fällt in eine für die Bundesparteien schwierige politische Phase. CDU und SPD verloren in Berlin deutlich, während Linke und AfD gegenüber 2023 stark zulegten. Parallel wurde am 20. September auch in Mecklenburg-Vorpommern gewählt, wo die AfD stärkste Kraft wurde und die CDU den Einzug in den Landtag verfehlte.
Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete das Berliner CDU-Ergebnis am Wahlabend als ordentlich unter schwierigen Bedingungen und räumte zugleich ein, dass Rückenwind aus der Bundespolitik ausgeblieben sei. Für die Linke bedeutet der Erfolg in der Hauptstadt einen bedeutenden Zugewinn auf Landesebene. Ob daraus erstmals die Führung eines Berliner Senats entsteht, entscheidet sich nun in den Gesprächen mit Grünen und SPD.
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