Biontech macht drei deutsche Standorte dicht

Ein multikulturelles Restaurant an der Wolbecker Straße in Münster schließt nach acht Jahren. Warum das Konzept endet – und wie es am Standort weitergeht.
Symbolbild: Evan Wise

Teilen:

Der Mainzer Impfstoff- und Krebsmedikamentenentwickler Biontech schließt seine Standorte in Tübingen, Marburg und Idar-Oberstein. Rund 1.800 Beschäftigte sind von den Entscheidungen betroffen. Zuvor hatte das Unternehmen über Monate nach Käufern für die Standorte gesucht. Diese Bemühungen führten jedoch zu keinem Verkauf. Die Schließungen erfolgen nicht gleichzeitig, sondern werden bis Ende 2028 gestaffelt.

Damit steht fest, wie ein wesentlicher Teil des bereits im Frühjahr angekündigten Umbaus des Produktionsnetzes umgesetzt wird. Biontech richtet seine Kapazitäten neu aus, nachdem die Nachfrage nach Covid-19-Impfstoffen deutlich zurückgegangen ist und zugleich hohe Investitionen in neue Krebsmedikamente erforderlich sind. Biontech schließt drei Produktionsstandorte in Deutschland und verkleinert damit einen Teil der in der Pandemie stark ausgebauten Produktionsstruktur.

Tübingen schließt zuerst, Idar-Oberstein zuletzt

Für die drei Standorte gibt es unterschiedliche Zeitpläne. Der Betrieb in Tübingen soll Ende 2027 beendet werden. Für Marburg ist die Schließung Anfang 2028 vorgesehen. In Idar-Oberstein soll der Betrieb bis Ende 2028 auslaufen.

Zusammen beschäftigen die drei Standorte derzeit rund 1.800 Menschen. Wie viele Beschäftigte im Zuge des Umbaus tatsächlich entlassen werden, ist damit nicht automatisch festgelegt. Biontech hat mit dem Konzernbetriebsrat ergänzende Abfindungskonditionen vereinbart, um die Folgen der Schließungen abzufedern. Einzelheiten zu deren Höhe und Ausgestaltung wurden zunächst nicht genannt.

Die aktuellen rund 1.800 Beschäftigten sind von einer früher kommunizierten Zahl zu unterscheiden. Im Mai hatte Biontech erklärt, dass im gesamten geplanten Umbau seines Produktionsnetzes bis zu rund 1.860 Stellen betroffen sein könnten. Diese Planung umfasste neben den Standorten in Deutschland auch den Produktionsstandort in Singapur.

Suche nach Käufern bleibt ohne Ergebnis

Biontech hatte zunächst versucht, die betroffenen Aktivitäten ganz oder teilweise zu veräußern. Dabei wurden nach Unternehmensangaben verschiedene Optionen für Marburg, Idar-Oberstein und weitere Unternehmensteile geprüft. Noch Ende August gehörten die Standorte offiziell zu den Bereichen, für die Veräußerungsmöglichkeiten untersucht wurden.

Für Marburg, Idar-Oberstein und Tübingen kam letztlich kein Verkauf zustande. Biontech führt dies im Wesentlichen auf das schwierige Markt- und Investitionsumfeld zurück. Damit entfällt die Möglichkeit, die Standorte unter einem neuen Eigentümer in ihrer bisherigen Form fortzuführen.

Dass Verkäufe grundsätzlich möglich sind, zeigt ein anderer Teil des Konzernumbaus. Für die Berliner Tochter JPT Peptide Technologies hatte Biontech im August eine Vereinbarung über den Verkauf an einen von der DUBAG Group beratenen Fonds bekanntgegeben. Für die drei nun zur Schließung vorgesehenen Standorte gelang eine solche Lösung dagegen nicht.

