
Europa droht bei der Entwicklung leistungsfähiger künstlicher Intelligenz weiter hinter die USA zurückzufallen. Eine am 14. September 2026 veröffentlichte Strategie von Ökonomen, KI-Forschern und früheren Spitzenpolitikern fordert deshalb einen deutlich schnelleren Ausbau der europäischen Recheninfrastruktur. Nach Berechnungen der Autoren wären Investitionen in einer Größenordnung von rund 1,3 Billionen Euro nötig, um bis 2030 etwa 45 Gigawatt KI-Rechenkapazität in der Europäischen Union aufzubauen. Europas KI-Rückstand zeigt sich nach Einschätzung der Expertengruppe zugleich bei Unternehmen, Kapital und der verfügbaren Rechenleistung.
Die Zahl von 1,3 Billionen Euro beschreibt dabei nicht den gesamten Finanzbedarf für künstliche Intelligenz in Europa. Sie bezieht sich konkret auf Rechenzentren und die darin eingesetzte Infrastruktur für besonders rechenintensive KI-Systeme. Der größte Teil des Kapitals soll nach dem Konzept von privaten Investoren kommen. Der öffentliche Sektor soll rund 100 Milliarden Euro beitragen, um strategisch wichtige Projekte abzusichern und einen größeren Anteil europäisch kontrollierter Infrastruktur zu ermöglichen.
Die Strategie trägt den Titel A Transformative AI Strategy for Europe. Initiiert wurde sie von der Münchner Ökonomin Monika Schnitzer, der Vorsitzenden des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Die redaktionelle Leitung lag bei Daniel Privitera vom Berliner KIRA Center. Beteiligt waren mehr als 60 Fachleute aus Wirtschaftswissenschaft, Informatik, Politik und Sicherheit. Zum Expertenkreis gehören unter anderem der französische Wirtschaftsnobelpreisträger Philippe Aghion, der Ökonom Daron Acemoglu, KI-Forscher Yoshua Bengio, der Präsident des ifo Instituts Clemens Fuest und die frühere EU-Kommissarin Margrethe Vestager.
Besonders deutlich fällt der Vergleich bei den Entwicklern großer KI-Modelle aus. Nach der in der Strategie verwendeten Schätzung liegt der annualisierte Umsatzlauf europäischer Modellentwickler zusammengenommen bei weniger als zwei Prozent des gemeinsamen Werts von OpenAI und Anthropic. Für die beiden US-Unternehmen nennt das Papier zusammen einen annualisierten Umsatzlauf von inzwischen mehr als 100 Milliarden Dollar. Die Autoren stützen sich bei diesem Vergleich auf externe Schätzungen. Es handelt sich damit nicht um vollständig veröffentlichte und geprüfte Unternehmensumsätze aller beteiligten Firmen.
Die Aussage lässt sich zudem nicht auf sämtliche europäischen Technologieunternehmen übertragen. Verglichen werden speziell Unternehmen, die moderne KI-Modelle entwickeln. Auch die Formulierung, europäische Firmen erzielten generell nur einen Bruchteil der Umsätze großer US-Konzerne, wäre deshalb zu weit gefasst.
Nach dem Konzept sollte die EU bis 2030 rund 15 Prozent der weltweiten KI-Rechenkapazität beherbergen. Derzeit veranschlagen die Autoren den europäischen Anteil auf ungefähr fünf Prozent. Für Anfang 2026 setzen sie die weltweite KI-Rechenleistung mit etwa 30 Gigawatt an. Für 2030 arbeiten sie mit einer Annahme von rund 300 Gigawatt weltweit. Ein europäischer Anteil von 15 Prozent entspräche damit 45 Gigawatt.
Aktuell liege die speziell für KI verfügbare Kapazität in der EU bei weniger als zwei Gigawatt. Um die Lücke zu schließen, wären nach der Kalkulation Investitionen von rund 1,55 Billionen Dollar notwendig. Beim von den Autoren verwendeten Wechselkurs entspricht das etwa 1,3 Billionen Euro. Grundlage ist eine Schätzung von knapp 38 Milliarden Dollar Investitionskosten je Gigawatt IT-Leistung. Nach Berücksichtigung des zusätzlichen Strombedarfs für Kühlung und weitere Rechenzentrumsysteme rechnen die Autoren mit rund 34,3 Milliarden Dollar je Gigawatt gesamter Anlagenleistung.
