
Deutschland und Frankreich wollen die Europäische Union offenbar mit einem schärferen Instrument gegen aus ihrer Sicht unfaire Handelspraktiken ausstatten. China reagiert darauf mit einer deutlichen Warnung. Das chinesische Handelsministerium kündigte an, auf diskriminierende Beschränkungen gegen chinesische Unternehmen oder Produkte entschlossen zu reagieren. Ein konkreter neuer EU-Beschluss liegt bislang jedoch nicht vor. Damit verschärft sich der EU-China-Handelsstreit zunächst vor allem auf politischer Ebene.
Auslöser der jüngsten Auseinandersetzung ist kein bereits verhängter Zoll, sondern ein Vorschlag für ein neues europäisches handelspolitisches Instrument. Deutschland und Frankreich arbeiten nach Angaben aus dem Umfeld der Debatte an einem gemeinsamen Papier, das die EU-Kommission zu einem schnelleren und entschlosseneren Vorgehen gegen unfaire Handelspraktiken bewegen soll. Als Vorbild gilt die amerikanische Section 301 des Trade Act.
Die US-Regelung ermöglicht Untersuchungen gegen Handelspraktiken anderer Staaten und kann anschließend unter anderem zu zusätzlichen Zöllen führen. Ein europäisches Instrument nach diesem Muster könnte Brüssel mehr Spielraum geben, um schneller auf staatliche Subventionen, Marktverzerrungen oder andere als unfair bewertete Praktiken zu reagieren. Wie ein solches EU-Verfahren genau aussehen würde, welche rechtlichen Schwellen gelten und welche Maßnahmen damit möglich wären, ist derzeit noch nicht beschlossen.
Der Vorstoß richtet sich vor allem gegen die wachsende Konkurrenz aus China. Bereits zuvor hatte die EU bestehende Handelsschutzinstrumente eingesetzt. Für in China produzierte batterieelektrische Autos gelten seit Ende Oktober 2024 Ausgleichszölle von je nach Hersteller 7,8 bis 35,3 Prozent. Im Juli 2026 kamen zudem endgültige Anti-Dumping-Zölle auf bestimmte Pkw- und Transporterreifen aus China hinzu.
Das chinesische Handelsministerium reagierte am Dienstagabend, 29. September, offiziell auf Berichte über das geplante europäische Instrument. Es bezeichnete einen solchen Ansatz als protektionistisch und einseitig und warnte vor Belastungen für den Handel zwischen China und der EU sowie für internationale Lieferketten. Sollte die EU diskriminierende Beschränkungen gegen chinesische Unternehmen oder Waren einführen, werde China darauf entschlossen reagieren und die Interessen seiner Industrie schützen.
Welche Gegenmaßnahmen Peking in diesem Fall tatsächlich einsetzen würde, ließ das Ministerium offen. Ein konkreter Maßnahmenkatalog wurde in der offiziellen Erklärung nicht genannt.
Die staatsnahe chinesische Zeitung „Global Times“ brachte zusätzlich ein breiteres Instrumentarium ins Gespräch. Genannt wurden unter anderem Anti-Diskriminierungsverfahren, Untersuchungen zur Sicherheit von Industrie- und Lieferketten sowie Prüfungen möglicher Auswirkungen ausländischer Subventionen. Diese Angaben stammten allerdings von einem nicht namentlich genannten chinesischen Beobachter. Sie sind daher nicht mit einer offiziellen Ankündigung der chinesischen Regierung gleichzusetzen.
Für europäische und insbesondere deutsche Unternehmen ist die Auseinandersetzung wirtschaftlich relevant. China war 2025 gemessen am gesamten Warenhandel wieder Deutschlands wichtigster Handelspartner. Das Handelsvolumen erreichte nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 251,8 Milliarden Euro.
Besonders stark mit China verflochten sind der Maschinenbau, die Autoindustrie, Elektrotechnik und Teile der Chemieindustrie. In den ersten fünf Monaten 2026 exportierte Deutschland Maschinen im Wert von 5,8 Milliarden Euro nach China, Datenverarbeitungsgeräte sowie elektrische und optische Erzeugnisse für 5,1 Milliarden Euro und Kraftfahrzeuge beziehungsweise Fahrzeugteile für 4,7 Milliarden Euro. Zugleich gingen die deutschen Exporte nach China insgesamt um 14,5 Prozent zurück. Die Kraftfahrzeugexporte sanken sogar um 26,1 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Weitere chinesische Handelsmaßnahmen könnten deshalb Branchen treffen, die bereits mit schwächerer Nachfrage auf dem chinesischen Markt und wachsender einheimischer Konkurrenz kämpfen. Welche Produkte oder Unternehmen bei einer möglichen Reaktion konkret betroffen wären, ist bislang allerdings offen.
Die Beziehungen zwischen Brüssel und Peking sind schon seit Längerem von Handelsverfahren geprägt. Neben den europäischen Zöllen auf chinesische Elektroautos hat China seinerseits Untersuchungen gegen europäische Produkte eingeleitet und Maßnahmen verhängt. Im Februar 2026 führte Peking beispielsweise Ausgleichszölle zwischen 7,4 und 11,7 Prozent auf bestimmte Milchprodukte aus der Europäischen Union ein. China begründete dies mit Subventionen und einer Schädigung der heimischen Branche.
Der wirtschaftliche Hintergrund ist erheblich. Die EU importierte 2025 Waren im Wert von rund 559 Milliarden Euro aus China und exportierte Waren für knapp 200 Milliarden Euro dorthin. Daraus entstand ein Warenhandelsdefizit der EU von knapp 360 Milliarden Euro. Maschinen, elektrische Geräte, Fahrzeuge, Medizintechnik und Arzneimittel gehören zu den wichtigsten europäischen Exportgruppen nach China.
Trotz der scharfen Wortwahl Pekings steht der Streit damit noch vor einer möglichen nächsten Eskalationsstufe. Das diskutierte europäische Instrument befindet sich bislang auf politischer Ebene. Eine konkrete neue Beschränkung gegen chinesische Waren oder Unternehmen wurde im Zusammenhang mit dem deutsch-französischen Vorstoß zunächst nicht beschlossen.
Auch Chinas angekündigte Reaktion ist an diese Voraussetzung geknüpft. Offiziell bestätigt ist bislang die Bereitschaft Pekings, auf künftige diskriminierende Maßnahmen zu reagieren. Welche Branchen betroffen wären und ob China dabei auf Zölle, Untersuchungen, Importbeschränkungen oder andere Instrumente zurückgreifen würde, ist derzeit nicht festgelegt. Für deutsche Unternehmen erhöht die Debatte dennoch die handelspolitische Unsicherheit in einem Markt, der trotz sinkender deutscher Exporte weiterhin von großer wirtschaftlicher Bedeutung ist.






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