Europäischer Gaspreis über 100 Euro: Was der Preisanstieg für Verbraucher und Industrie bedeutet

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Der europäische Gaspreis ist am Mittwoch, 28. Oktober 2026, erstmals seit Ende 2022 wieder über die Marke von 100 Euro je Megawattstunde gestiegen. Nach Angaben des Energieportals oEnergetice notierte der richtungweisende TTF-Terminkontrakt für Erdgas zur Lieferung im November um 15:47 Uhr bei 100,085 Euro je Megawattstunde. Damit setzt sich der deutliche Preisanstieg der vergangenen Wochen fort. Für Verbraucher und Unternehmen in Deutschland wächst der Kostendruck.

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Gaspreise binnen eines Monats deutlich gestiegen

Der Gaspreis in Europa hat sich seit Jahresbeginn erheblich verteuert. Die Kursdaten von oEnergetice zeigen für den 28. Oktober um 15:47 Uhr einen Anstieg von 36,29 Prozent innerhalb eines Monats. Gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum lag die Notierung um knapp 218 Prozent höher.

Bereits in der Vorwoche hatten die Preise mehrfach zugelegt. Der aktuelle Anstieg führt den europäischen Erdgasmarkt auf das höchste Preisniveau seit Dezember 2022 zurück.

Von den außergewöhnlichen Höchstständen der damaligen Energiekrise ist der Markt allerdings weiterhin entfernt. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine waren zeitweise mehr als 300 Euro je Megawattstunde erreicht worden.

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Iran-Krieg beeinträchtigt weltweite LNG-Lieferungen

Ein wesentlicher Auslöser der Preisentwicklung sind die Auswirkungen des Iran-Kriegs auf den internationalen Energiemarkt. Einschränkungen des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus beeinträchtigen insbesondere Flüssigerdgaslieferungen aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Nach einer Analyse der europäischen Energieregulierungsagentur ACER gingen die LNG-Importe der Europäischen Union im Sommer 2026 gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum um 14 Prozent zurück. Bedeutende LNG-Mengen aus Katar erreichten die EU in diesem Zeitraum nicht.

Die geringere Verfügbarkeit verschärft den Wettbewerb zwischen europäischen und asiatischen Importeuren. Gleichzeitig wächst mit dem Beginn der Heizperiode der Erdgasbedarf.

ACER schätzt, dass der Konflikt im Nahen Osten die europäischen Gasimportkosten für eine vergleichbare Gasmenge um 18 bis 33 Milliarden Euro erhöht hat.

Deutsche Gasspeicher im europäischen Vergleich niedrig

Zusätzlichen Druck erzeugen die vergleichsweise niedrigen Gasspeicherfüllstände. Nach Angaben der Bundesnetzagentur vom 28. Oktober sind die deutschen Speicher zu 61,6 Prozent gefüllt. Darin befinden sich rund 152,5 Terawattstunden Erdgas.

Deutschland liegt damit deutlich unter dem europäischen Durchschnitt. Nach Daten des Branchenverbands Gas Infrastructure Europe waren die Speicher der Europäischen Union am Gastag 26. Oktober zu 74,9 Prozent gefüllt.

Innerhalb Europas bestehen erhebliche Unterschiede. Während Italien einen Füllstand von rund 90,7 Prozent erreichte, waren es in Frankreich etwa 87,4 Prozent. Die Niederlande lagen bei rund 65,4 Prozent und damit ebenfalls unter dem EU-Durchschnitt.

Die niedrigen deutschen Speicherstände fallen besonders auf, weil Deutschland über erhebliche Speicherkapazitäten verfügt. Die Bundesnetzagentur bezeichnet die Füllstände als deutlich niedriger als in vergleichbaren Zeiträumen früherer Jahre.

Bundesnetzagentur sieht Versorgung weiterhin gesichert

Trotz der niedrigen Speicherfüllstände bewertet die Bundesnetzagentur die Gasversorgung in Deutschland in ihrem Lagebericht vom 28. Oktober als stabil. Die Versorgungssicherheit sei gewährleistet. Die Gefahr einer angespannten Versorgungslage werde weiterhin als gering eingeschätzt.

Zwischen dem 20. und 26. Oktober importierte Deutschland nach Behördenangaben insgesamt 18,3 Terawattstunden Erdgas über Pipelines. Hinzu kamen 1,1 Terawattstunden über die deutschen LNG-Terminals.

Auch die Europäische Kommission sieht das europäische Gassystem grundsätzlich auf den Winter vorbereitet. In ihrer Bewertung vom 8. Oktober verwies sie auf zusätzliche Importkapazitäten, breiter aufgestellte Lieferbeziehungen und einen gegenüber 2022 gesunkenen Gasverbrauch.

Niedrige Speicherfüllstände bedeuten damit nicht automatisch einen Versorgungsengpass. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus laufenden Importen, Speichern und Verbrauch.

Neukunden zahlen bereits deutlich mehr für Gas

Die hohen Großhandelspreise erreichen zunehmend auch den deutschen Endkundenmarkt. Besonders deutlich zeigt sich dies bei neuen Gasverträgen.

