
Die Wirtschaft der Eurozone ist im zweiten Quartal 2026 deutlich stärker gewachsen als bislang angenommen. Das saisonbereinigte Bruttoinlandsprodukt lag nach der am Montag veröffentlichten Schätzung von Eurostat um 0,6 Prozent höher als im ersten Quartal 2026. Noch Mitte August hatte die europäische Statistikbehörde ein Wachstum von 0,4 Prozent ausgewiesen. Auch die Schätzung für die gesamte Europäische Union wurde nach oben korrigiert. Dort lag das Wachstum im zweiten Quartal bei 0,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal, zuvor waren 0,5 Prozent geschätzt worden.
Damit hat die Konjunktur im Euroraum nach einem schwachen Jahresauftakt deutlich an Tempo gewonnen. Für das erste Quartal 2026 weist Eurostat nach den jüngsten Revisionen eine stagnierende Wirtschaftsleistung in der Eurozone aus. In der gesamten EU lag das Wachstum gegenüber dem vierten Quartal 2025 bei 0,1 Prozent. Gegenüber dem zweiten Quartal 2025 lag das Bruttoinlandsprodukt der Eurozone im zweiten Quartal 2026 um 1,2 Prozent höher. Die vorherige Schätzung hatte bei 1,0 Prozent gelegen. Für die EU lag der Anstieg im Vorjahresvergleich nun bei 1,4 Prozent.
Ein wesentlicher Treiber der besseren Entwicklung war der Außenhandel. Die Exporte der Eurozone lagen im zweiten Quartal 2026 saisonbereinigt um 3,4 Prozent höher als im ersten Quartal. Die Importe legten im selben Vergleich um 1,5 Prozent zu. Unter dem Strich lieferte der Außenbeitrag nach Eurostat-Berechnungen einen positiven Wachstumsbeitrag von 0,9 Prozentpunkten.
Auch der Konsum stützte die Konjunktur. Die Konsumausgaben der privaten Haushalte lagen im zweiten Quartal um 0,4 Prozent höher als im Vorquartal und steuerten 0,2 Prozentpunkte zum Wachstum bei. Die Bruttoanlageinvestitionen gingen dagegen um 0,1 Prozent zurück. Ihr Wachstumsbeitrag war nach Eurostat-Angaben insgesamt nahezu neutral. Deutlich negativ wirkten Veränderungen bei den Lagerbeständen. Sie minderten das Wachstum rechnerisch um 0,5 Prozentpunkte.
Die Zusammensetzung zeigt damit, dass das stärkere Gesamtwachstum in erheblichem Umfang vom Außenhandel getragen wurde. Die Binnennachfrage lieferte ebenfalls einen positiven Beitrag, entwickelte sich aber weniger dynamisch als die Exporte.
Deutschland konnte im zweiten Quartal ebenfalls zulegen, blieb aber hinter dem Durchschnitt des Euroraums zurück. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt lag nach Angaben des Statistischen Bundesamtes preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,3 Prozent höher als im ersten Quartal 2026. Destatis hatte seine ursprüngliche Schnellschätzung von 0,2 Prozent bereits Ende August nach oben korrigiert. Gegenüber dem zweiten Quartal 2025 lag die deutsche Wirtschaftsleistung preis- und kalenderbereinigt um 1,0 Prozent höher.
Auch in Deutschland spielten starke Exporte eine wichtige Rolle. Die preisbereinigten Ausfuhren lagen im zweiten Quartal 2026 um 3,7 Prozent über dem Niveau des Vorjahresquartals. Besonders die Warenexporte legten zu. Bundesbankpräsident Joachim Nagel hatte Anfang September Exporte und eine expansive Finanzpolitik als wichtige Stützen der deutschen Konjunktur bezeichnet. Zugleich verwies er darauf, dass Unternehmen bei Investitionen weiterhin zurückhaltend seien.
Unter den großen Volkswirtschaften des Euroraums entwickelte sich Spanien im zweiten Quartal stärker. Das spanische BIP lag nach Eurostat-Angaben um 0,7 Prozent über dem Vorquartal. Für Deutschland lag der entsprechende Wert bei 0,3 Prozent, für Italien bei 0,2 Prozent. Frankreich verzeichnete gegenüber dem ersten Quartal keine Veränderung. Den höchsten Zuwachs unter den erfassten EU-Staaten meldete Irland mit 10,2 Prozent, gefolgt von Slowenien mit 1,8 Prozent und Litauen mit 1,7 Prozent. Österreich war mit minus 0,1 Prozent der einzige Mitgliedstaat mit einem Rückgang gegenüber dem Vorquartal.
Im internationalen Vergleich lag das Quartalswachstum der Eurozone über dem der Vereinigten Staaten. Das US-Bruttoinlandsprodukt lag nach den von Eurostat verwendeten Daten im zweiten Quartal 2026 um 0,4 Prozent höher als im ersten Quartal. Im Vorjahresvergleich lag das Wachstum der US-Wirtschaft allerdings bei 2,1 Prozent und damit über den 1,2 Prozent der Eurozone.
Die Beschäftigung entwickelte sich in Europa unterdessen nur leicht aufwärts. Die Zahl der Erwerbstätigen lag im zweiten Quartal 2026 sowohl in der Eurozone als auch in der gesamten EU um 0,1 Prozent höher als im Vorquartal. Eurostat schätzt die Zahl der Beschäftigten in der Eurozone auf 176,4 Millionen Menschen. Gegenüber dem zweiten Quartal 2025 lag die Beschäftigung um 0,5 Prozent höher.
Die neuen Wachstumsdaten erscheinen wenige Tage vor der nächsten geldpolitischen Entscheidung der Europäischen Zentralbank. Der EZB-Rat kommt am Donnerstag, 10. September 2026, zusammen. Eine unmittelbare offizielle Stellungnahme der EZB zu den am Montag veröffentlichten BIP-Zahlen lag zunächst nicht vor.
Gleichzeitig bleibt die Preisentwicklung ein zentraler Faktor. Die jährliche Inflationsrate der Eurozone lag nach der vorläufigen Eurostat-Schätzung für August 2026 bei 3,3 Prozent, nach 2,9 Prozent im Juli. Dabei lag die jährliche Teuerungsrate für Energie im August vorläufig bei 14,3 Prozent. Die vollständigen Inflationsdaten für August will Eurostat am 17. September veröffentlichen.
Für die weitere Konjunkturentwicklung liegen bislang nur Prognosen vor. BNP Paribas Economic Research rechnete in einem am 7. September veröffentlichten Nowcast für das dritte Quartal 2026 mit einem Wachstum der Eurozone von 0,4 Prozent gegenüber dem zweiten Quartal. Für Deutschland lag die entsprechende Prognose bei 0,2 Prozent. Diese Angaben sind Schätzungen und keine bereits gemessenen Wirtschaftsdaten.
Auch die am Montag veröffentlichten Eurostat-Werte bleiben revisionsfähig. Die Zahlen beruhen auf den regulären Datenlieferungen der Mitgliedstaaten rund zwei Monate nach Quartalsende. Eurostat kündigte eine weitere Aktualisierung der Datenbank für den 20. Oktober 2026 an.
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