
Der Mainzer Biotechnologiekonzern BioNTech zieht Konsequenzen aus seiner geplanten Neuordnung der Produktion in Deutschland. BioNTech schließt drei Standorte in Tübingen, Marburg und Idar-Oberstein, nachdem die Suche nach Käufern ohne Ergebnis geblieben ist. Rund 1.800 Beschäftigte sind nach Angaben des Unternehmens betroffen. Die Werke sollen nicht gleichzeitig aufgegeben werden, sondern zwischen Ende 2027 und Ende 2028 ihren Betrieb einstellen.
Damit steht für die drei Produktionsstandorte fest, was BioNTech im Frühjahr zunächst als einen möglichen Weg angekündigt hatte. Bereits Anfang Mai hatte das Unternehmen seine globale Produktionsstruktur auf den Prüfstand gestellt und die Schließung beziehungsweise Veräußerung mehrerer Werke vorbereitet. BioNTech suchte anschließend nach Möglichkeiten für einen vollständigen oder teilweisen Verkauf. Noch Ende August erklärte der Konzern, diese Suche bis Ende September fortsetzen zu wollen.
Für Tübingen, Marburg und Idar-Oberstein kam eine Übernahme durch andere Unternehmen letztlich nicht zustande. BioNTech begründete das Scheitern der Verkaufsbemühungen nach Unternehmensangaben vor allem mit dem schwierigen Markt- und Investitionsumfeld. Damit entfällt die Möglichkeit, die Standorte unter einem neuen Eigentümer in ihrer bisherigen Form weiterzuführen.
Für die Beschäftigten bedeutet die Entscheidung eine längere Übergangsphase. Der Standort in Tübingen soll Ende 2027 schließen. Für Marburg ist das Ende des Betriebs für Anfang 2028 vorgesehen. In Idar-Oberstein soll die Produktion bis Ende 2028 auslaufen. Insgesamt arbeiten an den drei Standorten derzeit rund 1.800 Menschen.
BioNTech hat mit dem Konzernbetriebsrat zusätzliche Abfindungskonditionen vereinbart, um die Folgen der Standortschließungen abzufedern. Einzelheiten zur Höhe oder konkreten Ausgestaltung dieser Leistungen wurden zunächst nicht veröffentlicht.
Besonders viele Arbeitsplätze hängen am Standort Tübingen. Dort befindet sich der frühere Hauptsitz des Biotechnologieunternehmens CureVac, das BioNTech übernommen hatte. Nach früheren Unternehmensangaben sind rund 820 ehemalige CureVac Beschäftigte von den Restrukturierungsplänen betroffen. Der Rückzug aus Tübingen war bereits für Ende 2027 angekündigt worden.
Zwischenzeitlich bestand die Möglichkeit, dass Teile der vorhandenen Infrastruktur einen neuen Eigentümer finden könnten. Auch über die zukünftige Nutzung des Forschungsstandorts wurde gesprochen. Die Stadt Tübingen und BioNTech hatten Gespräche über Perspektiven für Forschung, Entwicklung und die vorhandenen technischen Einrichtungen geführt. An der Entscheidung, BioNTechs eigenen Betrieb dort bis Ende 2027 zu beenden, änderte dies jedoch nichts.
In Marburg betrifft die Schließung nach Angaben des Hessischen Rundfunks rund 540 Arbeitsplätze. Der Standort besitzt für BioNTech eine besondere Bedeutung aus der Zeit der Corona Pandemie. Das Unternehmen hatte das Werk 2020 von Novartis übernommen und anschließend erheblich ausgebaut. Es entwickelte sich zu einer der großen europäischen Produktionsstätten für mRNA Impfstoffe.
In Marburg wurden neben dem Covid Impfstoff von BioNTech und Pfizer auch Ausgangsmaterialien für mRNA Anwendungen hergestellt. BioNTech hatte dort unter anderem eine eigene Produktion von Plasmid DNA aufgebaut, die für mRNA und zellbasierte Arzneimittel benötigt wird.
Die Hoffnung, das Werk an einen Investor weiterzugeben, hat sich nun zerschlagen. Der Betrieb soll Anfang 2028 eingestellt werden.
Auch in Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz wurde kein Käufer gefunden. Am dortigen Standort arbeiten nach Angaben des SWR rund 440 Menschen. Das Werk besteht seit 2009. Dort wurden unter anderem Arzneimittel für frühe Phasen der klinischen Entwicklung hergestellt. Der Betrieb soll nach dem aktuellen Zeitplan Ende 2028 auslaufen.
Damit erhalten die Beschäftigten in Idar-Oberstein zwar einen längeren Übergangszeitraum als an den beiden anderen deutschen Standorten, eine Fortführung des Werks durch einen anderen Betreiber zeichnet sich nach der erfolglosen Verkaufsphase jedoch nicht mehr ab.
Die drei Werksschließungen sind Teil eines größeren Umbaus. BioNTech hatte bereits im Mai erklärt, Produktionskapazitäten zu reduzieren, wenn künftig Überkapazitäten erwartet werden. Als Gründe nannte das Unternehmen veränderte Lieferanforderungen, vorhandene Produktionsmöglichkeiten bei Partnern, Unternehmensübernahmen sowie auslaufende Verträge.
Dabei spielt auch die veränderte Nachfrage nach Corona Impfstoffen eine Rolle. Während der Pandemie hatte BioNTech sein Produktionsnetz stark ausgebaut. Inzwischen wird ein größerer Teil der Herstellung über den Kooperationspartner Pfizer abgedeckt. Die eigene Produktionsstruktur wird deshalb verkleinert.
Nach früheren Angaben könnten durch die umfassende Konsolidierung weltweit bis zu rund 1.860 Stellen betroffen sein. Neben den deutschen Standorten hatte BioNTech auch die Aufgabe seiner Produktion in Singapur angekündigt. Das Unternehmen erwartet nach vollständiger Umsetzung der Maßnahmen ab 2029 wiederkehrende Einsparungen von rund 500 Millionen Euro pro Jahr.
Parallel zur Verkleinerung seines Produktionsnetzes richtet BioNTech einen wachsenden Teil seiner Ressourcen auf die Entwicklung von Krebsmedikamenten aus. Das Unternehmen arbeitet unter anderem an Immunmodulatoren, Antikörper Wirkstoff Konjugaten und mRNA basierten Krebsimmuntherapien. Für mehrere Programme laufen bereits zulassungsrelevante klinische Studien.
BioNTech verfolgt das Ziel, sich bis 2030 von einem stark durch das Corona Impfstoffgeschäft geprägten Unternehmen zu einem Biopharmakonzern mit mehreren zugelassenen Produkten zu entwickeln. Die geplanten Einsparungen bei der Produktion sollen nach Unternehmensangaben dazu beitragen, Kapital für die weitere Entwicklung und mögliche Vermarktung der Onkologie Pipeline bereitzustellen.
Für die rund 1.800 Beschäftigten in Tübingen, Marburg und Idar-Oberstein ist mit dem Ende der Käufersuche dagegen eine entscheidende Perspektive weggefallen. Fest stehen inzwischen die Schließungstermine und zusätzliche Abfindungsregelungen. Welche weiteren individuellen Beschäftigungsangebote, Wechselmöglichkeiten innerhalb des Konzerns oder konkreten Sozialplanregelungen für die einzelnen Standorte hinzukommen, war zunächst nicht im Detail veröffentlicht.






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