Nach einer am 27. Oktober veröffentlichten Auswertung der Bundesnetzagentur lag der modellierte durchschnittliche Gaspreis für Neukunden im September bei 11,33 Cent je Kilowattstunde. Das waren rund zwölf Prozent mehr als im Durchschnitt des ersten Halbjahres 2026.

Aktuellere Tarifdaten zeigen einen weiteren Anstieg. Nach einer Auswertung des NDR auf Grundlage von Verivox-Daten kostete eine Kilowattstunde Gas für Neukunden am 27. Oktober typischerweise rund 14 Cent. Berücksichtigt wurden verfügbare günstige Tarife mit zwölfmonatiger Preisgarantie.

Die Werte beruhen auf unterschiedlichen Berechnungsmethoden und Stichtagen. Sie sind deshalb nicht unmittelbar gleichzusetzen, verdeutlichen aber die zunehmende Belastung bei Neuabschlüssen.

Bestandskunden sind unterschiedlich betroffen

Für Haushalte mit bestehenden Gasverträgen führt ein Anstieg des TTF-Gaspreises nicht automatisch zu einer sofortigen Preiserhöhung.

Viele Energieversorger beschaffen ihre benötigten Gasmengen bereits längere Zeit im Voraus. Dadurch können frühere Einkaufspreise zunächst weiterwirken. Wie stark höhere Großhandelspreise später an die Kunden weitergegeben werden, hängt von der Beschaffungsstrategie des Lieferanten und den Vertragsbedingungen ab.

Nach Angaben der Bundesnetzagentur zahlten Bestandskunden zum Stichtag 1. April 2026 durchschnittlich 12,16 Cent je Kilowattstunde. In der Grundversorgung waren es 13,01 Cent.

Bei einem angenommenen Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden entsprach der durchschnittliche Bestandskundenpreis jährlichen Gaskosten von rund 2.432 Euro.

Vertragliche Preisgarantien können Erhöhungen ausschließen. Werden Preise zulässig angepasst, müssen Versorger die gesetzlichen Informationspflichten beachten. In der Regel besteht bei einer Preisänderung ein Sonderkündigungsrecht.

Steigende Gaspreise beeinflussen auch Stromkosten

Die Verteuerung von Erdgas betrifft nicht allein Gasheizungen. Sie kann sich auch auf die Strompreise auswirken, weil Gaskraftwerke in bestimmten Stunden den Börsenstrompreis bestimmen.

Besonders relevant ist dies, wenn die Stromnachfrage hoch ist und die Erzeugung aus erneuerbaren Energien nicht ausreicht. Steigen dann die Brennstoffkosten der Gaskraftwerke, kann auch der Stromgroßhandel teurer werden.

Die Bundesnetzagentur stellte bereits für September steigende Strompreise bei Neukunden fest. Der modellierte Durchschnitt lag bei 38,62 Cent je Kilowattstunde. Das waren rund neun Prozent mehr als im Durchschnitt des ersten Halbjahres.

Die Behörde führt die Entwicklung insbesondere auf gestiegene Beschaffungskosten und geopolitische Unsicherheiten zurück. Für Oktober erwartet sie einen weiteren Anstieg der Neukundenpreise.

Energieintensive Industrie unter Kostendruck

Besonders betroffen sind Unternehmen, die große Mengen Erdgas benötigen. Dazu gehören Teile der Chemieindustrie, die Düngemittelproduktion und die Stahlindustrie.

In diesen Branchen dient Erdgas sowohl als Energieträger als auch teilweise als Rohstoff. Steigende Preise verteuern deshalb unmittelbar die Produktion.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters haben einzelne Unternehmen energieintensiver Branchen ihre Produktion angesichts der hohen Energiekosten bereits reduziert.

Für die europäische Industrie kommt hinzu, dass sich die Wettbewerbsbedingungen gegenüber Ländern mit niedrigeren Energiepreisen verschlechtern können.

ACER verweist zudem auf eine wachsende Bedeutung amerikanischen Flüssigerdgases. LNG aus den Vereinigten Staaten deckte zuletzt rund 30 Prozent der gesamten europäischen Gasversorgung. Damit haben Veränderungen des internationalen LNG-Marktes erheblichen Einfluss auf die europäische Kostenentwicklung.

Gasversorgung im Winter bleibt entscheidend

Die kommenden Wintermonate werden zeigen, wie sich die bisherige Preisentwicklung auf Haushalte und Unternehmen auswirkt.

Die Europäische Kommission und die Bundesnetzagentur betonen, dass Europa inzwischen besser auf Störungen der Gasversorgung vorbereitet ist als während der Energiekrise 2022. Gleichzeitig bleiben die geringeren Speichervorräte und die eingeschränkten LNG-Lieferungen aus dem Nahen Osten wichtige Belastungsfaktoren.

Die Bundesnetzagentur hält einen sparsamen Umgang mit Gas weiterhin für sinnvoll. Für Verbraucher hängt die tatsächliche Kostenentwicklung vor allem davon ab, wann ihre Versorger neue Mengen einkaufen und welche Preisregelungen ihre Verträge enthalten.

Der Anstieg über 100 Euro je Megawattstunde macht deutlich, dass hohe Großhandelspreise und eine grundsätzlich gesicherte Gasversorgung gleichzeitig bestehen können.

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