Marburg spielte zentrale Rolle bei der Impfstoffproduktion

Besonders deutlich wird der Wandel am Standort Marburg. Biontech hatte das Werk im Jahr 2020 übernommen und dort große Kapazitäten für die Herstellung seines gemeinsam mit Pfizer vermarkteten Covid-19-Impfstoffs aufgebaut. Der Standort entwickelte sich während der Pandemie zu einem wichtigen Teil der europäischen mRNA-Produktion.

Später investierte das Unternehmen dort zusätzlich in eine eigene Anlage zur Herstellung von Plasmid-DNA. Dieses Material wird als Ausgangsstoff für mRNA-basierte Medikamente und bestimmte Zelltherapien benötigt. Biontech hatte 2023 für diese Anlage eine Investitionssumme von rund 40 Millionen Euro genannt.

Auch Idar-Oberstein gehört seit Jahren zum Produktionsnetz von Biontech. Dort wurden unter anderem Arzneimittel für frühe Phasen der klinischen Entwicklung hergestellt. Der Standort Tübingen kam im Zuge der Übernahme von Curevac zum Konzern. Biontech hatte die Übernahme des früheren mRNA-Konkurrenten Ende 2025 abgeschlossen.

Sinkende Impfstoffumsätze verändern Biontechs Geschäft

Hinter dem Standortumbau steht eine grundlegende Veränderung des Geschäfts. Während der Corona-Pandemie erzielte Biontech mit seinem Covid-19-Impfstoff außergewöhnlich hohe Erlöse. Inzwischen ist die Nachfrage wesentlich geringer. Im ersten Halbjahr 2026 lagen die Konzernumsätze bei 223,7 Millionen Euro, nach 443,6 Millionen Euro im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Biontech führte den Rückgang im Wesentlichen auf die geringere Nachfrage nach Covid-19-Impfstoffen zurück.

Gleichzeitig steigen die Aufwendungen für die Entwicklung neuer Medikamente. Die Forschungs- und Entwicklungskosten erreichten im ersten Halbjahr 2026 rund 1,11 Milliarden Euro. Unter dem Strich verbuchte Biontech in diesem Zeitraum einen Nettoverlust von rund 1,35 Milliarden Euro.

Der Konzern konzentriert einen wachsenden Teil seiner Investitionen auf die Krebsmedizin. Dazu gehören unter anderem mRNA-basierte Immuntherapien, Immunmodulatoren und Antikörper-Wirkstoff-Konjugate. Biontech verfolgt das Ziel, sich bis 2030 zu einem Unternehmen mit mehreren vermarkteten Produkten zu entwickeln.

Konzern will Produktionskapazitäten dauerhaft verkleinern

Die Schließungen sind Teil eines größeren Programms zur Neuordnung der weltweiten Produktionsstruktur. Biontech hatte im Frühjahr erklärt, Kapazitäten dort reduzieren zu wollen, wo künftig Überkapazitäten erwartet werden. Als Gründe nannte das Unternehmen veränderte Lieferanforderungen, zusätzliche Produktionsmöglichkeiten bei Partnern, Unternehmensübernahmen und auslaufende Verträge.

Nach vollständiger Umsetzung der Maßnahmen rechnet Biontech ab 2029 mit potenziell wiederkehrenden jährlichen Einsparungen von rund 500 Millionen Euro. Das frei werdende Kapital soll insbesondere die Entwicklung der Onkologie-Pipeline unterstützen.

Für die Versorgung mit kommerziellen Produkten und Prüfpräparaten erwartete das Unternehmen durch die Konsolidierung keine Beeinträchtigungen. Die Kapazitäten der betroffenen Standorte seien im vorgesehenen Zeitraum nicht vollständig erforderlich oder innerhalb des Produktionsnetzes redundant. Mit der endgültigen Schließungsentscheidung für Tübingen, Marburg und Idar-Oberstein nimmt dieser Umbau nun konkrete Formen an.

Teilen:

Münster Map
Zum Aktivieren tippen
Route anzeigen

Mehr Beiträge:

Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu