
Der Spezialchemiekonzern Evonik bleibt bei seiner Ablehnung einer Übernahme durch BASF. Interims-Vorstandschef Claus Rettig bekräftigte am Donnerstag, 5. November 2026, dass das Unternehmen seinen eigenständigen Kurs fortsetzen wolle. Das BASF-Angebot für Evonik liegt bei 24 Euro je Aktie und entspricht einer Bewertung von rund 11,2 Milliarden Euro. Während der Ludwigshafener Chemiekonzern weiterhin für einen Zusammenschluss wirbt, sieht sich Evonik in der Lage, seinen Unternehmenswert aus eigener Kraft zu steigern.
Die Entscheidung gegen eine Übernahme hatte Evonik bereits am 30. Oktober offiziell bekannt gegeben. Nach Angaben des Unternehmens prüfte der Vorstand ein Schreiben von BASF vom 22. Oktober, in dem der Wettbewerber sein Interesse an einem freiwilligen öffentlichen Übernahmeangebot bekundet hatte. Anschließend entschied die Unternehmensführung, keine Übernahmeverhandlungen aufzunehmen.
BASF hatte seine Preisvorstellung zuvor auf 24 Euro je Evonik-Aktie erhöht. Eine frühere Offerte soll bei 22,15 Euro gelegen haben. Bei insgesamt rund 466 Millionen Evonik-Aktien entspricht die zuletzt genannte Bewertung einem Unternehmenswert von etwa 11,18 Milliarden Euro auf Basis des Aktienkapitals.
Nach Darstellung von BASF liegt der angebotene Preis rund 39 Prozent über dem Börsenkurs vor dem Bekanntwerden des Übernahmeinteresses. Die Berechnung bezieht sich damit nicht auf den aktuellen Aktienkurs, sondern auf einen früheren Vergleichswert.
Ein formelles öffentliches Übernahmeangebot mit veröffentlichten vollständigen Angebotsbedingungen lag zunächst nicht vor. Die bisherigen Schritte betreffen die Vorbereitung einer möglichen Transaktion und die Bereitschaft der beteiligten Unternehmen, darüber zu sprechen.
Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, über das die Deutsche Presse-Agentur am Donnerstag berichtete, stellte Rettig den wirtschaftlichen Nutzen einer Übernahme infrage. Größe allein sei kein ausreichendes Argument für den Zusammenschluss zweier Unternehmen. Stattdessen verwies er auf die Bedeutung einer klaren strategischen Ausrichtung.
Die Unternehmensführung geht davon aus, dass Evonik mit seinem bestehenden Geschäftsmodell und den geplanten Veränderungen einen höheren Wert erzielen könne als den von BASF angebotenen Kaufpreis. Rettig sieht dabei weiteres Potenzial in einer stärkeren Konzentration auf profitable Spezialchemiegeschäfte.
Zugleich schloss er eine aktive Rolle von Evonik bei der Neuordnung der internationalen Chemieindustrie nicht aus. Das Unternehmen verfüge über finanzielle Möglichkeiten für Zukäufe und sehe Wachstumschancen in Deutschland, anderen europäischen Ländern sowie den USA. Konkrete Übernahmen würden derzeit allerdings nicht aktiv verfolgt.
Ein konkurrierendes Übernahmeangebot für Evonik liege nach Rettigs Angaben ebenfalls nicht vor.
Die Ablehnung fällt in eine Phase verbesserter operativer Geschäftszahlen. Am 3. November meldete Evonik für das dritte Quartal 2026 einen Anstieg des bereinigten operativen Ergebnisses vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen um 40 Prozent auf 629 Millionen Euro.
Der Umsatz erhöhte sich gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 13 Prozent. Für das Gesamtjahr erwartet der Konzern weiterhin ein bereinigtes EBITDA zwischen 2,0 und 2,2 Milliarden Euro. Das Unternehmen hält inzwischen einen Wert in der oberen Hälfte dieser Spanne für wahrscheinlich.
Parallel arbeitet Evonik an einer weiteren Senkung seiner Kosten. Das Effizienzprogramm Evonik Tailor Made wurde bis 2029 verlängert. Im dritten Quartal bildete der Konzern Rückstellungen in Höhe von 313 Millionen Euro für zusätzliche Maßnahmen, darunter Abfindungen.
Unter dem Strich entstand deshalb im dritten Quartal ein Konzernverlust von 53 Millionen Euro. Die verbesserten operativen Ergebnisse bedeuten somit nicht, dass sämtliche finanziellen Belastungen bereits überwunden sind. Die angekündigte Restrukturierung bleibt ein wesentlicher Bestandteil der eigenständigen Unternehmensstrategie.
BASF reagierte auf die Ablehnung mit Unverständnis. Am 30. Oktober erklärte der Chemiekonzern, angesichts des angebotenen Kaufpreises und der angekündigten Zusagen für Beschäftigte und Standorte sei die Entscheidung gegen Verhandlungen nicht nachvollziehbar.
BASF-Vorstandschef Markus Kamieth sieht in einer Verbindung beider Unternehmen die Möglichkeit, ihre industriellen Stärken zu bündeln. Nach seiner Einschätzung könnte dadurch ein international wettbewerbsfähigerer Chemiekonzern entstehen.
Bereits am 25. September hatte BASF offiziell bestätigt, mit Evonik und der RAG-Stiftung Sondierungen über eine mögliche Übernahme geführt zu haben. Der Ausgang dieser Gespräche sei zu diesem Zeitpunkt offen gewesen.
Der Konzern verfolgt mit seinen Überlegungen eine Strategie, bei der Übernahmen das bestehende Geschäft stärken, profitables Wachstum ermöglichen und zusätzlichen Unternehmenswert schaffen sollen. Konkrete Vereinbarungen über einen Zusammenschluss wurden bislang nicht bekannt gegeben.
Eine zentrale Rolle spielt die RAG-Stiftung als größter Anteilseigner von Evonik. Nach eigenen Angaben hält sie gegenwärtig 44 Prozent der Aktien des Spezialchemiekonzerns.
Die Stiftung finanziert aus den Erträgen ihres Vermögens langfristige Verpflichtungen aus dem früheren deutschen Steinkohlenbergbau. Dazu gehören unter anderem die Grubenwasserhaltung und weitere dauerhaft notwendige Maßnahmen. Die damit verbundenen jährlichen Kosten beziffert die Stiftung auf etwa 250 bis 300 Millionen Euro.
Am 9. Oktober hatte sich das Kuratorium der RAG-Stiftung über das Übernahmeinteresse von BASF informieren lassen. Eine ausdrückliche öffentliche Zustimmung zum Kaufangebot oder eine grundsätzliche Ablehnung wurde damit nicht verbunden.
Aufgrund ihres umfangreichen Aktienpakets hätte die Stiftung erheblichen Einfluss auf den weiteren Verlauf einer möglichen Übernahme. Eine verbindliche Entscheidung über einen Verkauf ihrer Beteiligung wurde zunächst nicht bekannt gegeben.
An der Börse notierte Evonik weiterhin deutlich unter dem von BASF genannten Kaufpreis. Nach Angaben der Börse Stuttgart lag der ausgewiesene Evonik-Kurs am 5. November 2026 um 17.31 Uhr bei 21,46 Euro. Das entsprach einem Plus von 0,66 Prozent gegenüber dem dortigen Vortageskurs.
Die BASF-Aktie lag nach Kursdaten von Finanznachrichten.de am selben Tag um 17.20 Uhr auf Xetra bei 56,35 Euro und damit 3,78 Prozent über dem vorherigen Schlusskurs.
Die Evonik-Aktie blieb somit auch nach der erneuten Ablehnung unterhalb der Preisvorstellung von 24 Euro. Die Differenz zwischen Börsenkurs und möglichem Übernahmepreis macht deutlich, dass eine Transaktion zu den bisher genannten Konditionen noch nicht abgeschlossen ist. Aus den Tagesbewegungen der beiden Aktien lässt sich allerdings keine eindeutige Reaktion allein auf Rettigs jüngste Äußerungen ableiten.
Trotz der klaren Entscheidung gegen Übernahmeverhandlungen hat Evonik einen Kontakt zu BASF nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Der Vorstand erklärte am 30. Oktober ausdrücklich seine Bereitschaft zu einem vertraulichen Informationsaustausch.
Dabei soll Evonik seine eigene Position erläutern können. BASF könnte im Gegenzug die wirtschaftlichen und strategischen Gründe seines Übernahmeinteresses darlegen. Ein solcher Austausch wäre jedoch nicht mit der Aufnahme formeller Übernahmeverhandlungen gleichzusetzen.
Ob BASF seine Offerte erneut verändert oder weitere Schritte zur Vorbereitung eines öffentlichen Angebots unternimmt, war am 5. November nicht entschieden. Auch ein verbindlicher Zeitplan für die nächsten Gespräche wurde nicht veröffentlicht.
Damit stehen weiterhin zwei unterschiedliche Unternehmensstrategien gegenüber. BASF sieht wirtschaftliche Vorteile in einem größeren gemeinsamen Konzern. Evonik setzt dagegen auf die Fortführung seiner eigenen Wachstums- und Restrukturierungsstrategie. Die Haltung der RAG-Stiftung und mögliche weitere Entscheidungen von BASF bleiben für die Zukunft des Übernahmevorhabens von besonderer Bedeutung.
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