Die Summe ist damit eine Modellrechnung für ein konkretes Ausbauziel und keine bereits beschlossene Investition. Ebenso wenig sollen die 1,3 Billionen Euro vollständig aus öffentlichen Haushalten kommen. Die Autoren sehen vielmehr die Aufgabe von EU und Mitgliedstaaten darin, private Investitionen nach Europa zu lenken.
Ein Schwerpunkt der Vorschläge liegt auf der Energieversorgung. Entscheidend sei, wie schnell neue Rechenzentren an das Stromnetz angeschlossen werden können. Vorgeschlagen werden beschleunigte Genehmigungsverfahren und priorisierte Netzanschlüsse für KI-Rechenzentren. Eine von den Autoren herangezogene Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass allein Frankreich, Deutschland, die Iberische Halbinsel sowie die nordischen EU-Staaten unter besonders ambitionierten Bedingungen bis 2030 rund 35,6 Gigawatt zusätzlicher Kapazität an ihre Stromnetze anschließen könnten. Die verbleibende Leistung müsste aus weiteren EU-Staaten kommen.
Zugleich soll der Ausbau nicht allein den Betreibern zugutekommen. Kommunen mit großen Rechenzentren sollen nach dem Vorschlag stärker an lokalen Steuereinnahmen beteiligt werden. Betreiber sollen außerdem zusätzliche Kosten für das Stromsystem, die durch ihre Anlagen entstehen, selbst tragen und sich leichter an örtlicher Infrastruktur beteiligen können.
Für ausländische Anbieter schlägt die Expertengruppe sogenannte Compute-for-Access-Vereinbarungen vor. Unternehmen könnten attraktive Standorte für Rechenzentren in Europa erhalten und sich im Gegenzug vertraglich verpflichten, europäischen Akteuren Zugang zu ihren leistungsfähigsten KI-Modellen zu gewähren. Damit soll die Abhängigkeit von Infrastruktur außerhalb Europas verringert werden, ohne vorauszusetzen, dass die EU sämtliche führenden KI-Systeme selbst entwickelt.
Die Autoren nennen insgesamt fünf besonders dringende Ziele. Neben einem Anteil von 15 Prozent an der weltweiten KI-Rechenleistung soll eine Allianz interessierter EU-Mitgliedstaaten strategisch wichtige Teile der KI-Lieferketten absichern. Europäische Institutionen sollen eigene Expertise im Umgang mit besonders leistungsfähigen KI-Systemen aufbauen. Zudem fordert die Gruppe eine stärkere Vorbereitung auf Cyberangriffe und andere Krisen, bei denen KI eine Rolle spielen könnte. Europa soll außerdem eine führende Position bei Technologien erreichen, mit denen Sicherheitseigenschaften und die Nutzung von KI-Systemen technisch überprüft werden können.
Die Vorschläge gehen damit deutlich über die bisherige europäische Infrastrukturpolitik hinaus. Die EU-Kommission verfolgt mit ihrem AI Continent Action Plan bereits das Ziel, Rechenkapazitäten auszubauen, Unternehmen den Zugang zu Daten zu erleichtern und mehr KI-Fachkräfte auszubilden. Über die InvestAI-Initiative sollen insgesamt 200 Milliarden Euro für KI-Investitionen mobilisiert werden. Im Juli 2026 startete die EU zudem ein Verfahren für bis zu sieben KI-Gigafabriken. Dafür sind bis zu zehn Milliarden Euro öffentliche Unterstützung vorgesehen, die mindestens 20 Milliarden Euro private Investitionen auslösen sollen.
Die neue Expertenstrategie setzt jedoch eine wesentlich höhere Größenordnung an. Ihr Kernargument lautet, dass Europas bisheriger Ausbau nicht ausreiche, wenn der Kontinent langfristig einen nennenswerten Anteil der globalen Infrastruktur für besonders leistungsfähige KI behalten will. Ob das Ziel von 45 Gigawatt bis 2030 technisch, energiepolitisch und finanziell erreicht werden kann, hängt dabei von einer Reihe von Annahmen über den weltweiten Ausbau, Investitionskosten, verfügbare Chips und den Ausbau der Stromnetze ab.






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